Pau de Arara heißen die kleinen Lastkraftwagen, auf deren Ladefläche mehrere Holzbretter als Sitzmöglichkeiten festgenagelt, einfach nur gelegt, oder irgendwie festgeknotet werden. Einem deutschen TÜV-Mitarbeiter würde beim Anblick wahrscheinlich schlecht, oder schwarz vor Augen. Um nach São Domingos zu kommen gibt es aber nur zwei Möglichkeiten:

den Pau de Arara, was so viel wie Papageienstöckchen heißt – die, auf denen die Vögel in ihrem Käfig sitzen – oder ein Motorradtaxi, mit einem der Jungs die in Buíque am Marktplatz rumhängen und fleißig ein Döschen Pitú nach dem anderen trinken. Es ist 09:30h morgens, aber heute ist Wochenmarkt und das muss dementsprechend gefeiert werden. Die Stadt ist tatsächlich recht lebendig an diesem Morgen und die Freude über den ereignisreichen Tag so groß, dass ein paar Experten an der örtlichen Tankstelle ihren Grill (Kohle und nicht Elektro!) unmittelbar neben einer Zapfsäule aufgestellt haben. Von weitem dachte ich die Tankstelle brennt, so stark hat der Grill geraucht.

Kurz vor der Abfahrt nach São Domingos.

Ich entscheide mich für den Pau de Arara. Als einer der ersten klettere ich auf die Ladefläche und suche mir einen Platz zwischen Bierkisten, Reissäcken und Bananenkisten. Doch gesessen wird erst bei der Abfahrt. Zuerst werden Mehl, Bohnen, Fleisch, Mais, Schnaps, Säcke mit Popcorn und alle weiteren Einkäufe der Mitfahrenden, gemeinschaftlich auf den LKW geladen. Nach zwanzig Minuten geht es los Richtung São Domingos. „Fahr einfach hin und frag nach Seu Né“, hat mir vor ein paar Wochen Anildomá Willans de Souza, ein Historiker aus Serra Talhada, gesagt.

In Buíque ist die Hupe wichtiger als die Bremse. Sie kommt an jeder Kreuzung zum Einsatz, um anzukündigen, dass man jetzt die Kreuzung überquert, oder um einen Bekannten zu grüßen. Und in Buíque kennt man sich – das kann bezüglich der Huperei etwas nerven. Am Ortsausgang verlassen wir die asphaltierte Strasse und biegen auf eine sandige Schotterpiste ab. Dicke, warme Luft bläst mir ins Gesicht. Überholen wir ein Auto muss ich die Augen zusammenkneifen, bis wir die meterhohen Staubwolken hinter uns gelassen haben. Wie überall im Sertão ist es auch hier, an der Grenze zur Region Agreste, wo es eigentlich regelmäßig regnet, in dieser Jahreszeit sehr trocken. Die Fahrt dauert etwa eine Stunde.

Fahrt mit dem Pau de Arara. Unbequem, aber häufig das einzige Transportmittel um in entlegene Regionen und kleine Dörfer im brasilianischen Nordosten zu gelangen.

 

In São Domingos angekommen frage ich zwei Männer, die auf einem Baumstamm vor einem Haus sitzen, nach Seu Né. Gelangweilt zeigt einer der beiden auf ein kleines weißes Haus, auf der gegenüberliegenden Straßenseite. „Is ´zu Hause. Da is ´immer jemand“, erhalte ich als Antwort von dem Jüngeren. An der Tür klatsche ich ein paar Mal laut in die Hände, die meisten Häuser in ländlichen Regionen haben keine Klingel. Eine Frau macht mir die Tür auf und stellt sich als Eliza Dantas vor, die Tochter von Seu Né. Sie ist freundlich, aber bestimmt. 15 Minuten gibt sie mir für ein Interview mit ihrem Vater. Länger könne er nicht mehr: „Sein Blutdruck steigt immer wenn er über sein Leben erzählt,“ so Eliza Dantas.

Im Oktober wird Seu Né 98 Jahre alt. 1914 wurde er in Buíque geboren. Eigentlich heißt Seu Né mit richtigem Namen Manoel Dantas Loyola. Bekannt wurde er in den 1930er Jahren unter dem Namen „Candeeiro“. Seu Né ist das letzte lebende Bandenmitglied des berühmten Cangaçeiros (Bandit) Lampião, der vor seinem Tod 1938 etwa zwanzig Jahre lang mit seiner Bande durch den Sertão zog. Die letzten Jahre begleitete ihn Candeeiro durch die Caatinga, wie die trockene Vegetation, hier im brasilianischen Nordosten bezeichnet wird.

dsc_0262

Manoel Dantas Loyola, heute Seu Né - früher "Candeeiro".

Für einen 97-jährigen Mann macht Seu Né einen sehr vitalen Eindruck. Zwar sieht und hört er nicht mehr gut, doch sein Händedruck ist fest. Mit etwa 14 oder 16 Jahren verlässt er seinen Geburtsort Buíque. Seu Né erinnert sich nicht mehr genau daran. Auf der Suche nach Arbeit verschlägt es ihn nach Alagoas, den Nachbarstaat Pernambucos, im brasilianischen Nordosten, wo er unter anderem als Vaqueiro, wie die Cowboys hier genannt werden, auf einer Farm arbeitet. Er ist Anfang zwanzig, als eines Tages einige Cangaçeiros aus der Bande Lampiãos auf der Fazenda auftauchen, um sich vor der Polizei zu verstecken. Doch die Bandenmitglieder werden entdeckt und die Polizei umstellt die kleine Farm. Aus Angst um sein Leben schließt er sich der Gruppe an und flieht gemeinsam mit den Banditen, noch bevor der Zugriff erfolgt.

