Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.
 
Blue Creek von oben

Meine erste Woche verbringe ich in Blue Creek, im Westen von Belize, nur wenige hundert Meter von der mexikanischen Grenze entfernt. Die Bewohner von Blue Creek sind größtenteils Bauern. Schätzungen zufolge stammen 80 Prozent aller Lebensmittel in Belize aus den Mennonitenkolonien im ganzen Land. Das sieht man in Blue Creek. Die Kolonie ist ziemlich weitläufig und besteht aus vielen Farmen. Blue Creek hat kein Dorfzentrum wie wir es kennen. Es gibt zwar eine Kirche, ein Gemeindezentrum mit Tankstelle und Laden und eine Schule. Ich verbringe meine Zeit in der Familie von Abe. Er und sein jüngster Bruder Albert fliegen Düngeflugzeuge und arbeiten in ganz Belize. Ihr Vater betreibt einen Saaten- und Werkzeugladen auf dem Hof. Dort hat ein anderer Bruder, Jake, auch eine Werkstatt. Der älteste Bruder Franz betreibt eine Farm und hält Rinder. Das Ganze ist ein großer Familienbetrieb. Franz kümmert sich nicht nur um seine eigenen Felder und Rinder, sondern auch die seiner Brüder und seines Vaters. Alle Gewinne und Erträge werden in einen Topf geschmissen und geteilt.

 Abe und seine Familie zählen zu den modernen Mennoniten. Sie fahren Trucks, haben Elektrizität, reisen um die Welt. Es gibt sogar Wlan – wenn der Strom nicht gerade ausfällt…

Was Mennoniten ausmacht ist ihr Glaube, egal ob traditionell oder modern, sie nehmen Gott und ihren Glauben sehr ernst. Die Bibel verstehen sie wörtlich: Gott hat vor 6.000 Jahren die Welt in sechs Tagen geschafft, am siebten ruhte er. Ihr Glaube ist im Alltag immer präsent. Vor jedem Essen wird ein Tischgebet gesprochen, in jedem Haus liegen Bibel, meist in mehreren Sprachen, die Kinder haben Bibelunterricht in der Schule. Auch bei meinem Besuch in Blue Creek kommt das Thema Glaube schnell auf: Abes Nichte Rhonda fragt mich, ob ich Christin sei. Ich versuche auszuweichen und sage, dass ich katholisch getauft bin.

Auch Abends nach dem Essen kommen die Gespräche immer wieder auf Gott und Glaube zurück. Ich gebe zu, dass ich zwar getauft bin und auch zum Religionsunterricht gegangen bin, aber nicht an Gott glaube. Abes Schwester Lisa nimmt es ziemlich mit, dass ich nicht an Gott glaube. Vor dem Zubettgehen trifft sie mich im Flur. Sie hat tatsächlich Tränen in den Augen bei dem Gedanken, dass ich nicht von Jesus gerettet werde und die Ewigkeit in der Hölle verbringe. Gemeinsam mit ihrem Mann Pancho versucht sie mir anhand von Bibelstellen zu erklären, warum diese die absolute Wahrheit enthält und nur mein Glaube an Jesus mich retten kann. Weil es schon spät ist, vertagen wir unser Gespräch. Ich werde, wenn ich in Spanish Lookout bin bei ihnen vorbeikommen und weiter mit ihnen diskutieren.

Abe vor einem seiner Flugzeuge

Auch mit Abe diskutiere ich stundenlang über Glaube und die Schöpfung bzw. die Evolution. Abe ist viel gereist, hat viele Menschen auf der ganzen Welt kennengelernt und ihm ist meine Einstellung somit nicht unbekannt, aber fremd. „Nur wer Jesus als seinen Retter anerkennt wird die Ewigkeit im Himmel mit ihm und den Engeln verbringen“, sagt er. Wer Jesus nicht akzeptiert wird in der Hölle landen. Für ihn ist es eine Aufgabe, Leute zum rechten Glauben zu bringen. „Ich werde aber niemanden zwingen. Der Teufel schiebt und drängt Dich, ich werde Dir nur den richtigen Weg weisen, Dich aber nicht dorthin drängen.“

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