Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Er verkaufte fast 200.000 Agrar-Maschinen an Bauern in Kenia, Tansania und Mali – und half so einer halben Million Menschen aus der Armut. Nick Moon war einer der ersten Sozialunternehmer Afrikas. Von der Spitze seiner Firma will er sich nun zurückziehen. Ein Rückblick auf ein beeindruckendes Lebenswerk.

Mittlerweile kommt Nick Moon nur noch selten in sein Büro. Die Unterlagen, die er früher stets griffbereit hatte, muss er lange zusammensuchen. Seine Visitenkarten hat die Sekretärin bereits ganz hinten im Schrank verstaut. „Es scheint hier alles auch ganz gut ohne mich zu funktionieren“, sagt der 57-Jährige. Im vergangenen Jahr fasste er den Entschluss, sich aus dem operativen Geschäft von Kickstart, einem der ersten Sozialunternehmen Kenias, zurückzuziehen und die Führung an einen jüngeren Manager zu übergeben. In der Firmenzentrale im sechsten Stock eines Hochhauses in Nairobi erinnert noch vieles an die Ära, die nun zu Ende geht: die Fotos an den Wänden, auf denen Moon zusammen mit dem ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton abgelichtet ist, die Auszeichnung des Magazins „Forbes“, das ihn zu einem der 30 bedeutendsten Sozialunternehmer der Welt kürte – oder die mechanische Wasserpumpe im Vorzimmer, die zeigt, wie alles begann.

Mit billigen und leicht zu bedienenden Agrar-Maschinen hat das von Moon gegründete Unternehmen nach eigenen Angaben die Erträge von fast 200.000 landwirtschaftlichen Betrieben vervielfacht – und dadurch bis heute 615.000 Bauern in Kenia, Tansania und Mali aus der Armut geholfen.

Geschenke der NGOs halfen den Dörfern nicht

Es war die Frustration über das Versagen der klassischen NGOs im Kampf gegen Armut, die Anfang der 90er-Jahre die Initialzündung für Moons beeindruckendes Lebenswerk gab. Damals arbeitete er für eine britische Hilfsorganisation, baute Krankenhäuser, Schulen und Brunnen. Doch das Problem der Armut löste er damit nicht: „Sobald wir ein Dorf verließen, verwahrlosten die Projekte, weil sich niemand mehr dafür zuständig fühlte“, sagt Moon. „Heute glaube ich sogar, dass wir mehr Schaden anrichteten als Nutzen brachten.“ Weil lokale Unternehmer mit den Geschenken der zahlungskräftigen Hilfsorganisationen nicht konkurrieren konnten, sei das Marktgleichgewicht nachhaltig gestört worden. „Wir brachten die Dorfgemeinschaften in eine Abhängigkeit, aus der sie sich nicht so schnell wieder befreien konnten.“ Auf die Arbeit der Hilfsindustrie ist er bis heute nicht gut zu sprechen. Vieles von dem, was bereits vor zwei Jahrzehnten falsch lief, werde heute immer noch praktiziert, sagt Moon.

Zusammen mit seinem Freund, dem Amerikaner Martin Fisher, der damals für die gleiche Hilfsorganisation arbeitete, suchte Moon nach einer Alternative. „Der Schlüssel, um möglichst im ganzen Land nachhaltige Wirkung zu erzielen, ist Technologie“, sagt Moon. „Damit Bauern in den Dörfern von ihrer Landwirtschaft auch leben können, brauchen sie keine Geschenke, sondern bloß die richtigen Werkzeuge, um ihre Erträge zu steigern.“

Das belegen auch Untersuchungen der Weltbank: Demnach ist die Produktivität der Landwirtschaft in den afrikanischen Staaten südlich der Sahara gerade einmal halb so groß wie im weltweiten Durchschnitt.  Das liegt vor allem daran, dass vielfach keine Bewässerungssysteme vorhanden sind. Deshalb können die Bauern nur ein bis zwei Mal im Jahr nach den Regenzeiten ernten – und viele Pflanzensorten überhaupt nicht anbauen. Die Folge: niedrigste Einkommen, die kaum zum Leben reichen.

