Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Mein Rekord-Minibus: 19 Personen

Nach nunmehr einigen Wochen habe mich an Afrika gewöhnt. Die Armut in Ruanda ist für mich inzwischen Alltag. Das Mitleid und Erschrecken ist der Erkenntnis gewichen, dass diese Menschen ihr Leben so gewöhnt sind. Sie sind arm aber glücklich. Sie leiden nicht unter ihrer Armut, weil sie etwa einmal reich waren.

Trotzdem kann man natürlich einiges tun, um ihre Lebensumstände zu verbessern. Daran arbeiten hier auch viele Leute jeden Tag sehr hart. Fährt man durch die Straßen von Kigali, dann sieht man das „Who is who“ der internationalen Entwicklungsorganisationen: World Vision, US Aid, UNICEF, UNHCR, World Food Program, World Relief, GIZ, OLPC und viele anderen haben hier ihre Büros. Sie alle haben Hilfsprojekte in praktischen allen Regionen des Landes.

Mir scheint es manchmal so, als versuche die Weltgemeinschaft durch die viele Hilfe ihr schlechtes Gewissen hinsichtlich des Völkermords zu verarbeiten. Umgebracht haben sich die Ruander vor 16 Jahren alleine, diese Schuld kann ihnen keiner nehmen. Dass die Welt dabei allerdings tatenlos zuschaute ohne einzugreifen, obwohl die Fakten bekannt waren (und über jeden Fernsehschirm weltweit flimmerten), dass verpflichtet die internationale Gemeinschaft bis heute.

Ein Gradmesser für die viele Hilfe ist die sogenannte ODA-Quote. ODA steht für Official Development Assistance und gibt den Anteil der Entwicklungshilfe am Brutto-Nationaleinkommen an. In Ruanda liegt die ODA-Quote seit Jahren sportlich über 50 Prozent, d.h. die Hälfte allen Geldes kommt als Hilfe aus dem Ausland. Und das ist auch gut so, denn nach dem Völkermord hätten die Dinge hier auch ganz anders laufen können. „Wir hätten auch ein zweites Somalia werden können,“ hat mir vor einigen Tagen ein Vertreter des ruandischen Bildungsministeriums gesagt. Wie ich schon einmal schrieb: Mit dieser Historie ist es ein kleines Wunder, dass Ruanda nach 1994 nicht im Chaos versank. Ganz im Gegenteil: Heute ist das Land auf dem Sprung, ein Vorzeigeland in Afrika zu werden, zumindest was die wirtschaftliche Entwicklung und die Sicherheit angeht.

Blick vom Motorradtaxi

Blick vom Motorradtaxi

Wie gesagt: An die Armut gewöhnt man sich, ohne sie jedoch als endgültig und oder gar unabänderlich zu akzeptieren. An eine andere Sache gewöhnt man sich allerdings nicht: Den Verkehr in Kigali. Und davon will ich heute berichten: Es gibt im Wesentlichen vier Arten, sich fortzubewegen: Mit dem eigenen Auto, per Taxi, per Motorrad-Taxi und per Mini-Bus.

Gehen wir es der Reihe nach durch: Ein eigenes Auto macht in Kigali keinen Sinn, es sei denn, man steht gerne im Stau. Taxis, wie wir sie aus Deutschland kennen, gibt es eigentlich nur am Flughafen. Bleiben also Motorrad-Taxi und Mini-Bus. In einen Mini-Bus passen offiziell 18 Menschen rein (einschließlich Fahrer und Kassierer). Das ist dann ein bisschen wie bei „Wetten dass…?“ in den 80ern, als sich einmal 20 Leute in einen VW-Käfer gequetscht haben. Ich saß auch schon in einem Mini-Bus mit 19 Personen.

Busfahren in Kigali ist ganz sicher nichts für Klaustrophobiker oder (körper-)kontaktscheue Menschen. Die maximale Anzahl der Sitzplätze wird in der Praxis eigentlich nur durch die Physiologie der Passagiere begrenzt. Heißt im Klartext: Erst wenn es weh tut, ist der Bus voll. Das macht Mini-Bus fahren anstrengend. Und nach Murphys Gesetz muss natürlich immer ausgerechnet derjenige aussteigen, der ganz hinten, ganz weit weg von der Tür sitzt. Dazu kommt, dass es in vielen Haushalten kein fließendes Wasser gibt. Dem entsprechend glauben einige Passagiere ganz offensichtlich, Wasser sei nur zum Trinken da. Im Mini-Bus umweht einen also stets der herbe Charme Afrikas. In meinem Fall kommt verschärfend hinzu: Mir, dem einzigen Muzungu im Bus, will jeder neue Passagier die Hand schütteln. Ich blende dann stets einfach kurz aus, dass es in vielen Haushalten kein Toilettenpapier und kein fließendes Wasser gibt und erfreue mich der geradezu anhänglichem Klebrigkeit meiner Mitfahrer. Kurzum: Busfahren kann man mal machen, es nervt aber auf Dauer.

Einige der apokalyptischen Reiter...

Einige der apokalyptischen Reiter...

