Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Ihr Tari, Alkohol und Kolablätter – mehr braucht Lidia nicht für ihre Wahrsagungen.

„Schatz, kannst du mir bitte die Koka bringen“, ruft Lidia ihrem Ehemann Jhon zu. Es ist Donnerstagnachmittag und wir sitzen im Wohnzimmer des Ehepaars in El Alto. Lidias Beruf: Soziologin. Ihre Berufung: Yatiri. Die 30-Jährige hat gelernt, aus Kokablättern und Karten die Zukunft von Menschen zu lesen – den großen Geldsegen, den langersehnten Kinderwunsch, den neuen Traumjob, aber auch Betrug oder Tod.

„Angefangen hat alles als kleines Mädchen in der Schule“, erzählt die zierliche Frau. „Mit acht Jahren habe ich damit begonnen, Karten zu lesen. Damals war es nur ein Spiel. Später haben mich immer mehr Freunde gefragt, ob ich ihnen die Karten lese und ich habe Geld dafür genommen.“ Ihr Vater selbst rief immer wieder einen Yatiri an, um ihn über den Ausgang seiner beruflichen Geschäfte zu befragen. Bei einem Besuch erkannte dieser Lidias Fähigkeiten. „Du kannst Karten lesen, aber du darfst nicht damit spielen“, hatte er Lidia damals gewarnt. „Mein Vater hat diese Fähigkeit auf mich übertragen“, ist sich Lidia sicher. Die Volksgruppe der Aymara ist davon überzeugt, dass einzelne Menschen von den Göttern als Yatiri ausgewählt werden, etwa wenn sie von einem Blitz getroffen werden und dies überleben, wenn sie sechs statt fünf Zehen haben oder wenn sie – wie Lidias Vater – mit den Füßen zuerst zur Welt kommen.

In Pajchiri, einem heiligen Aymara-Ort nahe El Alto, fragte Lidia schließlich zusammen mit dem Yatiri ihres Vaters die Götter um Erlaubnis. 25 Jahre war sie damals alt. Ihr Ehemann Jhon und ihre Eltern begleiteten sie. Auf dem Berg brachten sie den Göttern gemeinsam ein Opfer: zwölf weiße Nelken, zwölf Teller Erde und zwölf Kerzen. „Seit diesem Tag kann ich viel exakter die Karten und die Koka lesen“, erzählt sie. Zwei Bolivianos, umgerechnet 20 Cent, verlangt sie inzwischen für ihre Fähigkeiten. „Aber ich mache es nur ab und zu, nicht um Geld zu verdienen“, erzählt sie. „Andere, die davon leben, lesen den ganzen Tag – 20 Mal oder noch öfters. Und es gibt auch viele Scharlatane.“

Inzwischen ist Jhon mit frischen Kokablättern vom nahe gelegenen Markt zurückgekommen. Ob zum Kauen, als Kokatee oder zum Wahrsagen – verwendet werden immer dieselben Kokablätter. Nur frisch müssen sie sein. Auf dem Tisch breitet Lidia ihr Tari aus, eine viereckige, buntgemusterte Wolldecke. Sie nimmt eine Handvoll Kokablätter und streut sie über das Tari. Blind greift sie zwei Blätter aus dem Haufen, küsst sie, nennt meinen Namen und legt sie über Kreuz in die Mitte des Tuches. Darauf kommen meine zwei Bolivianos.Vorsichtig öffnet Lidia eine Flasche hochprozentigen Alkohol. Den ersten Schluck kippt sie zur Erherbietung für Pachamama (Mutter Erde) auf den Boden. Ein weiterer Schluck wird über die Kokablätter geträufelt. Sie klappt die eine Hälfte des Tari zu und schnell wieder auf, wobei links und rechts zwei kleine Blätterhäufchen entstehen.

Dann beginnt Lidia mit ihrer Wahrsagung. Gründlich betrachtet sie einzelnen Blätter, berichtet mir über meinen weiteren Reiseverlauf und meine berufliche Zukunft. „Auch wenn ich etwas negatives in der Koka lese, muss ich es meinem Gegenüber mitteilen“, erklärt sie, „sonst bedeutet das auch für mich Unheil“. Sorgfältig faltet sie die vier Ecken des Tari zu einem kleinen Viereck zusammen, die Kokablätter, meine Zukunft, verschwinden darin. „Oder soll ich dir nochmal die Koka lesen? Willst du noch was wissen? Über die Liebe oder die Familie?“ Lidia schaut mich fragend an. Nein, fürs erste reicht das. Ihre Wahrsagung ist zum Glück recht positiv ausgefallen.

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