Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

„Klar, kommt vorbei“, sagt Helmut Lutz sofort auf die Frage, ob es möglich sei, seine Papayafarm zu besuchen, „wir treffen uns um 9 auf dem Parkplatz der Accra Mall, von da sind es 3 Stunden bis zu meiner Plantage in der Voltaregion.“ Der 50-jährige ist Ghanas größter Papayaexporteur. Jede Woche schickt er 20-30 Tonnen per Luftfracht nach Deutschland, wo die Früchte in den verschiedenen Supermärkten landen. Im Jahr sind es 500 Tonnen, das ist die Haelfte des gesamten Papayaexports Ghanas.

Durchschnittlich 2 Euro kostet eine Papaya wenn sie beim Verbraucher ankommt, die Produktionskosten von Helmut Lutz sind nur ein Bruchteil des Endpreises.

Auf der Fahrt im Mercedes L über immer holprigere Straßen erzählt er von sich. Dabei zündet er sich eine Zigarette nach der anderen an. Das Raumklima im Auto schwankt zwischen klimatisierten 20 Grad voller Raucherschwaden und feuchtheißen 30 Grad durch seine Stoßlüftattacken. Während der 3 Stunden Fahrt von Accra zu seiner Farm raucht er 12 Zigaretten, „mehr als 3 Packungen rauche ich aber nicht am Tag“, beteuert er. Der gelernte Schlosser wohnt seit 15 Jahren in Ghana, zunächst arbeitete er 4 Jahre auf einer fremden Plantage, dann machte er seine eigene Farm auf. Erfahrung in der Landwirtschaft hat er schon von Kindesbeinen an: Sein Vater war Landwirt.

Er erzählt, dass er auf der ersten Farm in der Nähe von Accra gelernt hätte, was man alles falsch machen könne, beim Papayaanbau. Von seinem alten Chef dort hält er nicht viel, der hätte lieber Häuser gebaut, als Papayas gezüchtet. Viele Deutsche hier, so meint er, die würden es doch alle nicht hin kriegen, „die kommen hier runter, und denken, sie könnten das große Geld verdienen, Schwachsinn.“ Er hält auch nicht viel von den ghanaischen Geschäftsmännern, ohne Leute wie ihn gäbe es keinen Früchteexport. „Die kriegen das hier nicht selber hin“, da ist sich Helmut Lutz sicher, „ich habe extra zwei Deutsche kommen lassen, die kontrollieren alles, wenn ich nicht vor Ort bin. Die können sich hier gar nicht vorstellen, wie pingelig der Käufer in Deutschland ist. Wenn da eine dunkle Stelle auf der Frucht ist, kauft er sie nicht.“ Auch die Entwicklungshelfer kann er nicht verstehen: „Deren Projekte bringen doch nichts, die sollen lieber mal Leute ausbilden, damit Leute wie ich gelernte Arbeitskräfte haben.“ Dass auf Helmut Lutz‘ Farm 100 Leute arbeiten, fällt auf den ersten Blick nicht auf. Die meisten Leute stehen zwischen den ca. fast 90 000 Papayabäumen und jäten Unkraut, Pflücken Früchte, verteilen Dünger, oder reparieren Wasserrohre. Fast jeden Tag ist etwas kaputt. Heute hat es den Traktor erwischt. Der energische Schwabe schickt einen seiner Mitarbeiter einen Schweißer holen, um den Bagger zu reparieren. Dann kontrolliert er die Verpackungsanlagen: „Wir hatten vor zwei Tagen einen Sturm, die Idioten haben die Kartons im Regen stehen lassen, das ist für mich ein Riesenverlust: Jeder Karton kostet mich 50 Cent, dazu kommen noch die ganzen umgestürzten Bäume. Ich habe 2 Felder die kann ich abschreiben.“

Die Abläufe auf der Farm sind streng geregelt. Jedes Feld hat eine Nummer, jeder Baum steht 1,8 Meter vom nächsten entfernt. Die Früchte werden genau dann geerntet, wenn sie anfangen gelb zu werden. Damit die Bäume in nur 8 Monaten vom Setzling bis zur ersten Ernte heranwachsen, werden sie ständig unter Wasser gesetzt. Die unnatürliche Umgebung setzt den Bäumen zu, eigentlich sind sie trockenere Böden gewöhnt. Damit die Wurzeln nicht faulen müssen sie mit Aluminiumsulphat gespritzt werden.Der weltweite Früchtemarkt ist hart umkämpft, die Gewinnmargen für die Produzenten gering, am meisten Profit machen die Supermarktketten. Eine 500 g schwere Papaya kostet im Supermarkt knapp 2 Euro. Helmut Lutz bekommt davon 35 Eurocent, genau dieselbe Menge kostet der Lufttransport pro Frucht nach Deutschland. Von den restlichen 1,30 Euro müssen noch die Verpackungskosten und die Transportkosten in Europa bezahlt werden. Den Rest streichen die Fruchtimporteure und Supermärkte als Gewinn ein. Bei stark umkämpften Massenmärkten, wie z.B. für Bananen oder Ananas sind die Margen für die Produzenten noch geringer.

