Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Zu Besuch in einer laotischen Sauna mit Massage

Dicke Dampfschwaden steigen auf. Mitten in einem der ärmeren Viertel der Stadt, in der Nähe eines Klosters. Keine befestigten Wege, nur Sand und Staub, keine gemauerten oder betonierten Häuser, statt dessen die typischen Holzpfahlbauten, abenteuerlich zusammengezimmert. Drumherum Bäume, Bananen, exotische Pflanzen, streunende Hunde und Katzen und Müll.

Dort liegt Noys laotische Kräuter-Dampfsauna. Ohne Hilfe unauffindbar. Noy ist offenbar eine Institution in Vientiane. Eine Adresse, die als Geheimtipp weitergegeben wird. An sieben Tagen in der Woche empfängt sie die Kundschaft zum Schwitzen. Um sie herum wuseln ihre „Mitarbeiter“ – heizen ein, kochen unermüdlich neuen Tee und massieren die Gäste. Fast allesamt Cousins und Cousinen von Noy – Es ist ein Familienunternehmen. Aber ganz klar „I am the boss!“ lacht Noy über das ganze Gesicht.

Schon von weitem ruft sie einem aus dem ersten Stock des Pfahlbaus ein fröhliches Sabai Dee zu. „You come for sauna and massage?“ Eine eher rhetorische Frage: Sonst würde sich kein Farang, kein Ausländer hierher verirren. Noy macht es einem leicht: Sie spricht außergewöhnlich gut Englisch und nimmt einem sämtliche Berührungsängste. Vor 10 Jahren hat sie die Sauna von ihrer Tante übernommen. Eine Nonne, die im Nachbarhaus lebt. Die sei jetzt aber steinalt und könne nicht mehr so. Dabei ist steinalt ein dehnbarer Begriff in Laos: Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei gerade mal 55 Jahren. Schuld sind die schlechte Ernährung und die mangelnde medizinische Versorgung.

Noy drückt mir ein bunt gemustertes Tuch – einen Sin, die laotische Form des Sarongs – in die Hand und weist mich zur Umkleidekabine. Ein relativ großes, abgeteiltes Kabuff. Ich wickele mich in den Stoff, stopfe mein Hab und Gut in meinen Rucksack und harre der Dinge, die da kommen.

Erst mal richtig ankommen und dazu Tee trinken. Eine bittere rote Flüssigkeit aus einem riesigen Alukessel von dem Tisch in der Mitte. In U-Form stehen die Bänke drum herum. Hier versammeln sich die Saunagänger, um von Noy eingewiesen zu werden. Die unterzieht einen erst mal einem Interview: Woher man kommt, was man hier so treibt, wie man heißt. An Gudrun ist bislang noch jeder Laote gescheitert. Das mit dem R ist einfach nicht so ihre Stärke.

Noy versucht es mehrfach, lacht sich über sich selbst kaputt und schüttelt sich dabei. Eigentlich lacht Noy die ganze Zeit. Sie witzelt herum, macht anzügliche Scherze und derart trockene Sprüche, dass man merkt, dass hier auch viele Westler ein und aus gehen. Noy studiert vormittags, bevor die Sauna öffnet „Business“ an einer internationalen Schule. Geschäftstüchtig ist sie ohne Frage. Aber auch sehr herzlich: Sie liest mir mein Horoskop aus einer Frauenzeitschrift vor. Und dann bin ich bereit für die Sauna.

Dichter Nebel und babylonisches Stimmengewirr schlägt mir entgegen. Ich bleibe erst mal in der Türe stehen. Denn sehen kann ich NICHTS. Ich mache den „Hand vor den Augen Test“ und komme bis cirka 15 Zentimeter vor meine Nase, dann ist Schluss. Aber eine Hand kommt mir aus dem Nebel entgegen und führt mich zu einer schmalen, niedrigen Sitzbank. Eine italienische Hand.

Schnell wird klar: Ich sitze hier zwischen Expats aus aller Herren Länder, Touristen und Laoten und alle schwitzen vor sich hin. „I am a teacher“ ist wohl der meistgehörte Satz. Zum Beispiel von John aus Holland, der schon seit 9 Jahren in Vientiane Englisch unterrichtet und einmal in der Woche bei Noy zum Schwitzen kommt. Der Mensch braucht Rituale. Und ein laotisches ist die Reinigung in der Dampfsauna.

