Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Straße in Shipyard

Am nächsten Tag reise ich nach Shipyard. Henry nimmt mich in seinem Pickup aus Blue Creek mit. Er ist der Pfarrer der EMMC-Kirche in Shipyard, also einem Ableger der progressiven Kirche in Blue Creek. Die Kirche hat mittlerweile 50 Mitglieder. Es sind alle ehemalige Altkolononier, die exkommuniziert und von der Gemeinschaft in Shipyard ausgestoßen wurden. Die Gründe dafür sind vielfältig: Sie haben sich ein Auto angeschafft, was bei den Altkoloniern in Shipyard verboten ist, sie haben in der Bibel gelesen oder haben nach Meinung der Prediger zu viel mit oder für moderne Kolonien gearbeitet und waren somit dem Einfluss der Moderne ausgesetzt, erklärt mir Henry.

Da die Menschen nicht einfach ihre Höfe und Äcker aufgeben können und wollen, sich aber spirituelle Führung wünschen, haben sie sich an die EMMC-Kirche gewandt. Henry ist mit seiner Familie aus Kanada gekommen und trifft in Shipyard bei den traditionellen Altkoloniern auf keine Probleme oder Ablehnung. „Ich komme von außerhalb, deswegen ist es in Ordnung, wenn ich anders bin. Wenn sich aber Leute aus Shipyard umorientieren, gleicht das einem Verrat“, sagt Henry.

Seine Gemeindemitglieder sind leicht erkennbar: Zwischen ihren Häusern verlaufen Stromleitungen. Ein Dieselgenerator auf dem Kirchengrundstück versorgt die Gemeinde mit Elektrizität.

Das Leben für die ausgestoßenen Menschen ist hart: Sie dürfen mit ihren traditionellen Familienangehörigen nicht an einem Tisch essen, ihre Nachbarn reden nicht mehr mit ihnen, sie dürfen nicht in den Dorfläden einkaufen, kurz gesagt: sie werden vollkommen geschnitten.

Shipyard liegt nur wenige Meilen entfernt von Blue Creek, es ist jedoch eine andere Welt. Die Mennoniten in Shipyard gehören zu den Altkoloniern, einer traditionellen Kirche. Das ist auch offensichtlich: Wenn man nach Shipyard kommt, fühlt man sich 150 Jahre zurückversetzt. Die Leute in Shipyard fahren keine Autos, stattdessen benutzen sie Horse and Buggy, also ein Pferdegespann, das in der Regel vier Gummiräder hat, schwarz lackiert ist und ein Dach hat. Je nach Bedürfnis können bis zu zwei Bänke auf die Ladefläche gesetzt werden. Auch äußerlich unterscheiden sie sich von den modernen Mennoniten, die ich bisher kennengelernt habe. Die Männer tragen dunkle Latzhosen oder Hosen mit Hosenträgern über hellen Hemden. Frauen tragen weite, dunkle Kleider, die fast bis an die Knöchel reichen und ein Kopftuch, das einen Großteil der Haare verbirgt. Die Farbe des Kopftuchs variiert, je nachdem ob die Frau verheiratet ist oder nicht. Unverheiratete Frauen tragen helle Tücher, verheiratete schwarze. Wenn die Altkolonier ausgehen, tragen die Männer Cowboyhüte, die Frauen tragen meist eine schwarze Schürze über ihren Kleidern und einen großen weißen Hut. Die Kinder sehen wie Miniaturausgaben ihrer Eltern aus.

Mein erstes Mal mit Horse and Buggy

Durch die Kolonie verlaufen staubige Schotterpisten mit tiefen Schlaglöchern, auf denen sich Horse and Buggies tummeln, ein paar Trucks, die auf dem Weg von oder nach Orange Walk sind. Die Häuser sehen alle ähnlich aus: ein- oder zweigeschossige Aluminium- oder Holzgebäude, hellblau gestrichen, mit einer Veranda mit Hollywoodschaukel. Keine Stromleitungen verlaufen zwischen den Häusern, denn die Altkolonier lehnen Elektrizität ab, allerdings machen sie auch Ausnahmen.

Ich verbringe einige Tage bei der Familie von Cornelius, einem Schlachter. Er benötigt Strom um sein Fleisch zu kühlen, das er immer mittwochs schlachtet. Er hat einen Dieselgenerator, der für das Schlachthaus Strom erzeugt, im Wohnhaus hingegen gibt es keine Elektrizität. Der Kühlschrank und der Herd werden mit Gas betrieben, Licht erzeugen Petroleumlampen. Das Haus ist neu, sehr sauber und sehr spartanisch. Die Küche ist groß und karg eingerichtet: Ein großer Kühlschrank, ein Herd, eine Anrichte mit Schränken, zwei Tische und Plastikgartenstühle, die wenn sie nicht benötigt werden, ordentlich in der Zimmerecke gestapelt werden. Keine Bilder, kein Kitsch schmücken das Haus. Einzig eine Uhr und ein Kalender hängen an der Wand.

Kornelius und seine Frau Katharina haben drei Söhne, zudem lebt ein Mädchen bei ihnen, das Katharina bei der Hausarbeit hilft. Die beinhaltet auch das Kühemelken, Schweine- und Pferdefüttern.

