Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Stephen Njuguna hat ein halbes Leben gebraucht, um ein Rezept gegen die Armut zu finden. Die Zutaten: fünf Euro, ein Hektar Land und viel harte Arbeit.

Der Tag begann wie jeder andere, doch als er zu Ende ging, sollte das Leben von Stephen Njuguna nicht mehr so sein, wie er es kannte. An das Datum erinnert er sich bis heute: Es war der 14. Dezember 1998, ein Montag. Um fünf Uhr morgens stand er auf, draußen war es noch dunkel. Er musste leise sein, um die Kinder nicht aufzuwecken, mit denen er sich das Schlafzimmer seiner 30-Quadratmeter großen Wellblechhütte teilte. Stephen aß ein paar Löffel Ugali vom Vortag, zog seine Arbeitskleidung an und marschierte die 20 Minuten zur Bushaltestelle. Der Verkehr stockte, die Fahrt in die Stadt dauerte fast eine Stunde und Stephen hatte noch einmal Zeit darüber nachzudenken, worüber er schon das ganze Wochenende gegrübelt hatte. Kann er es sich wirklich leisten, seinen Job hinzuwerfen? Was würde seine Frau dazu sagen? Wovon soll er seine Familie künftig ernähren? Eine überzeugende Antwort hatte der damals 40-Jährige auf diese Fragen noch nicht. Er wusste nur: So wie bisher kann es kaum weitergehen.

Seit acht Jahren arbeitete Stephen als Reinigungskraft im Bürogebäude der staatlichen Post- und Telefongesellschaft KPTC. 7000 kenianische Schilling bekam er dafür im Monat, umgerechnet rund 70 Euro. Wenn er das Gehalt ausgezahlt bekam, reichte es gerade einmal um die Schulden aus dem Vormonat zu begleichen. Das bisschen Mais und die paar Bohnen, die seine Familie auf den Tisch bekam, musste er sich dann wieder bei Freunden und Bekannten zusammenschnorren, oder beim benachbarten Bauern auf Pump einkaufen. Sein ältester Sohn würde bald in die Schule kommen, doch für die Uniform und die Bücher hatte Stephen beim besten Willen kein Geld übrig. Während er wie jeden Tag seine Flure auf und ab wischte, kam er zu der Überzeugung, die ihm allen Mut abverlangte. Er dachte: Nur wenn er sein Leben radikal ändert, hat er die Chance, der prekären Situation zu entkommen.

Arbeitslos aber frei

Stephen ging zu seinem Chef, es war bereits vier Uhr nachmittags, und sagte ihm, dass er kündigen wolle. Seinem Arbeitgeber ging es zu der Zeit finanziell auch nicht viel besser als Stephen. Um Kosten einzusparen, bot das Unternehmen deshalb Mitarbeitern, die ihren Job freiwillig aufgaben, eine kleine Abfindung an. Ein Angebot, das er gerne annahm. Als er an diesem Dezembertag seinen langjährigen Arbeitsplatz verließ, war er zwar arbeitslos, aber hatte fast einen Jahresgehalt in der Tasche und außerdem seine Freiheit wieder.

Der Weg vom Bauernhof ins Dorf

Der Weg vom Bauernhof ins Dorf

Seine Frau Felecia erfuhr erst mehrere Tage später, dass Stephen keinen Job mehr hatte. Sie war zu dieser Zeit auf Besuch bei ihrer Familie, die richtungsweisende Entscheidung traf Stephen deshalb in aller Einsamkeit. „Ich hätte das niemals gemacht, wenn meine Frau hier gewesen wäre“, sagt Stephen heute. „Sie hätte mir den Kopf abgerissen.“ Tatsächlich sei sie wütend, verzweifelt und voller Zukunftsängste gewesen, als ihr Stephen von seiner Kündigung erzählte, sagt Felecia. Wovon sollten sie und ihre vier Kinder künftig leben? Von Stephens Idee hielt sie nur wenig: Er hatte vor, auf dem gerade einmal einen Hektar großen Grund, den er von seinen Eltern geerbt hatte, Gemüse anzupflanzen. „Er sagte, die Büsche, die Wiesen und der Bach hätten jeden Tag auf seinem Weg zur Arbeit zu ihm gesprochen und ihm gesagt, er müsse hier bleiben, er müsse hier arbeiten“, erzählt Felecia. „Ich habe das für Unsinn gehalten.“

