Bisher hatte ich in den Mennonitenkolonien immer Kontaktpersonen und Ansprechpartner, die mich aufgenommen haben und mich in die Gemeinde eingeführt haben. Barton Creek ist da anders. In Springfield und Barton Creek leben die Amish. Sie sind eine Abspaltung der Mennoniten und gehen auf Jakob Ammann zurück, der sich im 17. Jahrhundert mit dem Ältesten seiner Gemeinde über die Frage stritt, wer in den Himmel käme. Während der Täuferbewegungen halfen viele Nicht-Mennoniten den Wiedertäufern, die verfolgt wurden und retteten ihnen so das Leben. Während die Prediger der Meinung waren, dass diese so genannten „Treuherzigen“ auch gerettet werden würden, obwohl sie nicht dem „wahren Glauben“ angehörten, war Ammann hingegen der Überzeugung, dass nur die wahren Gläubigen in den Himmeln kommen und forderte eine Konvertierung der „Treuherzigen“ zum Mennonitentum mit allen Konsequenzen. Denn Zweifler würden „diese Welt eben doch noch mehr lieb haben als den Herrn“ statt „das Kreuz auf sich nehmen wie das Vorbild“. Daher könnten sie keine Gnade erwarten.

Auf dem Weg nach Lower Barton Creek

Auf dem Weg nach Lower Barton Creek

Ein weiterer Streitpunkt waren zudem die Kleiderordnung und Gesichtsbehaarung der Männer, die Ammannn entsprechend der Bibel und des Bekenntnisses von 1632 streng auslegen wollte. Letztendlich endete der Streit in einer Spaltung zwischen den Mennoniten und den „ammannschen Leuten“.

Der Großteil der Amish wanderte um 1720 nach Pennsylvania, USA, aus um der Verfolgung in Europa zu entgehen. Noch heute leben mehrere 10.000 Amish in den USA, vorwiegend in Pennsylvania.

Die Amish in Barton Creek stammen zum größten Teil aus den anderen Siedlungen Spanish Lookout und Shipyard in Belize. Einigen konservativen Familien wurden die Mennoniten dort durch moderne Technik und Alkohol zu weltlich und sie wollten sich auf das einfache Leben zurückbesinnen. 1968 zogen die ersten drei Familien in den Dschungel von Barton Creek. In den Siebziger Jahren folgten immer weitere Familien, so dass aufgrund der Landknappheit 1995 eine neue Amish-Gemeinde in Springfield gegründet wurde.

Barton Creek gilt wie Shipyard als traditionelle Kolonien, doch anders als in Shipyard schummeln die Amish nicht. Sie haben überhaupt keine Elektrizität und benutzen keine Telefone. Das heißt, wenn man sie besuchen möchte, kann man sich vorher nicht anmelden, sondern fährt einfach hin.

Alle Mennoniten mit denen ich in Spanish Lookout über Barton Creek gesprochen habe, versicherten mir, dass die Leute dort sehr gastfreundlich wären und ich bestimmt gut aufgenommen werden würde. Darauf verlasse ich mich, denn der Plan ist, auf dem Markt in der Provinzhauptstadt San Ignacio einen Mann aus Barton Creek anzusprechen, ob er mich mit in die Kolonie nimmt. Sie sind leicht erkennbar: Die Männer rasieren sich in ihrem ganzen Leben nicht. Viele jüngere Männer haben einen leichten Fusselbart, die älteren dann einen, der ihnen auf die Brust reicht. Die Männer tragen dunkle Hemden in lila, braun, blau oder grau und dazu schwarze Hosen mit Hosenträgern. Die Hosen schließen nur mit Knöpfen, Reißverschlüsse lehnen sie ab – sie sind zu modern. Die Frauen tragen weite, knöchellange Kleider in gedeckten Farben. Darüber tragen sie schwarze Schürzen. Die Haare lassen sie sich, wie die Frauen der Kleinen Gemeinde und in Shipyard, wachsen und stecken sie unter einem schwarzen Kopftuch hoch.

Amish auf dem Markt

Amish auf dem Markt

Die Amish leben weitestgehend autonom und abgeschieden in ihren Kolonien. Sie bauen ihre Lebensmittel größtenteils selbst an und verdienen etwas Geld, indem sie Obst und Gemüse wie Wassermelonen und Kohl in den großen Städten verkaufen. Ich spekuliere also darauf, dass auch an diesem Samstag Amish auf dem Markt in San Ignacio ihre Waren anbieten.

Nach einiger Suche werde ich auch prompt fündig. Ein hagerer Mann mit Strohhut, Bart und Hosenträgern verhandelt mit einigen Belizianern. Ich spreche ihn auf Englisch an und erzähle meine Geschichte: Ich sei aus Deutschland und wolle mehr über die Amish lernen. Ob ich ihn nach Barton Creek begleiten dürfte. Franz schaut skeptisch, willigt dann jedoch ein, mich mit nach Lower Barton Creek zu nehmen. Er sagt aber, dass er keinen Platz für mich hat. Er habe viele kleine Kinder und seine Frau sei krank. Er werde aber bestimmt einen Platz für mich finden. Ich verabschiede mich also von Frieda, bei der ich in Spanish Lookout gewohnt habe und die mich auf den Markt gefahren hat und folge Franz, als er seine Besorgungen in der Stadt erledigt hat.

