Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Acorda Recife, acorda! E já é hora de renovar! Wach auf Recife, wach auf! Es ist Zeit für einen Umbruch – dröhnt es in einer Endlosschleife aus den riesigen Boxen, die auf einen alten VW-Bus montiert sind. Daniel Coelho vem dos braços do povo, trabalhando e olhando por todos… Daniel Coelho ist einer von uns, der für uns alle arbeitet und sich um uns kümmert. Wählt die 45! Wählt Daniel, damit Recife sich wandelt!

Paulo Augusto schaut immer öfter auf die Uhr. Langsam wird er nervös. Es sind nur noch drei Stunden bis Redaktionsschluss und Daniel Coelho ist inzwischen seit 45 Minuten überfällig. Paulo muss an den Rückweg denken, der wird auch noch eine ganze Weile in Anspruch nehmen. „Durch die Vertikalisierung der Stadt kommt es immer häufiger zu Staus“, so der Reporter des Jornal do Commercio. „Überall werden neue Hochhäuser gebaut“, ergänzt Paulo, während er sich umblickt und ein weiteres Mal auf seine Uhr schaut. Neue Hochhäuser – das bedeutet mehr Bewohner und zugleich immer mehr Autos. Denn wer sich eine Wohnung in einem der als sicherer geltenden Betonpaläste leisten kann, der besitzt auch mindestens ein Auto. Die Straßen sind völlig überfüllt. Das liegt auch daran, dass fast der gesamte öffentliche Verkehr auf Linienbusse beschränkt ist. In Recife gibt es nur zwei Metrolinien, die das Zentrum mit den Vororten im Westen verbinden. Züge gibt es nicht und deshalb kommt man zu den Stoßzeiten auf den Straßen nur im Schritttempo voran.

Und dann ist Daniel Coelho plötzlich doch da, eine Stunde später als geplant. Paulo lächelt und wirkt sofort entspannter. In mintgrünem Hemd, Jeans und Turnschuhen beginnt Coelho seinen Straßenwahlkampf. Umarmung, Küßchen links, Umarmung, Küßchen rechts, Shake Hands, Umarmung. Irgendjemand reicht ihm ein Kind, hoch auf den Arm, Foto und weiter zum nächsten Haus. Ihm folgen einige Duzent Sympathisanten und eine handvoll Fahnenträger der Jugendorganisation der PSDB, der Partido da Social Democracia Brasileira, die Coelho als Kandidat für die Bürgermeisterwahl in Recife am 7. Oktober diesen Jahres aufgestellt hat.

Die Aktion wirkt auf den ersten Eindruck etwas chaotisch und hektisch. Doch die Wahlhelfer und Strategen hinter der Kampagne überlassen nichts dem Zufall. Bevor Coelho, der von einem Kamerateam begleitet wird, die Straßenseite wechselt um eine alte Frau, die in ihrem Schaukelstuhl sitzt, zu umarmen, haben die Wahlhelfer bereits Plakate mit Coelhos Konterfei an ihre Hauswand gepint, Sticker geklebt und kleine Fähnchen an die herumtollenden Kinder verteilt.

Der Anwärter auf das Bürgermeisteramt gibt sich gezielt volksnah, in einem Viertel das nicht gerade zur Stammwählerschaft der konservativen PSDB gehört. Die Vila do Sesi im Stadtteil Ibura liegt im Süden von Recife und ist eines der grössten und ärmsten Viertel der Stadt – keine Favela, aber es ist auf den ersten Blick zu erkennen, dass viele Häuser renovierungsbedürftig und vorallem die Straßen und öffentliche Plätze einer Generalüberholung bedürfen. Genau das weiss der Tucano, wie die Mitglieder der PSDB nach ihrem Wappentier genannt werden, für sich zu nutzen. Es dauert nicht lange bis der Wahlmarsch an einer dunklen Strassenkreuzung anhält, aus deren Mitte eine kniehohe Wasserfontäne sprudelt, die sich zu einer grossen Pfütze aufgestaut hat. Am Straßenrand fließt das Wasser die leicht abfallende Straße hinab, bis es zwischen zwei Häusern in einer kleinen Gasse verschwindet. Der ideale Ort für die erste kurze Ansprache Daniel Coelhos: „Hier könnt ihr alle sehen wie sich die Stadtverwaltung in den letzten Jahren um euer Ibura gekümmert hat. Erst gestern habe ich in Feira de Nova Descoberta so einen Wasserrohrbruch gesehen und gleich heute eine Baufirma vorbeigschickt, die sich darum gekümmert hat. Morgen werden auch hier wieder Autos fahren können.“ Seine Unterstützer jubeln ihm zu. Und weiter geht es, von Haus zu Haus, von Tür zu Tür.

Nach 45 Minuten auf den Strassen der Vila do Sesi wird Paulo langsam wieder etwas nervöser. Eigentlich sollte der Rundgang längst zu Ende sein, Daniel Coelho seine Abschlußrede gehalten haben. Doch es ist gerade erst die Hälfte der geplanten Strecke zurückgelegt, wie er von einem der Wahlhelfer erfährt. Paulo und zwei weitere Reporter stellen sich Daniel Coelho schließlich in den Weg, um ihm ihre Fragen stellen zu können.
– Die seit zwölf Jahren regierende Arbeiterpartei (Partido dos Trabalhadores) sei für den verheerenden Zustand in vielen Vierteln verantwortlich, es sei nun Zeit für einen Wechsel, man müsse sich schliesslich um seine Stadt genau so kümmern, wie um sein eigenes Haus, in den nächsten Wochen werde er seinen Strassenwahlkampf intensivieren, bis zur Wahl werde er um jede Stimme kämpfen. – Und dann setzt er seinen Rundgang auch schon wieder fort, ohne die anwesenden Pressevertreter, die sich alle auf den Rückweg machen.

Die Strassen sind leerer als erwartet und Paulo Augusto wird auf der Fahrt in die Redaktion wieder ruhiger, er hat noch genug Zeit für seinen Artikel, aber: „Daniel muss noch einiges lernen. Schliesslich ist er auf uns angewiesen. Wir sind an Fristen gebunden, da kann er nicht erwarten, dass wir ihm studenlang hinterherdackeln“.
Es ist Daniel Coelhos erster Wahlkampf, er ist erst 34 Jahre alt. Seine Chancen die Bürgermeisterwahl zu gewinnen sind trotz seines Optimismus den aktuellen Umfragen zufolge eher gering.

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