Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

„Hier, direkt hinter dem großen Baum dort, da fing mein Land an,“ erklärt James Sapong, und zeigt mit dem Finger auf eine riesige Geröllhalde, „da standen früher Palmen, Ananasbüsche, Yamstauden, Orangen- und Papayabäume, ich habe damit meine Frau und meine 5 Kinder ernährt, jetzt habe ich nichts mehr.“ Vor einem halben Jahr  begruben riesige Bagger der Goldfirma Anglo Gold Ashanti sein Land unter den Geröllmassen, die beim Goldabbau anfielen. Der Konzern bot ihm 7400 ghanaische Cedi (ca. 3700 Euro) Entschädigungszahlung an, doch er lehnte ab.


Mit Hilfe von WACAM ( Wassa Association for Communities affected by Mining) , einer Interessenvereinigung der Geschädigten durch den Goldaabbau klagt er  gegen den Bergbaugiganten. Er will 90 000 Cedi Entschädigung. Obwohl er weiß, dass die Gewinnaussichten schlecht sind, gibt er sich kämpferisch: „Klar werde ich gewinnen, ich bin ja im Recht.“ Ob er den Atem dafür hat, ist fraglich. Andere enteignete Bauern klagen schon seit 7 Jahren. Selbst wenn ein Urteil gefällt wird, kann die Gegenseite in Berufung gehen. Der 63-jährige James Sapong lebt seit seiner Enteignung in einem kleinen Zimmer über dem Büro von WACAM. Seine Familie ist in ein anderes Dorf gezogen, und bei Verwandten untergekommen. „Am schlimmsten ist, dass ich meine Familie nicht mehr ernähren kann,“ beklagt sich James Sapong.

So wie ihm geht es vielen. Im Westen Ghanas,  in der Wassa – Region mit der Bergbaustadt Tarkwa im Mittelpunkt gibt es zwei große Tagebauminen und mehrere kleine Abbaugebiete. Direkt am Stadtrand von Tarkwa, im Westen gelegen liegt die größte Mine des Landes, die zum Konzern Gold Fields gehört. Im Südosten der Stadt graben die von Bagger Anglo Gold Ashanti seit 1990 nach Gold. WACAM schätzt, das in den letzten 20 Jahren im Wassa – Distrikt  40 – 50 000 Menschen umgesiedelt wurden und oft gar nicht, oder nur unzureichend entschädigt wurden. Besonders betroffen ist die Gemeinde Teberebie, mit dem Auto ca. 15 Minuten südöstlich von Tarkwa gelegen. Das Dorf mit seinen 3000 Einwohnern ist auf drei Seiten von Abraumhalden umgeben, die teilweise über 70 Meter hoch sind. Fast alle Dorfbewohner haben durch die Iduapriem – Mine ihr Land verloren. Einige haben die geringe Entschädigung angenommen, andere klagen, wie James Sapong.

Anglo Gold Ashanti schürft schon seit über 100 Jahren im Land. Der Konzern eröffnete im Jahr 1897 in dem damals unter britischer Kolonialherrschaft stehenden Land die erste Mine in Obuasi. Das Unternehmen zahlte bis zur Unabhängigkeit Ghanas im Jahr 1957 zwischen 5 und 23% Lizenzgebühren  an das britische Empire. Im ghanaischen Minenfördergesetz ist festgelegt, dass alle Bergbauunternehmen zwischen 3 und 6% zu zahlen haben, doch keines der im Lande tätigen Unternehmen zahlt mehr als die Untergrenze von 3%. 10% der Lizenzgebühren fließen in die Abbauregionen zurück, d.h. die District Assembly der Wassa Region, in der die Iduapriem – Mine liet erhält jährlich ca.  830 000 US – Dollar von Anglo Gold Ashanti, was 0,3% des Gesamtumsatzes der Mine Iduapriem entspricht. Das Geld landet jedoch nicht in den betroffenen Kommunen, sondern wird als fester Posten im Haushalt des Distrikts eingeplant.

Inzwischen sind schon für etwa 13% des gesamten ghanaischen Staatsgebietes Konzessionen für Bergbau vergeben worden. Schon lange vor der eigentlichen Förderung fangen die Unternehmen jedoch mit den  Vorbereitungen dafür an. Die Menschen, die auf diesem Land leben, müssen weitreichende Einschränkungen hinnehmen, auch wenn sie nicht umgesiedelt werden. Es werden Gruben angelegt, Staubecken für Wasser, Straßen für die Bagger angelegt, Flüsse umgeleitet, oder eben Abraum aufgeschüttet. All dass braucht Platz, versperrt den Zugang zu den Feldern oder zu sauberem Trinkwasser.

