Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

 

Da wollte ich vor meinen letzten Terminen noch ein langes Wochenende am Strand genießen.  Nachdem ich den ganzen Tag unterwegs war, ohne jede Nachrichtenquelle, komme ich in Maitencillo an und keiner will mir eine Hütte am Strand vermieten. Tsunami-Warnung. Na toll. Ich muss also auf dem Berg nächtigen. Aber wenigstens mit TV, und dort sehe ich die schrecklichen Bilder aus Japan und höre, dass eine Welle auf Chile zu rollt. Trotzdem waren hier alle ganz entspannt, man kennt das ja schon. Und diesmal wusste man wenigsten früh genug Bescheid. An den Küsten wurde weiträumig evakuiert, im Fernsehen  ständig informiert. Auch in Maitencillo, einem kleinen Ferienort unweit von Santiago trieben sich drei Fernsehteams herum, um auch  die letzten Strandbesucher nach ihrer Meinung zu befragen und den Polizisten beim Absperren zu zuschauen. Gegen 23 Uhr sollte die Welle kommen. Ich saß vor der Glotze und wartete. Aber nichts passierte. Eigentlich wollte ich dem Spektakel aus sicherer Entfernung beiwohnen, aber dann habe ich doch tatsächlich den Tsunami verschlafen. Genau wie zwei Erdbeben, die in den letzten Wochen hier stattgefunden haben sollen.

Strand in Maitencillo vor Tsunami, danach sah es noch genau so aus

 

Ich sollte den Wein am Abend weglassen. Oder auch nicht, sonst würde ich wohl noch mit der Angst zu tun bekommen.

Dieser Wein wurde während seiner monatelangen Reifezeit im Eichenfass mit klassischer Musik bespielt

Immerhin habe ich die Tage vor dem Tsunami im Schatten eines rauchenden Vulkans verbracht. Der Villarrica ist überfällig, so sagt man. Trotzdem leben die Menschen dort scheinbar entspannt mit der Gefahr.

Der Villarrica ist der aktivste Vulkan Chiles, im Winter wird darauf Ski gefahren

Erdbebend, Tsunamis, Vulkanausbrüche – Katastrophen gehören zum Leben der Chilenen. Das schwere Erdbeben im vergangenen Jahr und der darauffolgende Tsunami haben große Schäden hinterlassen.  Aber viele wurden schon beseitigt und das Leben geht weiter.  Keiner verlässt deswegen seine Heimat. So traf auch dieser Tsunami wieder dieselben Menschen am härtesten, die schon letztes Jahr alles verloren haben. Und die nächste Katastrohe ist  nur eine Frage der Zeit. Ich weiß nicht, ob ich die Gelassenheit der Chilenen bewundern soll, aber was bleibt ihnen auch anderes übrig.

Erdbebenschäden

Auf jeden Fall bewundere ich Daniel Herrera, den ich durch einen großen Zufall kennen lernen durfte. Daniel ist einer der Minenarbeiter, die vor einigen Monaten 69 Tage lang in mehr als 600 Metern Tiefe gefangen waren.  Und er sagt mir, dass er seinen Job wieder antreten wird. Es sei ja wie bei einem Autounfall, auch da müsse man nach einem Unfall wieder fahren.  Er kannte auch das Risiko, denn das die Unglücksmine nicht die sicherste war, hatte er schon im Internet recherchiert, bevor er seinen Job als LKW-Fahrer unter Tage dort angertreten hatte. Aber die Bezahlung stimmte halt und so viele Möglichkeiten hat ein einfacher Chilene vom Lande nun mal nicht.

Auch Daniel wirkte sehr entspannt, trotz seiner Erlebnisse. Zumindest oberflächlich. Während unseres Gesprächs kratzte er unablässig Kerben in den Tisch und je länger wir redeten, desto mehr sank er in seinem Stuhl zusammen. Verstehen kann ich es nicht, warum er wieder zurück in die Miene will.

Seit dem Unglück wurde viel geredet über Sicherheit in den chilenischen Minen, passiert ist allerdings noch nicht viel. Und genauso sieht es auch in der Lachsindustrie aus. Der ISA-Virus ist der Tsunami der Lachszüchter, innerhalb kürzester Zeit legte er große Teile der Produktion lahm. Der Virus konnte sich mit rasender Geschwindigkeit ausbreiten, weil die ihm Produktionsmethoden  der Lachsindustrie zu Gute kamen. Viel zu viele Fische in den Käfigen, viel zu viele Käfige auf engstem Raum, kontaminierte Abfälle einfach ins Meer gekippt und so weiter und so fort. Das gefällt so einem Virus.

Aquakultur vor Chiloe

Das schlimmste aber ist, alle waren sich der Gefahren bewusst.  Jorge Navarro war Jahre lang Produktionsleiter in der Lachsindustrie. Er erzählt mir, dass man Fischeier aus Ländern importierte, in denen der Virus schon gewütet hatte. Aber diese Eier versprachen hohe Erträge. Also hat man trotz des Risikos mit ihnen gearbeitet. Als der Virus dann ausbrach, wurde das erst einmal tot geschwiegen und letztendlich ein großer Teil der Farmen in der Region um Puerto Montt kontaminiert.

Besonders hart traf es die Insel Chiloe. In wenigen Jahren wuchs die Lachsindustrie dort enorm an, tausende Arbeitsplätze entstanden und viele Menschen aus ganz Chile zogen in die Lachszentren der Insel. Heute sind viele  arbeitslos oder befinden sich in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Aber keiner demonstriert, alle schimpfen auf die Internationalen Fischereikonzerne, denen die Schuld an diesem Desaster gegeben wird.

Palafitos, die berühmten Pfahlbauten von Chiloe. Da wohnt sicher keiner, der mit Lachsen reich wurde.

Die Industrie hat Wege aus der Katastrophe gefunden. Sie zieht einfach weiter in Richtung Süden. Der Staat macht es ihnen leicht, denn der ist in erster Linie an Wachstum interessiert. Es wurden zwar einige Gesetze erlassen, aber deren Einhaltung muss auch kontrolliert werden. Und das ist in diesem großen Land gar nicht so einfach. Schon gar nicht für eine Fischereibehörde, die in manchen Regionen noch nicht mal ein eigenes Boot hat, um zu den Käfigen zu gelangen.

Aber Hauptsache es werden immer weiter Konzessionen verteilt, um auch die entlegensten Winkel Chiles mit Lachsfarmen auszustatten.

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