Helmut Lutz zahlt seinen 100 Angestellten für die einfachsten Arbeiten nur 3,20 Cedi am Tag, dass sind ca. 1,60 Euro, doch mehr geht nicht, wie er sich beeilt zu betonen. „Dann wären wir international nicht konkurrenzfähig und lieber wenig Geld als gar kein Geld. Wenn ich nicht da wäre, gäbe es hier im Dorf keine bezahlte Arbeit“ Wenn es besonders viel zu tun gibt, wie beispielsweise Unkraut jäten. Dann bestellt sich der umtriebige Schwabe einen Trupp aus dem nahe gelegenen Gefängnis. Als Lohn bekommt jeder eine Zigarettenschachtel. „Die verdienen hier zwar nicht viel, aber ich passe auf meine Leute auf, zahle Ihnen auch mal einen Krankenhausaufenthalt. Wer sich geschickt anstellt bekommt auch mehr.“ So wie der Papayakönig selbst. Nach Jahren harter Arbeit will er sich endlich ein eigenes Haus in Accra bauen.

„Wir müssen uns auf Cash Crops konzentrieren, vergesst die heimischen Produkte“ sagen auch Leute wie der Präsident der Handelsvereinigung FAGE (Federation of Agrarian Gahanian Exporteurs) Anthony Sikba, „Durch den Export von Papayas, Ananas, Mangos oder Bananen fließen Devisen ins Land, und die Landwirtschaft wird industrialisiert.“ Seine Rechnung ist einfach: Eine weitergehende Handelsliberalisierung soll Kapital und Wissen anziehen. Die Investoren aus dem Ausland sollen so Arbeit für die Ghanaer schaffen, die durch den Wegfall von anderen Wirtschaftszeigen ihre Jobs verloren haben, dafür aber besser bezahlen und durch den Export Devisen ins Land bringen. Er kann verstehen, dass niemand in Ghana den heimischen Reis kaufen möchte, weil die Qualität oft nicht stimmt und Steine zwischen den Körnern stecken. Er kann auch verstehen, dass niemand teure und zähe Suppenhühner aus heimischer Produktion kaufen möchte. „Wir sollten nur Lebensmittel produzieren, bei denen wir internationale Standards einhalten können. So wie beim Kakao. Hier haben wir einen freien Markt und gleichbleibende Qualität. „Mit Sicherheit: Kakao ist Ghanas Hauptexportprodukt, jedes Jahr werden Bohnen im Wert von 600 Millionen Euro exportiert. Andere Cash Crops folgen weit abgeschlagen: Ghanas exportiert Bananen im Wert von 10 Millionen Euro, Ananas: 7,3 Millionen Euro, Papaya: 320 000 Euro, und Mangos im Wert von 190 000 Euro.

Doch an einem Punkt irrt er gewaltig. Der Kakaomarkt ist der am stärksten regulierte Markt in Ghana. Die heimischen Bauern müssen ihre Säcke zu einem festen Preis an den Staat verkaufen. Nur der hat das Recht die getrockneten Bohnen zu exportieren. Das ist ein klassisches Beispiel von Erfolg durch strikte Regulierung durch den Staat. Andere Bereiche, die dem freien Spiel des Marktes überlassen sind, sind nicht so erfolgreich.

Vor 4 Jahren wurde in Ghana eine neue Ananassorte für den Export eingeführt. Die größeren Früchte der Sorte MD2 sind größer als die alten runden (Sorte Smooth Cayenne) und sollen so mehr Geld bringen. Der Staat förderte die Bauern mit Subventionen für Dünger und die Ausgabe von Saatgut. Was dabei vergessen wurde war, die Strukturen für den Export zu schaffen. Ohne international standardisierte Kartons, Qualitätskontrollen, der Organisation von Transporten zu den großen Häfen und einer Sortierung nach Größen musste die Ernte im Land bleiben und die Bauern Ihre Früchte wie gewohnt an der Straße verkaufen – zu Dumpingpreisen, denn in Ghana sind die süßen Riesenfrüchte nicht so beliebt wie in den Industrieländern im Norden.

Die Vernachlässigung der heimischen Nahrungsmittelproduzenten ist auch aus anderem Grund problematisch. „Wir müssen in der Lage sein, die Menschen mit den Produkten zu ernähren, die wir hier anbauen“, erklärt Ibrahim Akalbila von der GTLF (Ghana Trade and Livelyhood Foundation), einer Consultingagantur, die im Agrarsektor die Regierung berät. „Es darf nicht wieder dasselbe passieren, wie 2007, als die Reispreise auf einmal niemand mehr Reis exportierte. Dadurch hatten wir in Ghana ein Versorgungsproblem.“ Um zugleich den Export von Früchten zu fördern, und die traditionelle Landwirtschaft für den heimischen Markt zu fördern muss die Regierung den Spagat zwischen weitergehender Handelsliberalisierung und gleichzeitigem Erheben von Schutzzöllen schaffen. Ein fast unmögliches Unterfangen – wichtige Handelspartner des Landes wie die Europäische Union lehnen Schutzzölle rigoros ab.

Helmut Lutz setzt darauf, dass er auch in Zukunft seine Produkte ohne Einfuhrzölle in die EU exportieren kann. Er hat keine Angst, dass die politische Situation plötzlich umschlägt. „So was kann in Afrika immer passieren, dass muss man wissen, bevor man kommt.“ Erst kürzlich hat er seine Farm von 2 auf 4 Quadratkilometer vergrößert.

Auf den neuen Flächen will er Ananas und Bioananas anbauen. Insgesamt werden dann 200 Leute für ihn arbeiten. „Farmer zu sein ist ein reines Lotteriespiel: Entweder man gewinnt alles, oder man geht pleite. Wenn die großen Farmen in Costa Rica oder Brasilien ihre Früchte nur ein kleines bisschen billiger verkaufen, bleibe ich auf meinen sitzen.“ Doch das ist nicht Helmut Lutz größte Angst. „Am schlimmsten wäre es, wenn sie hier in der Region Gold finden. Dann wäre spätestens nach 3 Jahren alles zyankaliverseucht, dann kann ich dicht machen.“

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