Die trockene Caatinga zwischen Buíque und São Domingos in Pernambuco.

Zwei Jahre wird er mit den Cangaçeiros um Lampião in der trockenen Steppe des brasilianischen Nordostens verbringen. „Es war eine verrückte Zeit“ sagt Seu Né über sein Leben im Sertão. „Verrückt und hart. Manchmal hatten wir tagelang nichts zu trinken und zu essen, wenn wir uns vor der Polizei verstecken mussten,“ ergänzt er. Candeeiro (bras. für Öllampe) arbeitete während dieser Zeit als Bote. Er war dafür verantwortlich Lampiãos Droh- und Erpresserbriefe persönlich, oder via Mittelsmänner, den Adressaten – Politikern, reichen Geschäftsleuten oder Großgrundbesitzern – zukommen zu lassen, in denen der Anführer der Banditen zumeist hohe Geldsummen forderte.

Der Sertão ist leicht zu erkennen: er ist überall da, wo die Weiden keine Zäune haben, wo einer fünfzehn Léguas durchhetzen kann, ohne auf eine einzige Behausung zu stoßen, wo ein Totschläger seinen Stiefel herunterleben kann, weit weg vom Arm des Gesetzes. (João Guimarães Rosa)

Ende des 19. Jahrhunderts bilden sich die ersten Banden Gesetzloser im brasilianischen Nordosten. Die Cangaçeiros können in drei Gruppen eingeteilt werden: Die Unabhängigen, die in die eigene Tasche wirtschafteten, die politisch Motivierten, die für mehr soziale Gerechtigkeit und eine Landreform kämpften und die Auftragnehmer, die für Großgrundbesitzer und reiche Privatpersonen arbeiteten und beispielsweise eine Fazenda bewachten, oder Schutzgeld eintrieben. Doch die Grenzen waren fließend. Unabhängig ihrer Motivation einte sie ihre Lebens- und Arbeitsweise. Die Cangaçeiros raubten Händler aus, entführten Politiker und Geschäftsmänner, erpressten Geld und überfielen Fazendas. Die Vorgehensweise dabei war nicht zimperlich. Häufig gab es Schießereien und Tote. Die Cangaçeiros führten ein Nomadenleben. Meistens waren sie zu Fuß unterwegs und nur selten blieben sie lange an einem Ort, aus Angst davor entdeckt zu werden.

Virgulino Ferreira da Silva - Der Cangaçeiro "Lampião". Der Legende nach erhielt er den Spitznamen wegen des leuchtenden Mündungsfeuers seines Gewehres.

Im Juli 1938 ruft Lampião alle Cangaçeiros des Sertão zu einem Treffen nach Alagoas. Der Grund der Zusammenkunft ist bis heute nicht eindeutig geklärt. „Er wollte dem Cangaço den Rücken zu kehren“, ist sich Seu Né sicher. Es könne sich aber auch um eine Neuorganisation der einzelnen Untergruppen gehandelt haben, behaupten einige Historiker. „Wir wissen den wahren Grund bis heute nicht“, sagt Anildomá Willans de Souza, der Leiter des Cangaço Museums in Serra Talhada, dem Geburtsort Lampiãos.

Das Treffen der Cangaçeiros sollte nicht mehr stattfinden. Auf dem Weg zum Treffpunkt werden sie in ihrem Lager in Sergipe, dem Nachbarstaat Alagoas, von der Polizei überrascht. Unter dem Kommando von Tenente João Bezerra und dem Sargento Aniceto Rodrigues da Silva eröffnen die Polizisten am 28. Juli 1938 das Feuer auf die Cangaçeiros.

„Ich kann mich noch an den Tag erinnern. Schließlich wurde ich von einer Kugel im rechten Unterarm getroffen,“ erzählt mir Seu Né wähernd er auf die Stelle zeigt, wo er verwundet wurde. Er ist einer der wenigen, dem die Flucht gelingt. Lampião, seine Frau Maria Bonita und acht weitere Cangaçeiros sterben im Kugelhagel. Die Cangaçeiros werden enthauptet, ihre Köpfe konserviert und quer durch Brasilien ausgestellt. Bis in die 1960er Jahre waren sie im anthropologischen Museum in Salvador zu sehen, bevor sie ihren Familien übergeben wurden.

Die Köpfe der Cangaçeiros wurden bis in die 1960er Jahre im anthropologischen Museum in Salvador ausgestellt.

Seu Né stellte sich wenige Tage nach dem Übergriff der Polizei und wurde gemeinsam mit weiteren Cangaçeiros zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Er kehrt schließlich nach São Domingos zurück, verdient sein Geld erneut auf Fazendas, verkauft später Zigaretten und arbeitet bis zu seiner Rente als Händler.

Seu Né macht einen entspannten Eindruck, seine Augen leuchten wenn er von seiner Zeit in der Caatinga erzählt, von Bluthochdruck eigentlich keine Spur, aber seine Tochter beharrt darauf, dass ich mein Aufnahmegerät ausschalte. Eines ist ihm, als ehemaligem Cangaçeiros bevor ich gehe noch wichtig: „Lampião war ein guter Kerl und ein treuer Freund.“ Über die Ziele der Gruppe und die Gewalttaten verlor er während unseres Gespräches kein einziges Wort.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

Archive