Mehr Ernte dank besserer Technologie

Um das Problem zu lösen brachten Moon und Fisher eine Wasserpumpe auf den Markt, der sie den vielversprechenden Namen „Moneymaker“ gaben. Mehrere Jahre dauerte die Entwicklungsarbeit, bis das Produkt den Anforderungen der kenianischen Landwirtschaft entsprach. „Maschinen für Entwicklungsländer müssen komplett anders designt werden, als für westliche Industrienationen“, sagt Moon. In Europa und den USA sei Kapital vergleichsweise billig, Arbeit dagegen sehr teuer. „Maschinen für westliche Märkte werden deshalb so gestaltet, dass sie den Arbeitseinsatz für eine Tätigkeit so weit wie möglich reduzieren.“ Ein für Länder wie Kenia völlig falscher Ansatz: Hier sei Arbeit billig, Kapital aber sehr teuer – wenn es überhaupt vorhanden ist. „Damit Produkte in diesen Märkten funktionieren, müssen sie so wenig wie möglich kosten und den Kunden erlauben, ihre Arbeit damit zu Geld zu machen“, sagt Moon.

Zwischen 60 und 120 Dollar kosten die Moneymaker-Wasserpumpen, die Kickstart mittlerweile nicht nur in Kenia, sondern auch in Tansania und Mali vertreibt. Viel Geld für Familien, deren monatliches Einkommen oft weniger als 40 Dollar beträgt. Obwohl Kickstart seinen Kunden verspricht, dass sich die Investitionskosten bereits nach einem halben Jahr amortisieren und Bauern nach der Anschaffung ein im Schnitt drei Mal höheres Einkommen als bisher erwirtschaften können, ist die Überzeugungsarbeit der härteste Teil des Geschäftes: „Wir investieren das meiste Geld in das Marketing“, sagt Moon. „Derzeit müssen wir noch rund 250 Dollar ausgeben, um einen Bauern vom Kauf einer 120-Dollar-Pumpe zu überzeugen.“

Ein neuer Markt entsteht

Das klingt hochgradig unwirtschaftlich – und tatsächlich will Moon mit seiner Firma nicht in erster Linie Geld verdienen. Ihm geht es darum, einem Markt zum Durchbruch zu verhelfen, der bisher nicht existierte: „Die meisten neuen Technologien brauchen mehrere Jahre, bis sie Gewinne abwerfen“, sagt Moon. „Das ist bei uns nicht anders.“ Als Beispiel nennt er den deutschen Solarmarkt, der sich erst durch erhebliche staatliche Förderungen etablieren konnte. „Nur hat der Staat in Kenia kein Geld dafür.“ Bis Kickstart schwarze Zahlen schreibt sollen die Verluste daher weiter durch Spendengelder ausgeglichen werden. Gesamtwirtschaftlich betrachtet handle es sich dabei bereits jetzt um gut angelegtes Geld: Jeder investierte Euro verursache laut Kickstarts Kosten-Nutzen-Analyse den 15-fachen Wohlstandsgewinn.

Je stärker das Unternehmen wachse, umso billiger ließen sich die Wasserpumpen produzieren und vertreiben, sagt Moon. In drei bis vier Jahren werde das Unternehmen profitabel sein können und nicht mehr auf Spendengelder angewiesen sein. Er selbst werde diesen Weg als Board-Member weiter begleiten. Im Alltag will er sich aber nun neuen Aufgaben widmen: Die Jugendorganisation „White Fingers Peace Initiative“ hat ihn als Direktor angeworben, bei der „Theatre Company“ wurde Moon, der früher selbst Laiendarsteller auf Nairobis Bühnen stand, in den Vorstand gewählt. Außerdem will er seine Frau beim Aufbau eines Waisenhauses im Westen Kenias unterstützen. „Zumindest glaubt sie, dass ich das kann.“

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