Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

30 Ausländer umrunden im Zeitlupentempo im Storchengang einen Tempel in Vientiane. Eigentlich braucht man sich nicht wundern, wenn die Laoten die Farang komisch beäugen, sie hin und wieder fotografieren, ihre Haare anfassen wollen und oft lachend den Kopf schütteln. Wahrscheinlich halten sie uns alle für Aliens – vom anderen Ende des Universums. Dabei ist das, was die Aliens da tun Völkerverständigung par excellence! Eine Vipassana-Meditation aus dem buddhistischen Kulturkreis und kein alter Opferritus.

Einmal in der Woche lädt das Kloster Sokpaluang zur Vipassana-Mediation. Eineinhalb Stunden mit anschließender Fragerunde. Vipassana ist eine der ältesten Meditationstechniken bedeutet so viel wie „die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind“. Ursprünglich kommt das ganze aus Indien und dient als universelles Heilmittel gegen universelle Krankheiten. Der Leiter des Klosters schwört darauf und für seine Mitmönche ist die tägliche Meditation deshalb Pflicht. Wenn die Zeit reif ist, schlägt ein Mönch den Gong. Oder in diesem Fall besser eine alte Flugabwehrrakete. Kreatives Ressourcen-Management.


125 Mönche leben in dem Kloster und etwa 30 Nonnen. Die Anlage ist weitläufig, große Bäume stehen zwischen den Gebetsgebäuden, Buddhastatuen und Wohnhäusern. Im hinteren Teil gibt es auch eine Verbrennungsstätte für Beerdigungen und die für Laos üblichen Gräber.

Wo genau die Meditation stattfindet ist nicht genau beschrieben, deshalb irren um kurz vor vier einige Farang über das Gelände. Eine US-Amerikanerin erzählt hinterher halb belustigt, halb beschämt, sie sei zur erst besten großen Gruppe gegangen und habe gefragt, ob das der Ort der Meditation sei. Die knappe Antwort des Laoten: „No this is my grandfathers funeral“.

Die Meditation findet in dem Tempel mit der schönsten Gartenanlage statt. Die Mönche haben uns schon erwartet und den Platz unter dem reich verzierten Dach vorbereitet. Plastikläufer liegen aus. Darauf bunte Sitzkissen aus laotischer Seide, die sich schnell füllen. Und zwar wie das meist ist in westlichen Kulturen: Von hinten nach vorne. Keiner möchte in der ersten Reihe direkt vor den prüfenden Augen der Mönche sitzen. Die eröffnen die Zeremonie mit mehreren Mantras, die sie zum Lobpreis Buddhas singen, unterstützt von den wenigen anwesenden Laoten. Die meisten der etwa 30 Teilnehmer sind Farangs, Expats und Touristen, die im Reiseführer von der Veranstaltung gelesen haben.

Ein älterer Herr in Zivil leitet die Meditation. Er begrüßt alle in relativ klarem Englisch und erklärt den Ablauf: 20 Minuten Meditation im Sitzen, dann 20 Minuten im Gehen und dann wieder 20 Minuten im Sitzen. Einige werden bei diesen Zeitangaben leicht nervös und rutschen auf ihren Kissen hin und her. Aber wenn man schon mal da ist…..

Es gehe darum, den Kopf frei zu kriegen. Alle Gedanken einfach gehen zu lassen und sich ganz auf sich selbst zu konzentrieren. Das alles mittels des asiatischen Allheilmittels: Der Atmung. Und dazu sitzt man natürlich „straight upright!“. Es kommt Bewegung in die Gruppe. Denn bislang lümmeln alle, gebeugt von ihren Bürojobs in äußerst schlechter Haltung auf den Kissen. Der Asiate schließt die Augen und atmet ein. Wir atmen mit. Was sollten wir auch sonst tun!?

Er selbst meditiert jeden Tag drei Mal erzählt er – nach dem Aufstehen, nach dem Abendessen und vor dem Schlafen gehen. Allerdings immer nur cirka 10 Minuten. Mehr Zeit habe er auch nicht, alles sei ja so schnelllebig geworden in Laos. Nun, das liegt in den Augen des Betrachters.

20 Minuten atmen kann ganz schön lang sein. Vor allem, wenn man sich mit sich selbst beschäftigen muss. Nach etwa 10 Minuten wird die Frau vor mir nervös und geht. Das royalblaue T-Shirt mit dem „Imperial Beer Costa Rica“ outet sie zwar als Weltreisende. Allein: Geduldig sein hat sie auf ihren Reisen offenbar nicht gelernt. Alle anderen atmen weiter. Zu hören ist nur das Rauschen der Blätter in den hohen Bäumen rund um den Tempel. Ab und zu kläfft irgendwo einer der vielen streunenden Hunde. Die Sonne bricht durch die Blätter und malt Muster auf die braunen Fliesen. Über uns eiert ein altersschwacher Ventilator.

Nach exakt 20 Minuten schlägt der Gruppenleiter eine Glocke aus Messing. In den Wirren des politischen Umbruchs in den 70er Jahren ist er nach Frankreich geflohen und hat dort studiert. Als er nach Laos zurück kam war alles anders, erzählt er. Aber er hat sich eingewöhnt. Was immerhin seit vielen Jahren konstant ist, ist der Meditationstermin im Kloster Sokpaluang.

Jetzt also bewusst gehen, Füße richtig heben und langsam wieder aufsetzen. Dazu atmen und wenn möglich die Augen schließen. Wie langsam kann man gehen? Sehr, aber man muss sich auch sehr konzentrieren. Und mir fällt auf, dass ich mit dem rechten Bein größere Schritte mache als links. Als ich meinen Rhythmus gefunden habe, versuche ich die Augen dabei geschlossen zu halten. Und prompt schwanke ich wie ein Matrose bei hoher See. Einmal muss ich sogar mit den Armen rudern, um nicht vom Weg zu kippen. Peinlich! Und erstaunlich, wie anstrengend Langsamkeit sein kann.

In einer Welt in der es immer um größer, schneller, weiter, besser geht, in der es schick ist Stress zu haben um zu zeigen, wie wichtig man doch ist, ist es komisch sich selbst so auszubremsen. In den zwanzig Minuten bis zum Gong schaffe ich es gerade einmal den Tempel zu umrunden. Die Anlage ist etwa 10 x 20 Meter groß.

Danach noch einmal 20 Minuten im Schneidersitz – gut, dass ich Yoga erprobt bin. Direkt beim ersten Mal gleich zu innerer Ruhe und Ausgeglichenheit zu finden, das ist wohl etwas viel verlangt. Aber zum Üben bekommt jeder am Ende eine schriftliche Anleitung und Texte zum Thema. Ab jetzt also öfter mal einen Gang runterschalten. Wo könnte man das besser trainieren als in Laos!? Und dann klappt´s wahrscheinlich auch wieder mit dem Gleichgewicht.

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