Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

 

Nach 33 Stunden Anreise habe ich es endlich geschafft: Ich bin in Belize. Die wenigsten Deutschen kennen das Land in Mittelamerika, das gerade einmal so groß ist wie Hessen und zwischen Guatemala und Mexiko liegt. Bei Amerikanern hingegen ist Belize wegen seiner Traumstrände und des Korallenriffs ein beliebtes Reiseziel.

Einen ersten Eindruck vom Land bekam ich beim Anflug auf den Flughafen von Belize City. Wir flogen über Dschungel und Felder und machten kurz vor der Landung noch einen Schwenker über das türkise Meer – sehr zur Begeisterung der Amerikaner an Bord.

Anflug auf Belize

Die zieht es gleich weiter nach Ambergris Caye, oder auch „La isla bonita“, wie Madonna die Insel in den 80er Jahren nannte. Mein Weg ist ein anderer. Ich will zu den Mennoniten in Blue Creek, nahe der mexikanischen Grenze.

Statt wie die anderen Touristen eine der kleinen Maschinen der lokalen Fluggesellschaften Richtung karibisches Meer zu nehmen, suche ich mir ein Taxi. Fünf Dollar kostet die Fahrt zur nächsten Bushaltestelle. Der Taxifahrer bringt mich an eine staubige Kreuzung im Nirgendwo zwischen Belize City und Orange Walk. Ich erkenne keine Zeichen für eine Bushaltestelle, aber es warten noch andere Leute mit Gepäck auf den Bus. Nach zwanzig Minuten kommt der Bus, ein ausrangierter US-Schulbus, der seine besten Zeiten hinter sich hat. Spanische Raggae-Musik dröhnt durch den Bus, er ist voll, ich muss stehen, kein Problem nach so vielen Stunden im Flugzeug. Der Bus fährt auf dem Northern Highway, der den Norden des Landes mit Belize City verbindet. Draußen ziehen Hütten vorbei, Kinder spielen Cricket auf einem Sportplatz. Unterwegs sehe ich meinen ersten Mennoniten. Ein blonder Mann mit Carohemd, Jeans und Cowboyhut verkauft Erdnüsse am Straßenrand.

Der Busbahnhof in Orange Walk

Angekommen in Orange Walk habe ich Glück. Ein Paar aus Blue Creek ist zum Einkaufen in der Stadt. Sie können mich im Pickup mitnehmen. Peter und Maria gehören zur modernen Gemeinde in Blue Creek, sie waren in der Stadt um eine Waschmaschine zu kaufen. Die Beiden sind Mitte 30, tragen Jeans und T-shirt. Untereinander sprechen sie Plattdeutsch, mit mir Englisch. Denn obwohl das Plattdeutsch ursprünglich aus Deutschland kommt, hat es mit dem modernen Deutsch wenig zu tun.

Der Weg von Orange Walk nach Blue Creek führt über eine Schotterpiste mit gewaltigen Schlaglöchern. Peter erklärt mir, dass eigentlich die Regierung zuständig sei, die Straße auszubessern, doch seit Jahren passiert nichts. Die Mennoniten sind dazu übergegangen die Straße mehrmals im Jahr mit Schotter notdürftig aufzufüllen. „Es reicht trotzdem nicht“, meint Peter.

Maria interessiert sich für Deutschland. Ob es dort genauso warm wäre wie hier, ob es dort auch so viel Dschungel gäbe. Sie selbst wurde in Belize geboren und hat mit ihrem Mann für drei Jahre in Texas gewohnt. Nach Deutschland würde sie schon gerne einmal reisen.

Als wir uns Shipyard nähern, einer Kolonie traditioneller Mennoniten, sehe ich meinen ersten Horse-and-Buggy-Mennoniten. Traditionelle Mennoniten lehnen Maschinen ab und verlassen sich ausschließlich auf Pferde, Ochsen und ihre eigenen Hände. Sie sind gegen Elektrizität und Autos und fahren mit kleinen Kutschen, so genannten Buggys. Die sind in der Regel schwarz, haben vier kleine Räder, ein Dach und liegen tief auf der Straße. Die Menschen in Kutschen sehen alle ähnlich aus: helle Haut, blonde oder braune Haare, die Frauen tragen hochgeschlossene, lange Blumenkleider und ein schwarzen Kopftuch. Die Männer Jeans oder Latzhosen, Carohemden und Cowboyhüte aus Stroh. Die Kinder sind Miniaturausgaben ihrer Eltern.

Mein erster Horse and Buggy

Peter erzählt, dass seine Eltern und Großeltern in Shipyard gewohnt. Aber irgendwann wurden ihnen die Vorgaben der Gemeinde zu streng. „Mein Vater wollte sich ein Auto kaufen, das war aber nicht erlaubt.“ Sie entschlossen sich dann nach Blue Creek zu sehen, wo die modernen Mennoniten leben. Die fahren Autos und benutzen Elektrizität.

Die Mennoniten in Shipyard hingegen lehnen das ab. Sie leben relativ autark und produzieren ihre eigenen Lebensmittel. Sie wohnen in kleinen Holzhäusern, der obligatorische Buggy steht daneben, auf dem Hof laufen Hühner herum. Rund um die Häuser sind Felder mit Mais, Bohnen, Getreide und Reis. Schafe und Kühe weiden auf Wiesen. Als Stromleitungen durch ihr Gebiet verlegt werden sollten, protestierten sie dagegen und die Pläne wurden verworfen. Doch so ganz ab von der Welt leben sogar die traditionellen Mennoniten in Shipyard nicht. In einem Vorgarten liegen mehrere Flaschen Coca-Cola.

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