Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Das Einsteigerset für den Tempelbesuch umfasst 12 dünne lange Kerzen in gelb oder weiß, Räucherstäbchen, meist schon im Bündel und Blumen oder Blumengestecke – alles schön auf einem Tablett angerichtet. Alles ohne Festpreis sondern auf Spendenbasis an den Ständen am Eingang zum Vat zu bekommen. Fortgeschrittene bringen Bananen oder Kokosnüsse.

Aber so weit bin ich noch nicht, als ich mich in die Warteschlange einreihe, zwischen Frauen aus allen Gesellschaftsschichten: Dünne, dicke, junge, alte, überschminkte und runzelige, im traditionellen Sin auf hohen Hacken oder im ausgeleierten T-Shirt, in Schuluniformen. Und vor allem schwangere. Sie alle stehen vor dem Vat Simuang Schlange, um zu beten.

Der Vat Simuang liegt an einer verkehrstechnisch strategischen Stelle. Hier vereinigen sich die beiden Hauptverkehrsadern der Stadt von West nach Ost zu einer. Und im Vat vereinen sich die guten Wünsche der weiblichen Bevölkerung zu einem Blumenmeer in einer Räucherstäbchenwolke.

Als König Setthathirat Vientiane 1560 zur Hauptstadt erklärte ließ er der Legende nach dort, wo sich jetzt das Kloster befindet, die offizielle Stadtsäule, Lak Muang, aufstellen. An just dieser Stelle soll sich eine Schwangere namens Si dann in die Baugrube gestürzt haben, um sich der Stadt zu opfern. Freiwillig oder nicht ist unklar. Einen Schimmel hat man im Anschluss daran auch noch geopfert. Jetzt ist Yamae Simuang die Schutzpatronin der Schwangeren und wird bei Vollmond gesehen, wie sie über dem Kloster ausreitet.

Deshalb ist der Vat jetzt DER Anziehungspunkt für Schwangere, die dort um eine einfache Niederkunft bitten. Schon mal eins vorweg: Nein, ich bin nicht schwanger. Aber eine liebe Freundin von mir, der ich versprochen habe, für eine leichte Geburt zu bitten. Stellvertretend. Und schon bin ich mittendrin. Und zugegebenermaßen orientierungslos. Bis mich Nobphone Thirakul entdeckt. Er ist mit seiner Mutter da. Sie möchte dafür danken, dass er heil nach Hause gekommen ist. Nobphone studiert seit drei Jahren in Peking Internationale Wirtschaft und Finanzen. Das erklärt auch, warum er so gut Englisch spricht.

Die Entscheidung, welches Blumenopfer man Buddha bringen möchte ist schwer – die Auswahl ist riesig. Welche Opfergaben man nimmt, ist aber auch völlig egal, sagt Nobphone. Nur die Größe ist nicht unerheblich. Kleine Kerze, kleiner Wunsch – großes Tablett, großer Wunsch. Das was ich da auf meinem Tablett zum Tempel balanciere ist offenbar schon ein ziemlich großer Wunsch: Zwei kleine Kegel, kunstvoll aus Bananenblättern gefaltet und mit orangefarbenen Tagetesblüten verziert. Dazu bekomme ich 12 schmale weiße Kerzen. Zwischen den Kerzen liegen noch mehr Blüten.

Ich erzähle Nobphone Thirakul von meinem Vorhaben – und dem Wunsch. Er übersetzt es seiner Mutter und die lacht und macht große Gesten: Ja, ja, das stimme. Sie habe hier in der Schwangerschaft auch gebetet und dann sei Nobphone quasi so gut wie rausgeflutscht. Das macht Hoffnung! Allerdings habe sie nicht nur Opfer gebracht, sondern sei auch mit Weihwasser gesegnet worden. Das wird stellvertretend wohl nicht gehen, aber man kann ja auch nicht immer alles haben.

