Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Endlich. Ich verlasse Windhoek für einen Wochenendausflug auf die älteste Farm Namibias. Die Hauptstadt mit ihren geschätzten 450.000 Einwohnern ist keine Metropole. Dennoch ist sie zumindest tagsüber sehr quirlig, laut und hektisch. Sie ist in Bezug auf die Fläche eine der weltweit am schnellsten wachsenden Städte. Aber auch die Einwohnerzahl steigt, bis zu fünf Prozent pro Jahr. Viele arbeitslose Namibier „fliehen“ aus den sehr armen Regionen, den „rural areas“, in die Hauptstadt. Sie verlassen ihre Familien, in der Hoffnung auf einen Job.

Hohe Mauern und Uran

Mit einer kleinen Reisegruppe geht es im Bulli auf einer Art vierspurigen Autobahn Richtung Norden. Zwei Spuren auf jeder Seite, dazwischen eine ca. 20 Meter breite, frisch gemähte Rasenfläche. Unsere Reiseführerin ist Alexandra. Sie ist vor vielen Jahren aus Deutschland ausgewandert und bietet verschiedenste Safari-Touren an. Mit dabei sind unter anderem Frank und Wolfgang. Letzterer hat weißes Haar, trägt Khaki-Kleidung und ein Fernglas um den Hals. Er ist Veterinär und Unternehmens­berater aus Nordrhein-Westfalen und gibt Seminare an der Polytech, der namibischen Fachhochschule. Frank ist braun gebrannt, Tattoos an den Armen, zusammengebundenes, schulterlanges Haar. Er hat in Hamburg eine Kartbahn und reist seit vier Wochen durch das südliche Afrika. Wir fahren vorbei an dem ehe­maligen Township Katutura und dem Staatskrankenhaus. Wer hierhin muss, kommt so schnell nicht wieder heraus, hat mir eine Namibierin erzählt. Da es keine vernünftige Krankenversicherung gibt, müssen die Patienten oft sehr lange warten, bis sie endlich behandelt werden. Für das Gebäude auf der anderen Straßenseite muss man auch viel Geduld mitbringen. Es ist das Staatsgefängnis von Windhoek. Hohe graue Betonmauern und bedrohlich anmutende Wachtürme. Wolfgang bemerkt: „Die werden wohl keine Klimaanlage in ihren Zellen haben.“ Das letzte große Bauwerk an der Stadtgrenze ist ein riesiges Braunkohlekraftwerk. Da es in Namibia keine Braunkohle gibt, muss sie aus dem Ausland importiert werden. Namibia ist jedoch reich an anderen Boden­schätzen. Es ist eines der wichtigsten Bergbauländer Afrikas und der Bergbau ist eine Hauptsäule der namibischen Wirtschaft. Unter anderem werden Uran, Diamanten, Buntmetalle (Kupfer, Zink etc.) und Edelmetalle abgebaut. Alexandra erzählt uns, dass das Kraftwerk seit drei Monaten ausgeschaltet ist. Da es seit Wochen so regelmäßig regnet, laufen die Wasserkraftwerke im Norden des Landes auf Hochtouren.

ein Rivier voll mit Wasser

Hohes Gras und fette Warzenschweine

Nun liegt die Dornbuschsavanne vor uns, in der Ferne begrünte Bergrücken. Nach einer halben Stunde verlassen wir die große Straße nach Norden und biegen nach Westen ab auf eine ziemlich breite Schotterpiste. Der folgen wir 18 Kilometer. Links und rechts dichtes Buschwerk und hohes Gras. Dominant sind Akazienbäume wie Kameldorn und Weißdorn. Alexandra erzählt, dass es seit Jahren nicht so grün war. Plötzlich bremst sie. Hinter einem Busch stehen junge Oryx-Antilopen und beobachten uns. Sie sind über einen Meter hoch, tragen extrem lange, gerade, spitz zulaufende Hörner, haben ein graues Fell und sind mit schwarzen und weißen Markierungen im Gesicht versehen. Als ich die Kamera heraushole, sind sie schon wieder weggesprungen. Wir durchqueren mehrere Riviere, Flüsse die in der Trockenzeit völlig ausgetrocknet sind. Jetzt schwimmen hier sogar Fische. Am Flussufer trinkt ein fettes Warzenschwein und beobachtet, ob wir vielleicht stecken bleiben. Alexandra gibt Gas. Wasser spritzt auf. Wenn wir es nicht schaffen, müssen wir Jungs raus und schieben. Wir haben Glück und erreichen das andere Ufer. Vor uns das nächste Hindernis: ein Weidezaun. Immer wieder muss Frank rausspringen und die Tore öffnen. Hinter einer Kurve erblicken wir das Farmhaus Düsternbrook.