Die dichten heißen Schwaden kommen aus zwei Schlitzen im Boden. Unter der Hütte steht der holzgeheizte schwarze Kessel. Mit zwei Ofenrohren wird der Dampf nach oben geleitet. Eine abenteuerliche Konstruktion, aber sie funktioniert hervorragend. In der feuchten Hitze läuft der Schweiß in Strömen. Es ist ein stetes Kommen und Gehen. Wie viele Gänge man vor der Massage absolvieren möchte, ist jedem selbst überlassen. 2 – 3 empfiehlt Noy.

Neun Personen können in der Dampfkabine sitzen. Außerdem gibt es noch Stehplätze. Die Holzwände und die Türe sind mit Stoffbahnen abgehängt, so dass der Dampf nicht entweichen kann. Nur oben über der Hütte raucht und qualmt es ganz gewaltig. Und es riecht stark nach Kräutern, die ich nicht zuordnen kann. Wahrscheinlich alles, was Noys Kräutergarten hinter dem Haus und in den vielen Hängetöpfen (ausgehöhlte Kokosnüsse) hergibt.


Nach gefühlten 15 Minuten – Uhren gibt es hier nicht, man könnte sie ohnehin nicht sehen – habe ich genug Körperflüssigkeit verloren und taste ich mich nach draußen. Das bunte Tuch klebt an meinem Körper und ich tapse die Treppe von der Pfahlbauhütte nach unten zur abkühlenden „Dusche“. Mitten zwischen Bananenstauden und anderen exotischen Pflanzen steht auf einem Stück Beton eine große blaue Regentonne. Eine alte Schüssel dient zum Schöpfen. Noy ist gut im Improvisieren: Es gibt auch einen Spiegel – ausrangiert von einem alten Moped.

Aber hier geht es nicht um Schönheit, sondern um Reinigung und Entschlackung. Deshalb gibt es auch ständig Tee so viel man möchte (und den Geschmack muss man mögen!) aus einer lustigen Tassenansammlung – manche mit, die meisten eher ohne Griff.

Nach zwei Schwitzgängen und Schöpfduschen bekomme ich einen neuen, trockenen Sin von Noy und bin reif für die Massage. So treffe ich auf der offenen Fläche neben der Sauna auf Noys Cousin Viang. Ab jetzt nur noch der Knochenbrecher genannt. Sechs einfache Holzfutons stehen hier nebeneinander und warten auf Freiwillige, die sich der Prozedur unterziehen wollen. Auch Buddha musste auf dem Weg zur Erleuchtung ja einiges durchmachen……


Schon der Reiseführer hatte vor der laotischen Massage gewarnt. Das sei nichts für schwache Nerven. Eine starke Untertreibung: Die Techniken sind seit Jahrhunderten an die Bedürfnisse der Reisbauern angepasst. Als mir Viang zum ersten Mal mit seinem ganzen Körpergewicht auf den Rücken kracht bin ich unendlich dankbar, dass Laoten so klein und zierlich sind. Bei einem Europäer hätte ich den Angriff auf meine Wirbelsäule wohl nicht überlebt. So kracht es nur unüberhörbar und ich bin fest davon überzeugt, den Rest meines Lebens im Rollstuhl zu verbringen.

Aber ich kann meine Beine noch spüren, merke ich, als er seine Daumen nicht gerade zimperlich in meine Fußsohlen bohrt. Überhaupt ist die laotische Massage nicht mit der europäischen Variante vergleichbar. Es ist eher wie bei der Thaimassage, bei der alle Körperteile ausgiebig gedehnt werden. Dieser kleine Laote setzt Kräfte frei wie Arnold Schwarzenegger. Es kracht in acht von zehn Zehen und in sieben von zehn Fingern. Immerhin der Nacken scheint in Ordnung. Ich rechne fest mit blauen Flecken, aber das weiß ich erst morgen. Etwa eine Stunde schätze ich dauert die Prozedur, mit mehrfach wenden und Knochenknacken.

Für Dampfsauna, Schöpfdusche, Tee und Massage berechnet Noy 50.000 Kip – umgerechnet 5 Euro. Das Abenteuer ist das Geld mehr als wert. Für das Erlebnis, die wunderbar lockere Atmosphäre, die sehr nette und herzliche Noy, die ständig Witze reißt, immer lacht und alle ins Gespräch integriert. Nach drei Stunden bei Noy fühle ich mich herrlich leicht. Entspannung ist eben wenn der Schmerz nachlässt.

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