Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Flirrend liegt die Hitze über der Wüste. Der rote Sand hebt sich gegen den tiefblauen Himmel ab. Die Wahiba ist die kleinere der beiden Wüsten im Oman. Sie erstreckt sich ca. 200 km von Norden nach Süden sowie 80 km von Osten nach Westen. Rund 1500 Dromedare und 15000 Ziegen sowie 3000 Beduinen von verschiedenen Stämme leben immer noch halbnormadisch in ihr.

Wenngleich sie inzwischen fast durchweg außerhalb der Dünen in festen Behausungen leben, ist die Wüste ist immer noch ihr Wohnzimmer. Zusammen mit ihren Tieren – Ziegen, Schafen und vor allem Kamelen leben die Menschen einen Teil des Jahres zwischen den Dünen. Einfach Hütten aus Palmwedeln geben ihnen den nötigen Schutz vor der Sonne. Das Geflecht ist durchlässig, gleicht einer natürlichen Klimaanlage. Für mehr Kühlung wird ein feuchtes Tuch an die Wände gehangen, das für angenehme Verdunstungskälte sorgt. Die Tiere sind tagsüber sich selbst überlassen und werden ein bis zweimal am Tag gefüttert.

Doch das, was mit Kamelen und Viehzucht erlöst wird, reicht für das moderne Leben bei weitem nicht mehr aus. Daher erhalten die Beduinen auch Unterstützung vom Staat. Eine Art Agrarprämie oder mancher würde es auch als Sozialhilfe bezeichnen. Arm sind die Menschen aber nicht, ihre Häuser sind ans Strom- und Wassernetz angeschlossen, die geländegängigen Jeeps vor der Haustüre haben das Kamel als traditionelles Fortbewegungsmittel ersetzt. Auch wir sind in Allradfahrzeugen unterwegs, und das seit sieben Uhr morgens.

Zwei bis drei Stunden dauert es, bis wir die gut ausgebauten Asphaltstraßen verlassen und in das ca. 13.000 Quadratkilometer große rote Sandmeer eintauchen. Zuvor gilt es etwas Luft aus den Reifen zu lassen. Dadurch vergrößert sich die Oberfläche, es ist einfacher, zu fahren. Doch erst mal geht es auf der mit Kalk durchsetzten Piste einige Kilometer hinein in die Wahiba. Jedes Mal, wenn ich in die Wüste komme, packt mich aus Neue dieses besondere Gefühl. Es ist ein magischer Ort, ein Ort, fern von der Hektik unserer modernen Zeit, ein Ort, an dem man sich aufs Wesentliche konzentrieren kann, an dem elementare Bedürfnisse wie Wasser immer noch wichtiger sind als Computer.

Wichtig für meine Begleiter sind aber schöne Bilder. Daher lässt es sich Jutta, unsere Kamerafrau nicht nehmen, mit der Digi Beta aufs Dach eines der Landrover zu steigen. Ein einfacher Müllsack soll die Kamera vor hochwirbelndem Sand schützen. Vorsichtig, um seine „wertvolle“ Fracht nicht zu verlieren, steuert unser Fahrer Said den Jeep weiter, Ibrahim, unserem Aufnahmeleiter, und ich fahren teilweise voraus, um im Bild zu sein, teilweise filmt Jutta die sich bis zu 200 Meter auftürmenden Dünen rechts und links von uns. Ihren Namen verdankt die Wüste übrigens einem dort lebenden Beduinenstamm.

Nach einem kurzen Mittagessen machen wir uns auf dem Weg zum Oberhaupt der Al Hajari Beduinen. Einst wurde die Scheichwürde vererbt, heute wählen die Beduinenstämme ihre Scheichs. Von außen wirkt das Haus zwar ordentlich, die wahren Pracht entfaltet sich aber im inneren. Der Empfangsraum, in den wir geführt werden, ist am Boden und den Wänden vollständig mit Marmor ausgekleidet, kunstvoll geschnitzte Holzvertäfelungen schmücken die Decke. Neben dem dicken Teppich und Kissen am Boden stehen mehrere goldfarbene Sitzmöbel überzogen mit rotem Brokatstoff für Besucher bereit. Eine riesige Platte frisches Obst, omanischer Kaffee und Datteln werden uns zur Begrüßung serviert. Dann heißt es Warten. Denn Ibrahim und der Scheich fahren erst mal alleine zu den Frauen des Stammes, die wir gerne besuchen wollen, um ihnen zu erklären, was sie erwartet. Eine viertel Stunde später ist klar, wir dürfen kommen.

Acht Frauen empfangen uns in einem von Palmenwedeln begrenzten Outdoor-Wohnzimmer. Ihre Gesichter haben sie zum Teil komplett verschleiert, teils wegen unserer Kamera, teils auch wegen Ibrahim, der für mich übersetzen muss, denn die Frauen sprechen kein oder nur ganz wenig Englisch. Bei anderen Stämmen in der Wahiba tragen die Frauen hingegen schwarze Gesichtsmasken, sowohl als Schutz vor der Sonne und neugierigen Blicken als auch aus Schönheitsgründen. Bunt und gemustert ist stattdessen die Kleidung der Frauen, ein wohltuender Kontrast zu den schwarzen Abayas, die Frauen in den Städten tragen. Einige der Frauen haben die Fingerkuppen oder Nägel mit Henna gefärbt. Goldene Armreifen und Ringe schmücken die von Sonne und Sand gegerbten Hände. Ob sie noch traditionellen Silberschmuck besitzen, will ich wissen. Teilsweise ja, übersetzt Ibrahim die Antwort. Allerdings wurde der Schmuck in der Vergangenheit zumeist verkauft, um zum Beispiel Beerdigungskosten beim Tod des Mannes zu bezahlen. Gerne möchte ich mehr über den Alltag der Frauen erfahren. Die älteste in der Runde verrät mir, dass sie noch in der Wüste geboren wurde und rund 50 Jahre dort gelebt hat. Jetzt schätzt sie allerdings das moderne Leben, in ihrem Alter (wie alt sie ist, kann sie mir allerdings nicht sagen), sei zum Beispiel die Klimaanlage ein Segen.

Auch wenn feste Häuser heute zum Beduinenleben dazu gehören, bestimmen die Tiere immer noch den Tagesablauf der Menschen. Die Männer kümmern sich traditionell um die Kamele, Schafe und Ziegen sind die Domäne der Frauen. Um fünf Uhr morgens beginnen sie ihr Tagwerk. Nach dem Gebet und dem Frühstück werden die Tiere gefüttert, die Kinder zur Schule gebracht. Hausarbeit wie Kochen und Waschen danach erledigt. Zwischendurch bleibt immer Zeit für Besuche bei Freundinnen oder Verwandten, traditionell verknüpft mit Tee oder Kaffee, bevor die Tiere vor Einbruch der Dunkelheit erneut gefüttert werden. Stehen Entscheidungen in der Familie an, werden die Argumente der Frauen ebenso angehört wie die der Männer, beide sind gleichberechtigt.

Auf die Frage, was sich die Frauen wünschen, kommt als erstes Regen. Kein Wunder, sorgt das Nass in der Wüste doch dafür, dass die Tiere genug Nahrung finden. Doch ebenfalls wünschen sie sich, dass auch ihre Anliegen gleichwertig und ebenso schnell wie die der Männer vom Staat behandelt werden. Das betrifft zum Beispiel die Vergabe von Land. Nicht immer scheinen hier die Beduininnen zu ihrem Recht zu kommen.

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