Bleibt dem Muzungu also das Motorrad-Taxi. Erste Übung: Preisverhandlung. Jeder Fahrer hat einen zweiten Helm. Den schnappt man sich, sagt, wohin man möchte, und fragt, wieviel es kostet. Bei neun von zehn Fahrern kostet es für Muzungus das Doppelte. Man lächelt also, halbiert den Preis, und sagt: „Its a good deal for a Muzungu!“ Damit der Fahrer versteht, dass man die Preise kennt. Die meisten verstehen das und willigen ein. Manche allerdings sind etwas sturer und beharren auf einem hohen Preis. Denen gibt man dann erst einmal den Helm zurück (den man die ganze Zeit schön festgehalten hat) und wendet sich zum Gehen. Spätestens dann merkt der Fahrer, dass er auch mit dem halben Preis bei einem Muzungu immer noch ein gutes Geschäft macht. Und dann fährt er den Muzungu doch für umgerechnet 1,25 Euro quer durch Kigali… Nach der zehnten Preisverhandlung ist das auch gar nicht mehr nervig oder anstrengend. Es gehört einfach dazu wie das Freizeichen beim Telefonieren. Bei Regen (und der ist hier ziemlich heftig) verdoppeln sich übrigens die Preise. Das ist dann Erschwerniszulage und völlig OK, denn die Jungs sind hier echt hart im Nehmen.

Ist der Preis geregelt, darf man seinen Helm aufsetzen. Ich hatte in den drei Wochen hier bisher wirklich noch keinen einzigen, der eine deutsche Polizeikontrolle auch nur halbwegs überstanden hätte. Der Helm ist eigentlich ein Placebo-Helm. Er hat stets ein Visier gegen den Fahrtwind. Das Visier hat aber offenbar stets schon mehrere Unfälle überstanden (oder eben auch nicht), ist völlig zerkratzt und die Scheibe ist praktisch immer gerissen und danach mit Zwirn (!) zusammengeflickt oder mit Metallklammern (!!) getackert worden. Der Panoramablick ist also einigermaßen getrübt. Die meisten Helme haben auch eine Plastikschnalle für den Kinngurt. Dass so eine an dem Helm dran ist, bedeutet aber noch nicht, dass sie auch funktioniert. Auf den Mangel aufmerksam gemacht, bedeutete mir ein Fahrer vor kurzem, ich solle die beiden Riemen doch einfach unten zusammenbinden. Hält dann genau bis zum ersten Aufschlag, ist aber besser als ein Helm ohne Kinnriemen. Die gibt es natürlich auch. Ganz schlau sind die Fahrer, die einen „One-Size-Fits-All-Kinnriemen“ haben. Der passt dann immer – garantiert niemandem.

Auf die hygienischen Aspekte des Helms will ich nicht weiter eingehen, nur soviel: Der Helm ist stets bereits seit Jahren in Betrieb, afrikanische Frauen benutzen stets viel Haargel, Männer, schwitzen und waschen sich nicht. Und dass ich noch keine Kopfläuse habe, ist ein kleines Wunder. Aber ich bin einfach zu deutsch um den Helm ganz wegzulassen, wie viele es hier tun!

Kommen wir zum Fahrstil. Der schwankt zwischen Selbstmörder und Fahranfänger auf Beta-Blockern. Die meisten fahren sehr passiv, heißt: unsicher. Als in Deutschland trainierter Rollerfahrer sehe ich die kritische Situation meisten etwa zwei bis drei Sekunden vor meinem Fahrer. Fußgänger, aufklappende Autotüren, LKW beim Spurwechsel: Irgendetwas übersieht der Fahrer immer und es ist eigentlich ein kleines Wunder, dass ich noch lebe. Diese Beta-Blocker-Fahrer fahren ihre 125er-Maschinen auch immer extrem untertourig. Und ist der Motor an einer Steigung kurz vor dem Absterben, dann kann man – stets zu meiner großen Überraschung – sogar noch einen Gang raufschalten! Schönen Gruß von der Kupplung. Die Jungs tanken übrigens immer für 1000 Franc, also 75 Eurocent. Dafür bekommt man ziemlich genau ein Liter Benzin. Bei längeren Strecken ist also ein Tankstopp im Fahrpreis praktisch inklusive. Und wenn der Motor stottert, dann hat sich der Fahrer eben verkalkuliert. Dann wird abgestiegen, das Motorrad ein bisschen nach links und nach rechts geschüttelt, und dann reicht es schon bis zu nächsten Tanke. Ich hatte auch schon bei heftigem Regen ein Motorrad, dessen Vorderbremse beim Betätigen stets das Rad blockierte. Gar nicht gut bei trockener Straße, geradezu halsbrecherisch bei nasser. Noch nie bin ich die vielen steilen Steigungen (in Kigali, das praktisch nur aus Bergen besteht) so langsam heruntergefahren wie mit diesem Todesfahrer!

Das andere Extrem sind die sportlichen Fahrer: Mit Tempo 70 durch den Berufsverkehr. Kurven schneiden, überholen an Steigungen bei Gegenverkehr (gerne auch große, breite Laster) oder überholen in der dritten Reihe (das geht tatsächlich!). Mit einer Hand am Lenkrad, die andere fischt gerade das klingelnde Handy aus der Tasche. Ist das Mobiltelefon dann endlich am Helm festgeklemmt, wird erst einmal lautstark telefonierend gegen den Fahrtwind angebrüllt – in Gedanken sicher nicht auf der Straße im dichten Verkehr sondern eher bei der Freundin, die anruft, um ihre tägliche Einkaufs-Wunschliste durchzugeben. Wie gesagt: Das sind Eindrücke allein der letzten drei Wochen. Trotzdem wage ich es jeden Tag wieder, denn es ist einfach die einzige Möglichkeit, in einer halbwegs vertretbaren Zeit von A nach B zu kommen.

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