Die Interessenvereinigung WACAM unterstützt die Betroffenen im Kampf gegen die Bergbauunternehmen. Die 1989 gegründete Organisation zahlt die Anwaltskosten und unterstützt die Familien der Betroffenen. Außerdem führt sie selbst Untersuchungen über die Verschmutzung von Gewässern durch. Finanziert wird WACAM unter anderem durch OXFAM und FIAN. „Die Bergbauunternehmen, die können hier machen, was sie wollen“, beklagt Daniel Owusu Koranteng, der Vorsitzende von WACAM, „manchmal geben sie vor, an den Schicksalen der Leute interessiert zu sein, aber Wir sind davon überzeugt, dass die Unternehmen nicht an wirklichem Dialog interessiert sind, das ist nur Kosmetik.“ Der einzige Entschädigungsprozess, den WACAM bis jetzt gewann, geht jetzt in die zweite Runde – Anglo Gold Ashanti hat das Urteil angefochten. Viele der ursprünglich 3000 Dorfbewohner in Teberebie sind inzwischen weg gezogen, viele andere haben ihre Lebensgrundlage verloren, so wie die die 34-jährige Emilia Amoateng. Ihre Mutter Ante Akuba wurde vor 7 Jahren enteignet.

Seitdem ist Emilia Amaoteng bei WACAM aktiv und unterstützt andere. „Das, was sie damals mit meiner Mutter passiert ist, war für mich so eine Art Startschußss, erinnert sich die jugendlich aussehende Frau, „Sie wollte eigentlich die Entschädigungszahlung annehmen, doch ich habe sie überredet, es nicht zu tun.“ Auch Ante Akuba klagt seitdem gegen den Bergbauriesen. Ihr Geld verdient sie seitdem selbst als Gold- und Diamantenschürfern: Illegal, auf dem Land von Anglo Gold Ashanti, auf dem vorher ihre Pflanzen standen. So wie sie machen es in Ghana 300 000 bis 500 000 Menschen. 85% davon schürfen illegal.

Emilia bietet an, ihre Mutter auf den Minenfeldern zu besuchen. „Die Wachmannschaften dürfen aber keine Kamera zu sehen kriegen, sonst lassen sie uns nicht auf das Gelände.“ Die breiten Kiesstrassen der Minengesellschaft ziehen sich wie ein Spinnennetz durch das Land rund um Teberebie.

Obwohl die Sicherheitsvorkehrungen streng sind, und ständig Checkpoints mit Schranken den Weg versperren, kann man mit einem Taxi ohne Problem auf dem konzessionierten Gelände herumfahren, vorbei an riesigen Lastern, beladen mit Abraumschutt, Förderbändern und Tankwagen voller Zyanid – einer Chemikalie die zum Goldabbau benötigt sind, und leider zu oft in den Flüssen der Region landet.

An einem Checkpoint ist plötzlich Schluss. „Die lassen uns hier nicht mit Auto durch“, erklärt Emilia, „ab hier müssen wir laufen.“ Nach einer halben Stund Fußmarsch am Straßenrand entlang biegt die 34-jährige plötzlich rechts ab. Ein kleiner Pfad führt durch eine breite Senke. Aus der Ferne hört man die Arbeitsgeräusche der galamsey – der Kleinschürfer. Der Boden wird immer weicher und schlammiger. „Das ist eigentlich ein Fluss, der Anonampe, er kann aber nicht mehr abfließen, da die Geröllhalden weiter unten den Abfluss blockieren. Früher haben wir das Wasser hier als Trinkwasser genutzt, doch jetzt müssten wir über die Geröllhalden klettern, um an das Wasser zu kommen,“ erklärt Emilia. Glück im Unglück, könnte man da fast sagen: Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass die Bewohner von Teberebie keinen Zugang mehr zu ihrem Fluss haben und das Wasser jetzt aus Brunnen beziehen. Alle 117 Flüsse und Bäche in der Region um Tarkwa sind verschmutzt und weisen deutlich höhere Konzentrationen an Quecksilber, Cadmium und Blei auf, als erlaubt.

