Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Das soll der Mekong sein!? Die Mutter aller Flüsse, von den Laoten liebevoll Mae Nam Khong genannt, der drittlängste Strom Asiens mit fast 5000 Kilometern Länge. Ich bin enttäuscht! So viel Trubel und Mythos um einen Fluss – und dann das:

im Januar mit Niedrigwasser

Vor mir liegen vor allem eine Menge Staub, zu einer Art Sandbank aufgehäuft, und ein dünnes, braunes Rinnsal das träge dahinfließt. So langsam, dass es mit bloßem Auge fast nicht erkennbar ist. Der Fluss hat es nicht eilig. Die meisten Laoten auch nicht.

Schon vom Flugzeug aus habe ich vergeblich versucht den Mekong zu erkennen. Fehlanzeige. Viele hundert grüne Berge, kaum Städte oder Dörfer und nur hin und wieder mal das silberne Aufblitzen von Wasser in der Sonne. Vor allem dort wo schon Stauseen entstanden sind, um Wasserkraft zu nutzen. Wasser ist eine der wichtigsten Ressourcen des Entwicklungslandes. Und die will das Land jetzt verstärkt nutzen, um sich zur Batterie Asiens zu etablieren und eine Einnahmequelle zu erschließen.

Laos ist das am dünnsten besiedelte Land in Südostasien. Nur knapp 7 Millionen Einwohner leben auf etwa 237.000 Quadratkilometern, einer Fläche die in etwa der alten Bundesrepublik Deutschland entspricht. Und Laos ist das einzige Land ohne direkten Zugang zum Meer. Stattdessen gibt es den Mekong. Die Lebensader der gesamten Region, sagt man.

So richtig viel ist davon allerdings nicht zu spüren an diesem Januar-Nachmittag. Die Hauptstadt Vientiane schmiegt sich elegant in eine Mekong-Schleife. An der Promenade wird gebaut. Ein paar einsame Arbeiter hocken mit Mundschutz in der Hitze und fegen Staub. Langsam. Ganz langsam. Große Baumaschinen stehen am Rand der staubigen Straße. Seit etwa einem Jahr schon wird gebaut, wie man mir versichert. Offenbar soll hier noch weiter planiert und asphaltiert werden. Eines der Ufer-„Restaurants“ hat ein Schild aufgehängt. Auf Lao und Englisch ist zu lesen: „Wegen der Baustelle muss das Restaurant leider auf unbestimmte Zeit geschlossen bleiben.“ Weil die Besitzer den Gästen auch „Merry Christmas and a happy New Year“ wünschen, hängt das Schild wohl schon länger. Wann die Arbeiten weitergehen ist nicht sicher. Klar ist nur eines: die Hauptstadt soll eine repräsentative Uferpromenade bekommen, so wie sich das für Metropolen gehört. Breit und betoniert. Think big.

Die meiste Zeit ist der Mekong Grenzfluss: Zu China, zu Myanmar, und hier in der Hauptstadt Vientiane zu Thailand, bevor der Fluss nach Kambodscha weiterfließt. Thailand ist im Moment also nur einen Steinwurf weit entfernt, vom Ufer betrachtet könnte man fast hinüber waten.

Schiffbar ist der Mekong hier noch nie richtig gewesen. Es gibt zwar einen Anleger 10 Kilometer außerhalb der Stadt, doch auch der ist außer Betrieb. Im Moment können nur die flachen Fischerkähne hier entlang paddeln. Aber auch die liegen fest vertäut am Ufer. 4 Kähne kann ich ausmachen, als ich durch den Staub am Ufer entlang schlendere.

Und viel Dreck und Abfall: Der gesamte Uferhang ist eine Müllkippe. Alles, was nicht mehr gebraucht wird, wird hier entsorgt: Tüten und Säcke, über denen die Mücken kreisen, Bauschutt, abgeholzte Bananenstauden.

Und dann steht da doch noch ein Fischer in der braunen Brühe und wirft seine Netze aus. Ob er erfolgreich ist, kann ich aus der Entfernung nicht beobachten. Aber irgendwoher muss der Fisch ja kommen, der hier jeden Abend in den Garküchen gegrillt angeboten wird. Eine Spezialität. Ich entschließe mich spontan, den Genuss des Leckerbissens erst mal noch zu verschieben.

An anderen Stellen im Mekong ist der Fischfang ertragreicher. Dort leben ganze Familien davon, weiter im Süden des Landes. 1200 Fischarten tummeln sich dort. Noch. Immerhin: Insgesamt 2 Prozent des Wildfisches der weltweit vermarktet wird stammt aus dem Mekong. Außerdem warten Millionen Reisbauern jedes Jahr auf das saisonale Hochwasser, das fruchtbaren Boden anschwemmt. Schätzungen zu Folge ernährt der Fluss etwa 600 Millionen Menschen in ganz Südostasien. Er ist also Lebensgrundlage und Attraktion zugleich. Denn im Norden ist der Mekong gut schiffbar. Dort ist er vor allem eine Touristen-Anlaufstelle: Von Houay Xai an der thailändischen Grenze aus schippern sie in Richtung Luang Prabang, der alten Königsstadt und Ausflugsziel Nummer 1 in Laos.

Und eben dort soll vielleicht bald der erste Staudamm entstehen. Die vietnamesischen Nachbarn planen eine Großinvestition. Die kommunistische Landesführung ist nicht abgeneigt. Aber was heißt das für die Laoten? In wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht? Bislang sind die zahlreichen Wasserkraftwerke nur in den Mekong-Zuflüssen entstanden. Ist die Wasserkraft der neue Exportschlager des Landes? Kann Laos sich so von der UN-Liste der „least developed countries“ verbessern? Das will ich in den kommenden Wochen herausfinden und dann doch mal einen Mekong-Fisch probieren.

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