Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Phoun und Maicy stehen unter einem Blumenbogen, ein Plakat mit ihren Namen flattert im Wind. Sie lächeln schüchtern. Manchmal schaut Maicy Phoun von der Seite an, aber der guckt unfokussiert starr geradeaus, oder alternativ auf seine Schuhspitzen. Der schönste Tag im Leben sieht anders aus, sollte man meinen. Aber heute ist Phoun und Maicys Hochzeitstag.

Phoun ist 26 Jahre alt, seine Braut 25. Die Familien sind erleichtert. Für eine Eheschließung in Laos sind die beiden schon ziemlich alt. Am glücklichsten von allen strahlt der Brautvater in rotem Hemd und schwarzer Stoffhose. Er muss zwar das ganze Fest bezahlen und es kostet ihn ein Vermögen. Dafür hat er seine Tochter endlich an den Mann gebracht. Immerhin haben sich Phoun und Maicy selbst für einander entschieden.

Das war vor allem in den ländlichen Regionen von Laos nicht immer so.

Früher haben Eltern ihre Kinder miteinander bekannt gemacht. Heute gibt es sogar in den entlegendtsten Winkeln des Landes Handynetz. Auch in dem Heimatdorf von Phoun und Maicy.

Trotzdem wird hier noch traditionell gefeiert. Auf dem Dorfplatz – einem staubigen Acker neben dem Mini-Laden, stehen blau-grün-gelbe Pavillons. Darunter weiße Klapptische mit blauen Tischdecken und zahllose rote und blaue Plastikhocker. Von Tischdekorationen und Stoffhussen ist diese Party so weit entfernt wie Silvio Berlusconi von der Enthaltsamkeit.

Die eigentliche Trauung fand schon um 10 Uhr vormittags im Familienkreis statt, genau wie das anschließende erste Essen. Ab 14 Uhr kommt dann die Dorfbevölkerung dazu, um die Eheschließung zu bezeugen. Wieso sollte man sich auf einen Trauzeugen festlegen, wenn man auch ein ganzes Dorf haben kann? Plus Touristen, die sich gerade am Ende der Welt verlaufen haben. So wie ich und drei Jungs aus Bayern.

Die drei sind auf Weltreise, 12 Monate, 12 Länder. Ich bin auf der Flucht aus der Stadt mal raus in die Natur. Das wir im absoluten Niemandsland aufeinandertreffen ist ein sehr skurriler Zufall. Da fährt man viereinhalb Stunden mit allen möglichen Verkehrsmitteln, die letzten Meter musste ich sogar zu Fuß zurücklegen in den hintersten Winkel des Landes – und das erste was ich höre, als ich bei meiner Eco-Lodge ankomme ist ein bayrischer Fluch, den ich jetzt hier nicht wiedergeben möchte.

Die Beschreibung „fesche Buam“ trifft es wohl am besten. Man kann sich die Drei problemlos in karierten Hemden vorstellen – wahlweise auf dem Oktoberfest oder bei der Meisterfeier von Bayern München. Sie kommen vom Chiemsee und haben tatsächlich Lederhosen im Gepäck. Und natürlich die weiß-blauen Rauten des Freistaates – als Flagge und als Shorts.

Wir vier sind also die Abordnung, die sich um 14 Uhr auf der Hochzeitsfeier von Phoun und Maicy einfindet. Erst haben wir uns ein bisschen geziert, aber Richard Peney, in dessen Lodge wir wohnen, erklärt uns es sei viel unhöflicher nicht zu erscheinen, als die Party zu crashen. Also legen wir zusammen. Jeder gibt 20.000 Kip (2 Euro) und wir beschriften einen Umschlag mit unseren Namen. Das ist so üblich in Laos. Jeder bringt einen Geldumschlag – nicht dem Paar, sondern dem Brautvater, der das ganze Spektakel finanzieren muss.

Und der strahlt über das ganze Gesicht als wir auftauchen. Farang auf der Hochzeit – etwas ganz besonderes, eine große Ehre für die Familie. Wir werden direkt zu einem Tisch ganz vorne neben der Tanzfläche geleitet. Sofort räumen ein paar Frauen die Gläser, Teller und Essensreste ab. Der Brautvater höchstpersönlich wendet das Tischtuch mit der beklecksten Seite nach unten.