Nach einem kurzen Fußmarsch durch dichtes Gestrüpp lichtet sich der Wald und gibt den Blick frei und auf eine breites Schlammfeld, unterbrochen von mehreren kleinen Becken und Gruben.

In unregelmäßigen Abständen verteilt arbeiten kleine Gruppen von Kleinschürfern in bis zu 8 Meter tiefen Gruben. Jede Grube hat eine eigene kleine Pumpe, die das Wasser aus der Grube herausbefördert. Keiner weiß, wo die Mutter von Emilia Amoateng arbeitet. „Sie ist heute nicht hier,“ ruft einer der dreckverschmutzten Männer aus einer Grube heraus. Sein Name ist Paul Ayensu. Auch er ist aus Teberebie und hat sein Land an die Goldabbaufirma verloren. „Das ist ein furchtbarer Job hier“, erklärt der 49-jähirge,“wenn ich irgendetwas andere machen könnte, ich wäre sofort hier weg.“ Am oberen Rand der Grube schaufelt Kofi Kwabena den Dreck in große Eimer, auf die Frage, wie viel er verdiene, schüttelt er nur den Kopf, dann sagt er leise: „100 Cedi sind es wohl im Monat, mehr nicht.“

Auch er hat Emilias Amaotengs Mutter nicht gesehen. Die Kleinschürfer arbeiten ausschließlich mit Muskelkraft. Eine Gruppe schaufelt den Lehm aus den Gruben heraus, eine zweite Gruppe zerstampft den Lehm zusammen mit Wasser zu einem dicken Brei. Der Brei wird dann von anderen Galamsey zusammen mit Wasser über kleine Rampen geschüttet.

Das Gold verfängt sich dann in den Stoffbahnen, die über den Holzrampen liegen. Die Galamsey tragen ihren Teil zur Verschmutzung der Flüsse bei, denn sie benutzen Quecksilber, um das Gold aus dem Stein herauszulösen. Viele von Ihnen vergiften sich dabei selbst.
Nicht jeder der Kleinschürfer ist aus Mangel an Alternativen hier. Gerade die jüngeren Männer kommen oft von weiter weg, und hoffen, sich durch die Schürferei noch etwas hinzu verdienen zu können. „Jeder hier hofft darauf, den Riesenfund zu machen, “ erklärt John Abotar, der normalerweise als Taxifahrer arbeitet. Wird dann genauso geteilt, wie jetzt, wo es nicht so viel ist? „Das kommt darauf an“, antwortet der 28-jährige vielsagend.

„Kommt mit, wir versuchen es weiter oben“, schlägt Emilia Amoateng vor. Das Land um den kleinen Flusslauf herum ist eine einzige Kraterlandschaft. Schlammfeld lösen kleine Seen ab, dazwischen immer wieder Stege, um trockenen Fußes von einer Grube zur nächsten zu kommen. Die Nächste Gruppe Kleinschürfer ist nicht erfreut über den Besuch. Wir sollten schnell verschwinden, sagen sie. „Die haben Angst,“ erläutert die 34-jährige Aktivistin, „sie haben Angst, dass die Minengesellschaften herausfinden, wo sie schürfen, und sie dann verjagen.

Doch nicht alle im Dorf leiden unter dem Goldabbau. Einige Bewohner sind inzwischen Angestellte der Minengesellschaften. Die ungelernten Arbeiter werden meistens im Wachdienst oder beim Straßenbau eingesetzt. Das sorgt für Zwist in der Kommune. Viele Minenangestellte sehen es nicht gerne, wenn ihre Nachbarn gegen „Ihre“ Firma aktiv werden, oder Galamseys auf dem Land von AngloGold Ashanti nach Gold schürfen. Schon mehrmals verpfiffen die ehemaligen Freunde und Nachbarn die nicht so privilegierten Dorfbewohner und verrieten, wo sie gerade Gold schürften. Dann rückte die Minenwachmannschaft an, und vertriebe die ungeliebten Störenfriede. Oft mit wenig Erfolg. Die Galamsey zogen einfach tiefer in den Dschungel und schürften an anderer Stelle weiter. Doch die Gräben in der ehemals geschlossenen Dorfgemeinschaft vertiefen sich und die Narben des Goldabbaus zeigen sich nicht nur in der geschundenen Landschaft, sondern auch in den Seelen der Menschen.

