Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Nach zehn Stunden Flug und einer Stunde in der Warteschlange der Polícia Federal, habe ich das erste Ziel meiner dreimonatigen Recherchereise erreicht: Recife. In der Hauptstadt des Bundesstaates Pernambuco werde ich ab Mitte Juli ein Praktikum beim Jornal do Commercio absolvieren, bevor ich in den Sertão aufbreche – das große Trockengebiet im Inland des brasilianischen Nordostens.

Auf einer Fläche so groß wie Frankreich und Deutschland leben die Menschen hier noch immer größtenteils von der Subsistenzwirtschaft. Der Sertão ist eine arme Region und bildet kulturell, wirtschaftlich und gesellschaftlich einen krassen Gegensatz zu den Metropolen und Regionen im Süden des Landes. Die Mehrheit der Sertanejos sind Kleinbauern und leben am Rand des Existenzminimums. Viehzucht und Landwirtschaft bilden die Lebensgrundlage der meisten Familien. In der strukturschwachen Region sind viele der Sertanejos auf staatliche Hilfe angewiesen. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen der Region Nordeste liegt bei ca. 3300 Euro im Jahr. Dennoch leben 15 Prozent der Nordestinos immer noch in extremer Armut, d.h. von etwa 30 Euro monatlich. Die Analphabetenquote liegt bei etwa 18 Prozent. In einigen Regionen kann sogar jeder Vierte nicht richtig lesen und schreiben.

Brasilien ist ein Land der Extreme und Kontraste, doch wohl nirgendwo sind die Diskrepanzen zwischen arm und reich, fortschrittlich und rückständig, Modernität und Tradition größer als im Sertão. Einerseits haben die sozialen Reformprogramme der letzten Jahre hier Wirkung gezeigt und den Anteil der Menschen in extremer Armut verringert. Die brasilianische Wirtschaft floriert, der Real ist stabil und die aktuelle Arbeitslosenquote ist selbst im wirtschaftlich schwächeren Nordosten so niedrig wie nie zuvor. Andererseits findet man nach wie vor Regionen an denen die Zeit stehengeblieben scheint, wie es im Sertão vielerorts der Fall ist.

Traditionswahrung und die Erhaltung der cultura nordestina prägen das Gebiet im Inland des brasilianischen Nordostens. Die äußerst vielfältige Kultur basiert auf indigenen, europäischen und afrikanischen Traditionen und Elementen und spiegelt sich in der Literatur, der Musik, den Tänzen, der Religion, den Volksfesten und dem Kunsthandwerk wider.

Kaum eine andere Region hat in der Geschichte Brasiliens so viel Einfluss auf die brasilianische Gesellschaft ausgeübt und deren nationale Identität zugleich so stark geprägt, wie der Nordeste do Brasil. Kaum einer anderen Region wurde bisher in den Medien so wenig Aufmerksamkeit zuteil. Das Ziel der Recherche ist die Vielfalt der cultura nordestina, das Leben, die Sitten und Bräuche der Sertanejos in der Region zu dokumentieren.

An dieser Stelle werde ich in den nächsten Wochen von meiner Reise berichten.

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