Das ganze Dorf ist da und beäugt uns neugierig. Etwa 150 Menschen, aber nur eine spricht Englisch: Die Schwester des Bräutigams: Khone. Sie sitzt bei uns am Tisch und versorgt uns mit Getränken. Essen lehnen wir höflich ab. Die Reste überall auf und unter den Tischen haben alle schon mal gelebt und sehen nicht so aus, als ob sie für europäische Mägen verträglich wären. Im ganzen Zelt sieht es aus, als ob ein Orkan durchgerauscht wäre. Ein nicht besonders appetitliches Durcheinander.


Die Laoten scheint das nicht zu stören. Im Gegensatz zu ihrer Umgebung sind sie alle wie aus dem Ei gepellt. Besonders die Frauen. Alle tragen den traditionellen wadenlangen Seidenrock, den Sin. Dazu eine farblich passende Bluse und hochhakige Schuhe. Damit staksen sie erstaunlich grazil über den Acker. Ich fühle mich mit meinen Wandersandalen reichlich deplatziert. Die Männer tragen Hemd und überwiegend dunkle Stoffhosen, nur der Bräutigam trägt weiß. Verkehrte Welt.

Und dann beginnt die Band zu spielen: Wechselnde Sänger und ein Keyboarder geben laotische Schnulz-Schlager zum Besten – in ohrenbetäubender Lautstärke. Dass keiner der Sänger wirklich singen kann ist egal, Hauptsache laut. Die Partygäste stürmen begeistert die Tanzfläche. Frauen und Männer gleichermaßen. Hier gibt keiner eine Zerrung im Oberschenkel nach dem letzten Fussball-, Handball- etc. Training vor…….


Beim traditionellen laotischen Tanz bilden die Männer einen inneren Kreis, die Frauen einen äußeren. Die beiden Tanzpartner stehen sich gegenüber. Und dann bewegt sich der Kreis in kleinen seitlichen Schritten. Dazu wackelt man mit den Armen und vor allem den Händen – eine Bewegung, die mich an indische Heiligenfiguren erinnert. Wir verfolgen das Spektakel von unseren Plastikhockern aus. Bis der Brautvater mich, von BeerLao und unserer bloßen Anwesenheit beflügelt, zum Tanz auffordert.

Die anderen Gäste halten spürbar die Luft an. Und weil er mich so tapfer, dankbar und fast zahnlos anstrahlt kann ich ihm die Bitte nicht abschlagen. Ab dann drehe ich fast zwei Stunden lang meine Runden auf der Tanzfläche. Vom Mut des Brautvaters angesteckt, werde ich der Reihe nach von allen männlichen Partygästen zum Tanz aufgefordert. Wer sich nicht selbst traut an unseren Tisch zu kommen, schickt einen Mutigeren vor. Und die Frauen, mit denen ich in einer Reihe tanze nicken mir anerkennend zu. Meine Tanz-Improvisation scheint nicht so schlecht zu sein. Allerding werde ich wahrscheinlich einen Gehörschaden davon tragen.


Die drei bayerischen Jungs trinken derweil tapfer mit der Dorfjugend um die Wette. Der Alkoholpegel steigt bei allen Anwesenden merklich. Und schließlich packen die Laoten ihre Fotoapparate aus. Wenn sich schon mal die Gelegenheit bietet so nah an Farang ran zu kommen, dann bitte recht freundlich. Nach dem Tanzmarathon also der Fotomarathon.

Gegen 16:30 Uhr leert sich das Zelt spürbar. Um 17 Uhr hört die Band auf zu spielen. Wir machen uns zum Aufbruch bereit. Das Zelt sieht mittlerweile aus wie ein Schlachtfeld. Alle bedanken sich überschwänglich für unseren Besuch. Es ist so, als ob nicht Phoun und Maicy der Mittelpunkt der Party wären, sondern wir. Schade für die beiden. Was bleibt ist ein unvergesslicher Tag für uns – und für Phoun und Maicy. Die ich außer bei der Begrüßung und einer Ansprache kein einziges Mal zusammen gesehen habe.

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