In Barton Creek sind Kühe und Pferde erkrankt. Die belizianische Regierung befürchtet, dass es die Maul- und Klauenseuche ist. Daher dürfen die Amish derzeit die Kolonien nicht mit ihren Buggys verlassen. Wir fahren also nicht mit der Kutsche nach Barton Creek, sondern nehmen den Bus, der uns an der Kreuzung nach Barton Creek rauslässt. Dort warten schon zwei andere Männer aus der Kolonie. Gemeinsam beschließen die drei nicht nach Lower Barton Creek zu laufen – das wären sieben Meilen in der prallen Sonne über eine holprige Schotterpiste – sondern Ernesto, einen Belizianer, der hier an der Kreuzung wohnt, zu bitten, sie zu fahren.

Die drei Männer steigen auf die Ladefläche des uralten Pickups, mir überlassen sie den Sitz neben Ernesto. Ernesto ist 72 Jahre alt und ziemlich zahnlos. Ich komme auf der Fahrt mit ihm ins Gespräch. Er erzählt, dass er die Amish aus Barton Creek öfters fährt, wenn sie schwere Lasten wie Futtermittel transportieren müssen oder sie aus irgendwelchen Gründen nicht mit ihren Kutschen fahren können. „Es sind gute Menschen, hart arbeitend und sehr religiös.“ Unterwegs wird der Pickup mehrfach von Männern angehalten, die mit Ernesto Termine ausmachen, wann er sie fahren kann. Ohne Telefon muss man halt jede Gelegenheit nutzen.

Das Plumpsklo in Lower Barton Creek

Das Plumpsklo in Lower Barton Creek

Lower Barton Creek besteht aus rund 45 Familien mit insgesamt ca. 400 Menschen. Es liegt in den hügeligen Tälern nahe am Naturschutzgebiet Moutain Pine Ridge. Wie auch in den anderen Kolonien wurde der Urwald gerodet, Weiden und Felder sind entstanden. Doch die Vegetation hier ist üppiger, der Urwald präsenter. Während in Blue Creek, Shipyard und Spanish Lookout die Wege schnurgerade verlaufen und auch die Wegränder gerodet sind, fährt man in Lower Barton Creek auch durch kleine Wäldchen oder Gestrüpp.

Wir halten an der Einfahrt zum Haus der Familie Braun, Verwandten von Franz. Er geht ins Haus und fragt nach, ob ich bei der Familie bleiben kann. Die Familie erklärt sich bereit und ich hab eine Unterkunft in Lower Barton Creek. Die Familie besteht aus der Mutter Susanna und ihren drei Kindern Eva, 25, Isaac, 21, und Jacob, 18. Wir sprechen Hochdeutsch: sie selbst sprechen wie fast alle Mennoniten Plattdeutsch miteinander, haben aber in der Schule Hochdeutsch gelernt. Ihr Deutsch ist im Gegensatz zu Shipyard gut verständlich, wenn auch sehr antiquiert.

Die Familie baut Kartoffeln an und hält Rinder, Hühner und Kaninchen. Der Vater hat die Familie und die Kolonie verlassen bevor Jacob geboren wurde und lebt nun in Spanish Lookout. „Er meinte, man könne kein Geld verdienen ohne Maschinen zu benutzen“, erklärt mir Eva. Die Entscheidung habe ihm aber kein Glück gebracht, erzählt sie weiter. Er habe versucht eine Hühnerfarm zu betreiben und viel Geld verloren. „Jetzt geht es ihm schlechter als zuvor.“ Die Familie hat den Kontakt abgebrochen, der Vater hat erneut geheiratet – was nach der Tradition aller Mennoniten, Amish wie Kleine Gemeinde, nicht möglich ist.

Das Haus der Familie ist spartanisch. Ich dachte, dass das Leben in Shipyard sehr einfach sei. Doch es erscheint mir nahezu luxuriös im Vergleich zu Barton Creek. Es gibt keinerlei Elektrizität oder Gas. Der Herd wird mit Kohlen befeuert, die Wäsche wird mit der Hand und einem Waschbrett oder einer Waschtrommel gewaschen. Es gibt keinen Kühlschrank. „Wir melken zweimal am Tag, dann gibt es Milch“, erklärt Eva. Kühlen kann man nichts, was gerade bei Milchprodukten und Fleisch ein Problem ist. Entweder es wird eingekocht und sofort gegessen.

Der Kohlen-Herd

Der Kohlen-Herd

Das Haus ist aus unbehandeltem Holz, das mittlerweile gräulich geworden ist. Die Wände innen sind blank und unbearbeitet. In den Fenstern gibt es kein Glas, sondern Metallblenden, die geöffnet werden können. Auf dem Hof steht ein Plumpsklo, das mich leicht sehnsüchtig werden lässt nach dem farbenfrohen, gepflegten Plumpsklo in Shipyard. Es gibt auch kein fließendes Wasser. Im Hof steht eine große Tonne mit Regenwasser, das zum Trinken und Waschen genutzt wird. Somit gibt es auch keine Dusche. Es gibt einen Waschraum mit einer Schüssel kaltem Wasser und einem Becher zum Abgießen. Das ist selbst in den Tropen kein Vergnügen.

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