Den Leuten von Shipyard ist es verboten Autos zu fahren und zu besitzen, sie dürfen jedoch in einem Auto mitfahren. Daher schummeln viele. Sie kaufen einen Pickup-Truck, stellen einen Fahrer ein – meist jemand aus den umliegenden belizianischen Dörfern – und registrieren das Auto im Namen des Fahrers. Zugeben würde das niemand. Cornelius hat beispielsweise seinen Fahrer Israel und einen großen schwarzen Pickup-Truck an vier Tagen in der Woche zur Verfügung. Als ich Israel frage, ob der Truck sein eigener sei, wird er etwas verlegen, sagt „ja“ und blinzelt dabei heftig. Donnerstagsmorgens engagiert Cornelius einen Kühl-LKW um sein Fleisch, das er am Vortag geschlachtet hat, nach Belize City zu bringen und zu verkaufen.

Unterwegs zum Dorfladen

Als ich bei Cornelius und seiner Familie ankomme, sind sie überrascht, dass ich noch nie mit Horse and Buggy gefahren bin. Spontan entlässt Cornelius seinen Fahrer für den Tag, lässt seine Söhne das Pferd vorspannen und macht mit seiner Frau und mir einen Ausflug zum Geschäft des Camps. Am Anfang habe ich eine Menge Spaß. Das Pferd trabt munter vor sich hin, man hat Zeit seine Umgebung genau anzuschauen. Ich werde von den Leuten, denen wir auf der Straße begegnen, mit Sonnenbrille und grünem Rock als Fremde erkannt und angestarrt. Fasziniert starre ich zurück.

So romantisch Horse and Buggy auch aussehen, es ist nicht wirklich ein Vergnügen so zu reisen. Zum einen erzeugt das Pferd an sich schon viel Staub, zum anderen benutzen Autos und LKWs dieselben Straßen in Shipyard. Schnell ist man da mit Staub und Pferdehaaren paniert.

Am unangenehmsten ist das Fahren mit Horse and Buggy jedoch im Dunklen. Als einzigen Schutz im Dunkeln haben die Kutschen vorne und hinten Katzenaugen angebracht, damit die Kutschen von den Lichtern der Autos und LKWs erfasst werden. Kein Licht beleuchtet die Gefährte ansonsten. Bei einer Nachtfahrt beschleicht mich Unbehagen. Da es keine Elektrizität und somit auch keine großen Lichtquellen in Shipyard gibt, ist die Nacht stockfinster. Der Sternenhimmel ist wunderschön, doch gleichzeitig sieht man auf der Straße quasi nichts, wenn der Mond nicht scheint. Da das eigene Pferd und die eigene Kutsche Geräusche machen, bemerkt man andere Gefährte meist erst, wenn sie an einem vorbeifahren. Cornelius erzählt mir, dass es öfters zu Unfällen kommt. „Beim letzten Unfall sind zwei Kutschen so heftig zusammengeprallt, dass sich das Geschirr einer Kutsche durch die Schulter eines Pferdes gebohrt hat“, erzählt er mit einem leichten Lächeln. Ah ja, gut zu wissen… Wir haben die Nachtfahrt jedoch ohne Zwischenfall überstanden und waren am Ende – wie bei jeder Fahrt mit Horse and Buggy – einfach nur sehr staubig.

Wie erwähnt ist Elektrizität verboten, ebenso Autos, Fernsehen, Radio und Telefone. Als die Mennoniten in den Sechziger Jahren in Belize siedelten, haben sie den Urwald noch mit der Axt gerodet. Doch die Mechanisierung hat auch Shipyard erreicht. Traktoren fanden Einzug in die Kolonie, allerdings dürfen sie keine Gummireifen haben. Die Traktoren in Shipyard haben Reifen. Sie haben ein Profil wie die bei uns gängigen Gummireifen und sehen auch genauso aus. Sie sind jedoch aus Stahl. Anhänger dürfen jedoch Gummiräder haben, da sie nicht maschinenbetrieben sind. Auch Fahrräder sind verboten. Diese Regeln sollen verhindern, dass Ausfahrten zum Vergnügen unternommen werden und die Jugend in die Städte fährt, wie mir Peter Enns, einer der sechs Prediger, erklärt. Ein Fahrrad besteigt man einfach und ist schnell von einem Ort zum anderen gefahren. Das Fahren mit einem Traktor mit Stahlreifen hingegen ist alles andere als ein Vergnügen, Horse and Buggy – wie erwähnt – auch nicht wirklich. Zudem benötigt man Zeit und Aufwand um das Pferd anzuspannen. Somit sind Vergnügungsfahrten wohl eher unwahrscheinlich.

Wie erwähnt sind Telefone verboten. Doch auch hier Schummeln viele Altkolonier. Sie haben ein Handy, das immer auf Vibrationsalarm gestellt ist. Cornelius hat beispielsweise auch ein Handy. Ansonsten wäre es für ihn auch vermutlich unmöglich seine Geschäfte zu erledigen. Allerdings nimmt er nicht jeden Anruf an. Anrufe mit unbekannter Nummer werden nicht beantwortet, denn es könnte ja eine Falle sein. Vielleicht hat der Älteste oder einer der Prediger die Nummer herausbekommen und versucht ihn jetzt auf frischer Tat zu erwischen…

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