Dieser Tag war fast ein Jahr lang so weit weg, dass er immer noch irreal erscheint. Doch es ist Realität: seit wenigen Stunden bin ich in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Ein Land, das für mich nicht ferner sein könnte, und genau deshalb habe ich mich dafür entschieden.

Im Gegensatz zu vielen anderen Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bin ich noch kein alter Hase im Globetrotten. Umso mehr habe ich mich über den Anruf von Ute Maria Kilian im März 2011 gefreut: „Herzlichen Glückwunsch! Sie dürfen nach Bangladesch fahren.“

Auf das Land bin ich durch einen reinen Zufall gestoßen. Ein Artikel in einer Meereszeitschrift, die mir einfach so in die Hände fiel, hat mein Interesse für Bangladesch geweckt.

Ein Land, nur zweimal so groß wie Bayern, ist die Heimat von über 160 Mio. Einwohnern. Ich reise in den am dichtesten besiedelten Staat der Welt. 1000 Menschen kommen auf einen Quadratkilometer.

Sechs Wochen lang werde ich wohl so gut wie nie alleine sein. Zweifelsohne eine Herausforderung, der ich mich gerne stelle.

Eine Herausforderung ist ebenso mein Recherchethema: es geht um die Anpassung an den Klimawandel in Bangladesch. Was sich einfach anhört, ist mehr als kompliziert. In den letzten Wochen habe ich viel gelesen, gemailt und telefoniert. Und bin von einem Widerspruch über den nächsten gestolpert.

Auf der Oberfläche klingt alles ganz einleuchtend, alles logisch und beweisbar:

Das Land ist eines der am stärksten vom Klimawandel betroffenen Länder der Erde. Es liegt nur wenige Meter über dem Meeresspiegel. Regelmäßig werden ein Drittel der Landesfläche überflutet. Ursachen sind angeblich nicht nur der Anstieg des Meeresspiegels, sondern vor allem auch das enorme Anschwellen der großen Flüsse Meghna, Brahmaputra und Ganges. Bangladesch ist Wasser. Wasser ist Bangladesch.

Regelmäßig werden die sogenannten Chars, die Schwemmlandinseln im Nordwesten des Landes überschwemmt. Tausende Menschen verlieren ihr Zuhause.

Das Abschmelzen der Himalaya-Gletscher wird immer wieder als Hauptgrund für die Flussüberschwemmungen genannt.

Doch es finden sich Studien, die das Gegenteil behaupten: einen Zusammenhang zwischen den Wassermassen aus dem Himalaya und den Überschwemmungen im Norden Bangladeschs wurde durch geographische Messungen widerlegt. Außerdem sind die Überschwemmungen in den Chars natürliche Gegebenheit und seit Jahrhunderten Normalität in der Gegend.

Jahr um Jahr treffen die Fluten die Ärmsten der Armen, doch welche Rolle spielt nun der Klimawandel in dieser Situation?

Ebenso steht es mit meinem zweiten Rechercheschwerpunkt: den Klimamigranten. Studien prophezeien, dass durch den Anstieg des Meeresspiegels, die Versalzung der Böden, zunehmende Dürre und Überflutungen bereits im Jahre 2050 20 – 40 Mio. Bangladeschis ihre Heimat verlassen haben werden und sowohl im In- als auch im Ausland nach einer besseren Zukunft suchen. Schon jetzt sind die Slums von Dhaka überfüllt. Aus Durban dringen Gerüchte nach Deutschland, dass Indien bereits mit dem Bau von Schutzzäunen an den Landesgrenzen zu Bangladesch beschäftigt sei.

Doch auch hier widerlegen durchaus fundierte Studien die Abwanderung. „Den Klimaflüchtling“ an sich, so Experten, gibt es nicht. Immer handelt es sich um ein Konglomerat aus Gründen, warum Menschen ihre Heimat verlassen, um anderswo neu anzufangen.

Geologen haben zudem errechnet, dass Bangladesch nicht an Land verliert, sondern sogar gewinnt. Damit wäre das Problem der Klimamigranten widerlegt.

Widersprüche begegneten mir auch bei meinem Recherchethema „Shrimpsfarming“.

Zahlreiche Berichte erzählen von der expansiven Ausbreitung der Shrimpsfarmen im Süden des Landes mit desaströsen Folgen für Mensch und Natur.

Kritiker dieser Anschuldigungen haben mich mit vielen Argumenten zum Zweifeln gebracht: ist die Shrimpsindustrie in Bangladesch wirklich so schlimm wie gedacht?

Dass der Klimawandel da ist, ist unbestritten. Und dass er Bangladesch als Entwicklungsland mit mangelhaften finanziellen Ressourcen und einer für Naturkatastrophen prädestinierten geographischen Lage hart trifft, kann ebenfalls kaum geleugnet werden.

Doch wie stark ist sein Einfluss auf die Situation der Bangladeschis wirklich? Sind Überschwemmungen und Zyklone nicht vielmehr natürliches Übel des Landes? Und die Shrimpsfarmen eine Chance für die Wirtschaft? Ist der Klimawandel vielleicht sogar willkommener Grund, Entwicklungsgelder aus dem Westen zu akquirieren? Vielleicht war mein Rechercheansatz eingangs zu oberflächlich gewählt. Vielleicht ist der Klimawandel nur Seitenaspekt in einem ohnehin gebeutelten Land?

Fragen, die alles offen lassen. Ich möchte sie beantworten in meinen kommenden sechs Wochen in der Heimat des Bengalischen Tigers.

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

Archive