Poster in Stephens Haus

Poster in Stephens Haus

Felecias Urteil sollte sich bald bestätigen: Bereits zwei Monate später stand die Familie vor dem Nichts. Von seiner Abfindung hatte Stephen ein etwas größeres Haus für seine Familie gebaut. Das Geld war fast komplett aufgebraucht – übrig waren nur noch 500 Schilling, gut fünf Euro. Davon solle sie am Großmarkt Gemüse einkaufen und es an der Hauptstraße des Dorfes an die Arbeiter aus Nairobi weiterverkaufen, trug Stephen seiner Frau auf. „Das Geschäft war kein großes Risiko“, sagt Stephen. „Wenn niemand das Gemüse haben wollte, konnten wir es einfach selber essen.“ Der  Betrieb warf zwar fast jeden Tag einen kleinen Gewinn ab, mit dem Stephen das Saatgut für sein Feld kaufen konnte. Die prekäre Finanzlage von Familie Njuguna änderte sich dadurch aber nur unwesentlich. Die Ackerflächen brachten kaum Ertrag. Spinat und Kohl baute er an. Wenn die Regenzeiten ihn nicht im Stich ließen, konnte er drei Mal im Jahr ernten und bekam am Markt umgerechnet 100 bis 200 Euro für sein Gemüse. Obwohl er deutlich mehr arbeitete, hatte die Familie insgesamt weniger Geld zur Verfügung, als früher – als Stephen noch Büroflure schrubbte. „Ich dachte oft: Ich hätte besser weiter putzen sollen“, sagt Stephen.

Verheißungsvolles Versprechen

Doch aufgeben wollte er nicht: Er experimentierte mit anderen Gemüsesorten, versuchte die Erntezeiten zu optimieren und leitete den Bach quer über die Ackerfläche, was aber nur dazu führte, dass er alle Nährstoffe aus dem Boden spülte. Die Folge: Die Einnahmen blieben dürftig, das Abendessen auch.

Stephens Ausflug in die Freiheit stand vor dem Scheitern. Doch ein letztes Mal wollte er noch einmal etwas riskieren. Er weigerte sich zu akzeptieren, dass es nicht möglich sein soll, von der Natur und seiner Hände Arbeit zu leben. Knapp 100 Euro, den Ertrag von fast einer kompletten Ernte, nahm mit in die Stadt und kaufte sich dafür eine Maschine, die fast Unglaubliches versprach: besseres Gemüse, Ernten zu jeder Jahreszeit, dreifache Einnahmen auf dem Markt. Stephen war bereit, dem zu glauben und kaufte sich das blau lackierte Metallteil, das einen verheißungsvollen Namen trug: Moneymaker.

Zucchinis finanzieren das Studium des Sohns

Moneymaker, so nennt das kenianische Sozialunternehmen Kickstart seine Low-cost-Wasserpumpe, die es kleinen Landwirtschaftsbetrieben in Afrika erlauben soll, ihren Gemüseanbau ein Stück weit zu industrialisieren. Das Bewässerungssystem macht Bauern unabhängig von den Regenzyklen und ermöglicht den Anbau teurerer Gemüsesorten, die konstanten Wasserzufluss brauchen. Damit ließe sich die Ineffizienz der kenianischen Landwirtschaft, die Hauptursache für die Verarmung der Bauern ist, weitgehend beheben. 

Bewässerungssystem

Bewässerungssystem

Auf Stephens Farm ging das Konzept auf: Heute hat er sogar einen Angestellten, der für ihn jeden zweiten Tag auf die Pedale der mechanischen Pumpe tritt, während Stephen selbst den Schlauch in die Saatgruben hält. Einen Liter Wasser pumpt der „Moneymaker“ pro Sekunde auf den Acker. Bewässern könnte man das Feld theoretisch natürlich auch mit Eimern und Gieskannen, aber dafür würde die Zeit nicht reichen: „Für die Fläche, die ich jetzt in drei Minuten schaffe, würde ich sonst 40 Minuten brauchen“, sagt Stephen. Er zieht eine fast reife Zucchini aus dem Boden und beißt einmal ab. „Schmeckt so auch besser“, sagt er lapidar.

Zucchinis

Zucchinis

Sieben Wochen brauchen die Zucchinis bis sie die optimale Länge von rund 15 Zentimetern erreicht haben. Weil Stephen die Teile seines Feldes zu unterschiedlichen Zeiten gesät hat, erreicht er neuerdings einen konstanten Einkommensstrom. 50.000 Schilling, also rund 500 Euro verdient er mittlerweile im Monat. Weil er keine Miete bezahlen muss und das Essen großteils ohnehin auf seinen Feldern wächst, reicht das locker zum Leben. „90 Prozent der Geldes gebe ich für die Bildung meiner Kinder aus“, sagt er. Der älteste Sohn, der damals gerade an die Grundschule kam, als Stephen seinen Putzjob kündigte, ist mittlerweile 20 und will an der Universität studieren. „Ich hab zwar keine Ahnung, was er dort machen will, aber ich unterstütze ihn dabei“, sagt Stephen.

Dass eines seiner Kinder irgendwann einmal die Farm übernehmen wird, glaubt er nicht. „Die finden sich sicher etwas Besseres.“ Für seine eigene Zukunft sorgt er deshalb anders vor. Von den Ersparnissen der vergangenen Jahre will er fünf bis sechs kleine Häuser am Rand der Dorfstraße bauen und sie vermieten. Wenn die Zeit gekommen ist und ihm die Kraft zur täglichen Arbeit am Feld fehlt, will er hier Obstbäume pflanzen. Die brauchen dann nicht mehr ganz so viel Aufmerksamkeit. „Bis es soweit ist wird es noch ein paar Jahre dauern, hoffe ich“, sagt der 54-Jährige. Um das Alter zumindest ein wenig hinauszuzögern, isst er jeden Tag Koriander. Das sei gut für die Knie.

Archive