Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Wer Ruanda besucht, kommt am Völkermord nicht vorbei. Der Genozid von 1994 ist DAS Ereignis, das die Welt stets sofort in Verbindung mit dem Land bringt. Wo soll man anfangen, die Geschichte zu erzählen?

Eines der Massengräber der Gedenkstätte, in denen 250.000 Menschen liegen.

Eines der Massengräber der Gedenkstätte, in denen 250.000 Menschen liegen.

Am Besten auf dem dramatischen Höhepunkt der schrecklichen Ereignisse: Im Frühsommer 1994 tat sich in Ruanda das Tor zur Hölle auf. Die Menschen wurden zu Barbaren und haben sich gegenseitig – es gibt kein anderes Wort dafür – abgeschlachtet. In nur drei Monaten starben in einem Blutbad 800.000 bis 1.000.000 Millionen Menschen. Wie es zu so einem Exzess kommen konnte, ist für den Außenstehenden nur schwer nachzuvollziehen. Zu begreifen ist es eigentlich gar nicht.

Damit der Völkermord nicht in Vergessenheit gerät, gibt es in der Hauptstadt Kigali eine zentrale Gedenkstätte mit Museum. Die Geschichte, die dort erzählt wird, beginnt vor ein paar hundert Jahren, als ein Stamm aus dem Norden nach Ruanda einwandert. Die Tutsi sind Viehzüchter. Sie kommen in das Gebiet der Hutu, die Bauern sind. Die beiden Volksstämme vermischen sich, entwickeln eine gemeinsame Sprache und kommen jahrhundertelang gut miteinander aus. Anfangs sind die Tutsi – weil Viehzüchter – im Allgemeinen etwas wohlhabender und viele Hutu als Bauern arbeiten für sie. Es bildet sich eine klassische archaische Gesellschaftsform mit einer herrschenden und einer dienenden Schicht, wie es sie in der Geschichte hunderte Male gegeben hat.

Problematisch wird es erst, als viel später die Kolonialmächte in Afrika Politik machen. Ruanda wird 1884 zuerst deutsche, nach dem ersten Weltkrieg belgische Kolonie. Beide Kolonialmächte versuchen über Verwalter, eine hierarchische Ordnung zu installieren, um ihre Macht zu sichern. Und dazu bestimmen sie natürlich – weil es am einfachsten ist – die Oberschicht zu den Verwaltern. Die werden nun wieder Tutsi genannt, sind als Volksstamm praktisch nicht mehr zu erkennen – weil vor Jahrhunderten eingewandert. Längst sind sie genetisch weitgehend in dem Hutu-Volksstamm aufgegangen.

Um trotzdem zwischen Ober- und Unterschicht unterscheiden zu können, bestimmen die Belgier per Definition, wer Hutu und wer Tutsi ist. Jeder, der mehr als zehn Rinder hat, ist Tutsi, der Rest gehört zu den Hutus. Eigentlich eine Einteilung nach wirtschaftlicher Stärke also und nicht nach Volksstämmen. Fatalerweise schreiben die Belgier die neue Stammeszugehörigkeit 1932 in die Pässe der Ruander. Jetzt kann man Unterschicht und Oberschicht am Pass erkennen. Ein sozialer Auf- und Abstieg ist nicht mehr möglich, die Belgier haben unbewusst einen Keil in die Gesellschaft getrieben und den Grundstein für die Katastrophe gelegt.

Namen einiger Opfer an einer Gedenkmauer

Namen einiger Opfer an einer Gedenkmauer

Die Spannungen nehmen über die Jahre zu, werden politisch instrumentalisiert und enden 1994 im Massaker der zahlenmäßig überlegenen Hutu an den Tutsi. Die Völkermord-Gedenkstätte in Kigali ist umgeben von Massengräbern mit schlichten Betondeckeln. Hier liegen 250.000 Opfer des sinnlosen Mordens. Zweihundertfünfzigtausend. In der Gedenkstätte wird erklärt, wie es zu dem Völkermord kam; wie er sich vollzog, und wie das Land danach versuchte, aus den Trümmern zur Normalität zurückzugelangen.

Das Museum ist voll mit Bildern entstellter Leichen oder Überlebender mit schrecklichen Kopfwunden oder anderen Verstümmelungen. Denn die Hutu brachten die Tutsi – aufgestachelt durch Aufrufe extremistischer Parteien – nicht einfach um. Sie misshandelten sie in den meisten Fällen zu Tode, erschlugen sie mit Knüppeln, schlugen ihnen mit Macheten Arme oder Beine ab oder warfen sie in Latrinen, in denen sie ertranken. Das ist auch das Bild, das der Weltöffentlichkeit über die Medien von dem Blutbad im Kopf haften geblieben ist: Marodierende Banden, die mit Macheten bewaffnet durchs Land ziehen und Menschen ermorden.

Das Museum erklärt auch die Tatenlosigkeit der Weltöffentlichkeit während des Mordens und die Untätigkeit der UNO-Truppen, die seinerzeit im Land stationiert waren. Der spätere Uno-Generalsekretär Kofi Annan, seinerzeit für die Einsätze der Uno-Truppen verantwortlich, hat sich später für das Nicht-Eingreifen entschuldigt. Er hatte die Lage von New York aus trotz Brandbriefen seiner Generäle aus Ruanda schlicht falsch eingeschätzt. Ein Fehler, der einer Million Menschen das Leben gekostet hat, denn die Uno hätte anfangs offenbar die Möglichkeit gehabt, die Eskalation zu verhindern.

Es grenzt an ein Wunder, dass das Ruanda nur 16 Jahre nach diesem Exzess schon wieder so stabil ist, wie es derzeit ist. Über zwei Millionen Menschen waren jahrelang über die Grenzen der Nachbarländer auf der Flucht, kehrten zurück und mussten wieder eingegliedert werden. Heute sind die Spannungen weitgehend verschwunden, das Unbegreifliche aber bleibt für immer.

Ich muss auch zugeben, dass ich die langfristigen Auswirkungen des Völkermordes in meinen Vorbereitungen auf die Reise völlig unterschätzt habe. Denn praktisch jeder hier im Land war entweder Opfer oder Täter, das ist mir seit heute klar. Obwohl es heute offiziell keine Rolle mehr spielt, welchem Stamm man angehört, wissen es die Leute natürlich noch – nur 16 Jahre danach. Täter und Opfer sind heute keine alten Menschen mit einer fernen und schrecklichen Vergangenheit, sondern Mitglieder der Gesellschaft im besten Alter. Und alle kennen sich! Viele Mörder leben noch, viele als direkte Nachbarn im Dorf oder im Stadtteil! Es wird sicher schwierig, aber für die nächsten Wochen habe ich mir vorgenommen, einmal den einen oder anderen darauf anzusprechen, wie man mit so einem Wissen umgeht.

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