Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Johanna lacht. Es ist ein ansteckendes Lachen. Sie sitzt auf dem Schulhof im Schatten eines Baumes zusammen mit ihren Mitschülern.  Johanna hat ein Stipendium,  geht in die 12. Klasse einer Privatschule, im Herbst macht sie ihren Abschluss und weiß genau, was sie will: Sie möchte Bauingenieurwesen studieren. Sie ist schwarz, trotzdem hat sie die Chance, etwas in ihrem Leben zu erreichen. Dieser Satz klingt klischeehaft für Afrika, gilt aber in vielen Fällen leider auch für Namibia.

Das Land ist stabil seit der Unabhängigkeit. Kein Bürgerkrieg, freie Wahlen, eine freie Presse. Nicht umsonst ist es ein beliebtes Urlaubsland der Europäer. Aber das Bildungs­system und der Arbeitsmarkt sind in keinem guten Zustand. Wer kein Geld hat, wer kein Stipendium für eine Privatschule bekommt, der erhält in einer staatlichen Schule eine mittelmäßige Ausbildung. Das erzählen mir viele: Namibier, die sich für die Verbesserung der Bildung einsetzen, Journalisten, Vertreter deutscher Stiftungen und Mitglieder von Oppositionsparteien. Viele Lehrer sind schlecht ausgebildet, sie verfügen zum Teil selbst über nur unzureichende Englischkenntnisse. Mit bis zu 50 Kindern sind die Klassen überfüllt, mehr als 50 Prozent der Schüler verlassen die 10. Klasse ohne Abschluss. Nur 8,9 Prozent der 12.-Klässler werden mit ihrem Abschlusszeugnis zur Universität oder zur Fachhoch­schule zugelassen.

Aber auch die Regierung hat das Problem erkannt. Der stellvertretende Bildungs­minister David Namwandi spricht in der größten englischsprachigen Tageszeitung „The Namibian“ vom Mangel an Lehrmaterialien, vom Mangel an Stühlen und Tischen, vom Mangel an gut ausgestatteten Internaten, vom Mangel an Klassen­räumen und Bibliotheken und vom Mangel an qualifizierten Lehrern. Die Regierung setze sich dafür ein, 1.000 neue Klassenräume zu bauen. Und das ist nur einer der Maßnahmen, die das Ministerium umsetzen will. Helfen soll da ein riesiges Bildungs­budget. Das ist im aktuellen Haushaltsentwurf für 2011/2012 mit 8,3 Milliarden namibischen Dollar (NAD; ca. 840 Millionen Euro) der größte Posten. Der Haushalt sieht Ausgaben in Höhe von insgesamt 35,8 Milliarden NAD vor. Das Budget, das ihnen anvertraut würde, sei gewaltig, betont der Bildungsminister Abraham Iyambo in der Windhoeker „Allgemeinen Zeitung“. Die geplanten Projekte müssten schnell realisiert werden. Es sei unglaublich, dass sich in manchen Fällen bis zu 50 Schüler ein Schulbuch teilen müssten. Im vorigen Haushalt waren ca. 100 Millionen NAD für Bücher ausgegeben worden. Nun will der Minister dafür etwa eine Milliarde NAD investieren. Bis 2013 würden alle Schüler in ganz Namibia ein eigenes Buch besitzen, verkündet Iyambo.

Er spricht auch gravierende Probleme an, die nicht alleine mit einem großen Haushaltsbudget zu lösen sind: Viele Schüler und Lehrer seien nicht diszipliniert, engagiert, würden alkoholische Getränke einnehmen und tauchten oftmals in der Schule nicht auf. Er forderte die Lehrer auf, nüchtern zur Arbeit zu kommen. Sie könnten nachts am Lagerfeuer trinken, aber wenn sie am Morgen betrunken seien, könnten sie gleich für immer zu Hause bleiben. Bildungsminister Iyambo wird für diese Offenheit von vielen Namibiern geschätzt. Während meiner Interviews wird immer wieder die Hoffnung ausgedrückt, dass er etwas verändern könne. Trotzdem würde es mindestens drei Jahre dauern, bis die Standards in ganz Namibia ange­glichen würden, schätzt ein selbstständiger Berater des Bildungsministeriums im Interview. So sind die Unterschiede beispielsweise bei der Ausstattung der Schulen zwischen der Hauptstadt und den „Rural Areas“, den ländlichen Gebieten, enorm. Bis zu sieben Jahre würde es dauern, bis man die Bildungsstandards z.B. von Südafrika erreicht hätte, so der Berater.

Ferner sind zwei gravierende Fehler zu Beginn der Unabhängig­keit gemacht worden, so das Fazit nach diversen Interviews. Diese belasten immer noch das Bildungs­system. Zum einen war es etwas voreilig, die englische Sprache als Haupt-Unterrichtsmedium einzusetzen. Denn weniger als zwei Prozent der Bevölkerung spricht Englisch als Muttersprache. Die Lehrer können oft selbst kein gutes Englisch schreiben und sprechen. Die Schüler sprechen zu Hause eine ihrer eigenen Sprachen. Insgesamt gibt es an die 40 unterschiedlichen Sprachen und Dialekte. Immerhin werden mittlerweile neun an Schulen unterrichtet. Es soll nun auch die Regel sein, dass in den ersten drei Klassen der Unterricht in der Muttersprache abgehalten wird. Erst in der vierten Klasse soll dann Englisch als Hauptsprache eingesetzt werden. Zum anderen wurde nach der Unabhängigkeit der Schwerpunkt zu sehr auf die akademische Bildung gelegt. Das Ziel, nach jahrzehntelanger Apartheid endlich auch der schwarzen Bevölkerung den Zugang zur Universität zu ermöglichen, ist verständlich. Aber ohne eine solide Grundbildung kann das nicht funktionieren. Wenn Schulabgänger mit schlechten Noten, mangelnden Fach- und Sprach­kenntnissen auf die UNAM (University of Namibia) oder die Polytech (Polytechnic of Namibia, namibische Fachhochschule) strömen, sind das schlechte Voraussetzungen für ein Studium. Außerdem bietet der namibische Arbeitsmarkt nicht jedem Akademiker einen Job. Namibia ist keine Industrienation. Ein Schwer­punkt liegt in dem Flächenstaat mit großen ländlichen Gebieten in der Landwirtschaft. Viele der Interviewpartner fordern, den Fokus auf die praktische Ausbildung zu legen, beispielsweise auf das Handwerk oder den Tourismus. In vielen Bereichen herrscht Fachkräftemangel.

Das Bildungsministerium hat auch dieses Problem erkannt. Es fordert die Wirtschaft auf, gemeinsam in diesen Bereich zu investieren. Aber auch Eltern müssen davon überzeugt werden, dass man mit einer klassischen Ausbildung erfolgreicher sein kann als mit einem Studium. Denn eine Arbeit zu finden, ist die größte Heraus­forderung für junge Namibier. Die Arbeitslosenquote liegt bei 51 Prozent. Johanna hat Glück, sie wird nach ihrer Ausbildung wohl nicht dazu gehören. Doch nicht allen jungen Namibiern der „born free generation“ ergeht es so gut. Es ist die Generation, die nach der Unabhängigkeit am 21. März 1990 geboren wurde. Über diese junge Generation will ich mehr erfahren. Ich möchte dabei auch mit jungen Menschen sprechen, die vor 1990 geboren wurden, um einen Gesamteindruck von Namibias junger Bevölkerung zu bekommen. Wie sieht zum Beispiel die Schulbildung in der ehemaligen Township Katutura aus?

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