Abenteuer statt Pool

Neben der Landwirtschaft können Reisende in Gästezimmern übernachten. Immer mehr Farmen haben den Tourismus als zweites Standbein entdeckt. Wir aber wollen uns nicht am Pool räkeln, sondern afrikanisches Abenteuer erleben und steigen um auf einen großen offenen Geländewagen. Der Fahrer heißt Jan und gibt sofort Gas. Auf der Farm werden verletzte oder von Farmern gefangene Wildkatzen gepflegt und leben ein unbeschwertes Leben. Wir mussten übrigens vor dieser Tour eine Verzichtserklärung unterschreiben, falls uns etwas passiert. Ach ja, bitte nicht die Hände aus dem Wagen halten, erklärt Jan. Vor einem riesigen Wildzaun stoppt er. Dahinter wartet ein großer Leopard auf sein Frischfleisch. Das liegt in einem großen Bottich auf dem Beifahrersitz. Wir fahren auf das umzäunte Gelände. Auf dem staubigen Boden liegt ein großer abgenagter Knochen. Frank meint trocken: „Der Mann da hat gestern auch noch eine Verzichts­erklärung unterschrieben.“

Leoparden sind exzellente Kletterer und Schwimmer.

Wildkatzen mögen es blutig

Große wache Katzenaugen beobachten uns wohl schon eine ganze Weile, bis wir endlich wahrnehmen, dass sich einige Meter vor uns das Gras kaum merklich bewegt. Wir sehen erst jetzt einen großen gelb-schwarz gepunkteten Kopf. Jan fährt unter einen Baum, klettert auf die Kühlerhaube und befestigt ein blutiges Stück Fleisch mit Hilfe eines Drahts an einem kräftigen Ast, springt wieder auf den Fahrersitz und fährt schnell einige Meter zurück. Im Bruchteil einer Sekunde schnellt die hungrige Raubkatze aus ihrem Versteck hervor und springt auf den Baum. Jetzt beißt sie gierig in das rohe Fleisch. Es knackt. Wir schießen Fotos. Leoparden wiegen bis zu 90 Kilogramm und ziehen ihre Beute, die auch mal schwerer sein kann als sie selbst, sehr gerne auf einen Baum, um sie in Etappen und ungestört zu fressen. Dieser Fleischbrocken ist schnell vertilgt.

Er mag es blutig.

Der Leopard will mehr. Jan wirft ihm in regelmäßigen Abständen Stücke zu. Mit einer geschmeidigen Leichtigkeit fängt er sie in der Luft. Von langsamem Kauen hält er nichts. Plötzlich bewegt er sich auf unseren Geländewagen zu. Jan schmeißt den Motor an und fährt vorwärts. Der Leopard weicht ein paar Meter zurück, bleibt aber in Lauerstellung. Jan stellt den Motor wieder ab. Sofort bewegt sich der Leopard wieder recht flink auf unser Auto zu. Nur vier bis fünf Meter trennen uns jetzt noch von ihm. Reiseleiterin Alexandra schaltet sich ein und ruft aus dem hinteren Teil des Geländewagens: „Jan, we have seen enough, let’s go.“ Der Leopard kommt noch näher. Dann wirft Jan einen riesigen Knochen aus dem Auto. Der Leopard stürzt sich darauf. Wir sind froh, dass der Fleischbottich noch nicht leer war. Jan fragt uns: „Are you ok?“.

Gepardenfütterung

Die Gepardenfütterung im Nachbargehege ist weit weniger spektakulär. Die leicht gebauten schnellsten Sprinter der Welt (über 100 km/h) verhalten sich wie bettelnde und winselnde Hunde. Jan steigt sogar aus, um sie zu füttern.

Zum Abschluss der Tour bekommen wir noch ein Getränk auf der Terrasse des Farmhauses mit weitläufigem Blick auf das Khomas-Hochland. Die Verzichtserklärung ist bereits abgeheftet, für den Fall, dass wir noch einmal an einer Leopardenfütterung teilnehmen wollen. Ich bin jetzt aber eher für Pool statt Abenteuer.

Blick von der Farm Düsternbrook auf das Khomas-Hochland

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