Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Der Mann wirkt zufrieden, fast glücklich. Er liegt auf dem Boden, den Kopf auf den Arm gestützt und sieht entspannt zu, wie die Leute an ihm vorbei-demonstrieren. „Man hätte meinen können, er liegt auf seiner Couch und schaut fern“, erzählt der Fotograf Davi Marcos. Doch eine Couch besitzt dieser Mann nicht, auch keinen Fernseher. Er ist einer von ungezählten Obdachlosen auf den Straßen von Rio de Janeiro.

Als Davi Marcos den Mann trifft, sucht er nach dem perfekten Bild. Eines, das die Botschaft der Demonstration, auf der er ist, zusammenfasst. Den Nationalfeiertag (Dia da Pátria/1822 Unabhängigkeit von Portugal) nehmen Aktivisten seit 1995 zum Anlass, gegen die soziale Ungerechtigkeit in Brasilien zu demonstrieren. Der „Schrei der Ausgeschlossenen“ (Grito dos Excluídos) will darauf aufmerksam machen, dass zehn Prozent der Bevölkerung mehr als drei Viertel des nationalen Einkommens unter sich aufteilen.

„Ich habe den Mann von hinten fotografiert“, erzählt Davi Marcos. „Auf dem Foto war er dann im Vordergrund, dahinter die Demonstranten und die Polizei. Bei den Polizisten sieht man jeweils ein Emblem der Stadtverwaltung sowie eines des Staates, also alle Machtsphären zusammen in einem Bild.“ Es ist das Lieblingsbild von Davi Marcos. „Ich fotografiere, weil etwas verändern will“, sagt er. „Die Fotografie ist mein Instrument zur sozialen Veränderung. Mit ihr kann man eine Botschaft verbreiten ohne sprachlichen Code.“

Davi Marcos auf Motivsuche in der Favela "Maré"

Der Fotograf Davi Marcos auf Motivsuche in der Favela "Maré"

Dabei hat die Fotografie Davi Marco selbst verändert. Ohne sie hätte der Lebensweg des heute 32-Jährigen auch ganz anders aussehen können. Geboren wird er in einem der Armeviertel im Norden von Rio, dem Favela-Komplex Maré. In den größtenteils inoffiziellen Vierteln leben rund 130.000 Menschen. Als Kind erlebt er, wie die Gewalt im Rio de Janeiro der 90-er Jahre explodiert. Bis zu 8000 Tote pro Jahr auf den Straßen, korrupte Politiker, hoch-kriminelle Polizisten. Rio versinkt in Angst und Agonie. Auch im Viertel von Davi Marcos kämpfen organisierte Kriminelle, professionalisiert in den Gefängnissen der Militärdiktatur der 70-er Jahre, gegen Polizisten um die Vorherrschaft im Drogenhandel.

Davi Marcos geht hier auf eine öffentliche Grundschule. „Schon damals wollte ich fotografieren“, sagt er. „Ein Freund meines Vaters war Fotograf. Aber ich hätte nie gedacht, dass ich das mal machen könnte.“ Stattdessen treibt er sich mit älteren Mitschülern rum, arbeitet als Möbelpacker, Supermarktauskunft, Laufbursche und lebt für den „Baile Funk“.

Funk wird in den 90-er Jahren in den Armenvierteln von Rio populär. Markant an dieser Spielart des amerikanischen HipHop ist sein harter Elektro-Bass und die zahlreichen Todesfällen bei den Funk-„Bällen“ in den Favelas von Rio. Davi fängt an, sich regelmäßig zu prügeln, lernt extra Kickboxen, um besser auf die Funkpartys vorbereitet zu sein. Berüchtigt sind die „Bailes de Corredor“, ein Korridor zwischen zwei rivalisierenden Gruppen, in dem sich die „Funkeiros“ gegenseitig attackieren. „Irgendwann konnte ich mich nirgends mehr sehen lassen, weil es bei jedem Baile Funk jemanden gab, der mich umbringen wollte.“

Zu diesem Zeitpunkt ist Davi noch keine 20 Jahre alt. „Ich habe mich immer für alle mögliche Musikrichtungen interessiert und bin dann zum Rock gekommen. Wir haben dann eine Punk-Band namens Abstinenz gegründet.“ Die anderen Bandmitglieder wohnen auf einem anderen Favela-Hügel. Hier stößt Davi Marcos auf eine NGO, die einen Kurs für Fotografie anbietet. „Sowas hatte ich noch in keiner Favela gesehen. Weil es aber keinen freien Platz mehr gab, habe ich zunächst den Videokurs besucht.“ Hier wiederum hört er vom „Observatório de Favelas“ (frei übersetzt: Informationsstelle für Armenviertel). „Einen Monat lang bin ich jeden Tag zum Observatório gegangen und hab darum gebeten, den Kurs machen zu dürfen.“ 2006 gehört er dann zur 2. Gruppe derjenigen, die den Kurs anfingen.

Inzwischen haben mehrerer Jahrgänge die durch Spenden finanzierte Ausbildung abgeschlossen. Doch das ist nicht das einzige Projekt der Sozialeinrichtung. Seit zehn Jahren bemühen sich die Mitarbeiter des Observatório um gesellschaftliche Partizipation der Bewohner von Armenvierteln durch Aufklärung, politische Lobbyarbeit und konkrete Projekte zur Integration und zur Veränderung des gesellschaftlichen Bewusstseins.

Für Davi Marcos bedeutet das Observatório den Beginn seiner Karriere als Fotograf. Hier erlernt er die Technik und die Philosophie des Fotografierens. Heute arbeitet der ehemalige Laufbursche, Partyschläger und Punkmusiker wie andere hier ausgebildete Fotografen bei der Agentur „Imagens do Povo“ (Bilder des Volkes). Die Bildagentur gehört praktischerweise zum Observatório, organisiert Ausstellungen und verkauft die Bilder wie andere Fotoagenturen auch.

Fotowand bei einer Ausstellung der Agentur "Imagens do Povo" in der pazifizierten Favella "Complexo do Alemao"

Fotowand bei einer Ausstellung der Agentur "Imagens do Povo" in der pazifizierten Favella "Complexo do Alemao"

Von dem Obdachlosen bei der Demonstration habe er etwas gelernt, erzählt Davi. „Der Mann hat so viele Probleme und wirkt trotzdem glücklich. Es kommt wohl nur darauf an, mit welcher Einstellung man sein Schicksal angeht.“ Das könnte auch für ihn selbst stehen. Das Observatório kann zwar nicht die Ungleichheit in Brasilien beenden, es kann aber ein Bewusstsein dafür schaffen, was möglich ist.

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