Als wir an der Reihe sind, weist Nobphone Thirakul mich ein. Zuerst na klar: Schuhe ausziehen. Der bunte Haufen vor dem Tempel würde Schuhfanatikerinnen und Fans von „Sex and the City“ in Verzückung geraten lassen. Da ist wirklich alles vertreten.

Im der großen Vorhalle des Tempels sitzen Mönche und halten Privatkonsultationen ab. Gegen Spenden sprechen sie Mut zu oder segnen mit Weihwasser. Viele Gläubige bekommen Glücksarmbänder umgebunden. Die Summen, die da zusammenkommen sind beträchtlich. Die Mönche durch ihr Armutsgelübde allerdings eher unverdächtig, sich die Kohle selbst einzustecken.

Im zweiten Raum befindet sich das vergoldete Stadtheiligtum. Nobphone Thirakul folgt dem üblichen Ritus. Ich folge Nobphone Thirakul:
Wir knien im Fersensitz nieder. 12 kleine Kerzen liegen paarweise auf dem Teller. Zwei davon zündet man an und klebt sie mit Wachstropfen in der Mitte fest. Die anderen bleiben liegen. Dann den Teller hochheben, so dass er oberhalb der Stirn in der Luft schwebt, balancieren und den Wunsch sagen.
Bei mir ist das schnell erledigt. Bei den anderen Gläubigen um mich herum dauert das viel länger. Das verunsichert mich – wie ausführlich soll der Wunsch denn formuliert werden? Nur einer oder mehrere? Laotische Wünsche scheinen jedenfalls sehr differenziert zu sein.

Den Asiaten fehlt zwar nachgewiesenermaßen das Gen, um Alkohol gut verarbeiten zu können, dafür haben sie aber definitiv längere Achilles-Sehnen als andere Menschen. Stundenlang können sie im Fersensitz oder in der Hocke irgendwo zubringen. Ohne sich zu bewegen und ohne dass ihre Gliedmaßen steif werden oder einschlafen. Ich empfinde meine Haltung als zusehends unbequem.

Wenn der Wunsch abgeschlossen ist, wird der Teller vor die Statue platziert. Mitten rein in das Meer aus Kerzen und Blumen, das da schon lagert. Die 5 Kerzenpaare, die auf dem Tablett zurückbleiben, werden nicht angezündet. Sie stehen für die 5 Grundregeln im Buddhismus stehen. Die lauten:
1. Nicht töten,
2. Nicht stehlen,
3. Nicht betrügen,
4. Nicht lügen,
5. Keine Drogen!
Also eine Art 10 Gebote nur nicht in Stein gemeißelt, sondern in Wachs gegossen.

Die Frauen hier können übrigens gar nicht alle schwanger sein. Dafür sind es zu viele – obwohl die Geburtenrate hier deutlich höher liegt als in Deutschland. Trotzdem ist Laos mit etwas mehr als 6 Millionen Einwohnern das am dünnsten besiedelte Land in Asien. Die jungen Frauen hier bitten darum, einen netten Freund zu finden, die frisch Verheirateten wollen bald schwanger werden, und die Älteren wünschen sich Glück und Segen für die Familie und Kinder. So wie Nobphone Thirakuls Mutter.

Wenn ihr Wunsch in Erfüllung geht, kommen die Frauen natürlich wieder um sich dafür zu bedanken. Dann bringen sie Bananen und Kokosnüsse zur Ehrerbietung. Und davon stehen so viele vor den Buddha-Statuen, dass das mit der Wunscherfüllung tatsächlich zu klappen scheint. Einige bringen ihre Kinder auch gleich mit und lassen sie segnen. Die Männer warten übrigens alle geduldig draußen auf den Bänken rund um den Tempel. Beten ist hier Frauensache! So wie gebären eben auch.

Wenn in meinem Wunsch-Fall also alles gut geht, komme ich gerne mit einem ganzen Fruchtcocktail wieder. In knapp 5 Monaten werden wir es wissen.

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