Einige Minenarbeiter machen sogar vor handfesten Drohungen nicht halt. Emilia erzählt, sie habe schon Drohungen aus dem Dorf erhalten. „Ein Mitarbeiter der Goldfirma kam zu mir und erklärte, wenn ich mit meiner Arbeit nicht aufhören würde, dann gäbe es schon Wege mich zur Räson zu bringen. Sie beschwerte sich über WACAM bei Der Goldfirma, der Mitarbeiter wurde entlassen. Wenigstens einen kleinen Erfolg konnte sie erringen. Der geschasste Minenarbeiter wiegelte im Nachhinein ab, das ganze sei doch nur ein Scherz gewesen. Auch der chief von Teberebie, Nana Kojo Mena, wünscht sich andere Zeiten zurück. Er ist zwar reicher als früher, dafür hat er aber sein einstiges Ansehen nahezu komplett verloren. Der chief hatte der Goldfirma vor 7 Jahren einen Großteil des Gemeindelands überlassen. Eine Besonderheit des ghanaischen Landrechts kam ihm dabei gerade recht. Bauern in Ghana besitzen ihr Land nicht selbst, sondern pachten es vom traditionellen Bürgermeister, der das Land für die Gemeinde verwaltet. Er kann – nach alter Gutsherrenart – frei darüber verfügen, und über den Willen der eigentlichen Besitzer hinweg entscheiden.  Jetzt wollen die Dorfbewohner den chief am liebsten los werden, doch das ist nicht so einfach. Chiefs werden in Ghana nicht gewählt, sondern sie erben ihre Position. „Die chiefs in den von Goldabau betroffenen Kommunen werden immer von den Goldfirmen mit lukrativen Verträgen geködert. Keiner kann den Angeboten widerstehen und die Bauern haben darunter zu leiden.“ erklärt Emilia Amoateng.

Dieser Logik folgend sind die Entschädigungszahlungen an die Bauern keine Entschädigung für das verlorene Land – das sie ja nie besessen haben – sondern für die zerstörten Nutzpflanzen. Früher kamen Angestellte der Bergbaufirmen auf das Land der Bauern und zählten. Für jede Nutzpflanze gab es eine bestimmte Entschädigung. Das mühselige Verfahren wurde auf betreiben der Bergbauunternehmen geändert: Jetzt gibt es eine Pauschalentschädigung pro Hektar, die deutlich niedriger ist, als die Entschädigungen vorher.

Dann treffen wir Emilia Amoatengs Mutter. Sie steht bis zu den Oberschenkeln im Schlamm. Die 52-jährige schürft an einer versteckten Stelle in dem weitläufigen Tal, weitab von den großen Galamseygruppen. Ihr einziges Werkzeug ist ein großer runder Bottich aus Holz, in dem sie das lehmige Wasser hin und her schwenkt um Gold und Diamanten zu finden. Als sie Ihre Tochter sieht, fängt sie an zu lachen. Stolz zeigt sie uns ihren heutigen Fund: Drei kleine Diamanten. Sie wird sofort verkaufen, so wie es alle machen. Jeder braucht Geld und mit Gold kann niemand etwas anfangen.

Einer der Käufer ist der Jamaikaner Abdul Basir in Tarkwa. Er hat ein kleines Büro in einem heruntergekommenen dreistöckigen Haus direkt am Busbahnhof mitten in der Stadt. Er kauft das Gold ca. 7% unter Marktpreis auf, schickt es dann direkt nach Accra, von wo aus es exportiert wird. Für ein Kilo Gold (23 Karat) zahlt er im Augenblick 23 543 Euro. Bei einer Unze wären es 182,5 Euro. Im Ausland wird das Edelmetall dann von speziellen Firmen raffiniert, um andere Edelmetalle abzuscheiden und Reinheitsgrade bis zu 23,9 Karat zu erreichen. Reines Gold ist im internationalen Handel dann 25 094 Euro Wert.
Der Jamaikaner spekuliert nicht auf höhere Goldpreise, sein einziger Gewinn ist der Mehrwert durch den Handel. „Wir sind hier am unteren Ende der Verwertungskette. Niemand behält sein Gold, jeder will es sofort in Geld umsetzen.“

Ob die Region um Tarkwa in Zukunft vom Goldabbau profitiert, ist fraglich. Orte wie Teberebie sind jedoch zum Sterben verurteilt. Entschädigungen erhalten die Betroffenen nur selten.

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