Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

der gefräßige Feind der Kokapflanze

„Ha, da ist wieder eine!“ Vorsichtig entfernt Wilfer Mayta die kleine weiß-gelbe Raupe von dem Kokablatt. Das niedliche, haarige Tierchen ist der größte Feind des Kokabauern, denn angefressene Blätter bedeuten minderwertige Qualität. „Dann bekomme ich auf dem Markt einen schlechten Preis für meine Ware“, erklärt Wilfer. Pestizide kommen für ihn dennoch nicht infrage. „Die sind teuer und außerdem schlecht für die Pflanzen und den Boden“, lautet die Begründung. Stattdessen hat er einige Sacha-Bäume, Zitrusfrüchte und Kaffeepflanzen zwischen den Kokasträuchern gesetzt und düngt die Pflanzen mit Asche. Die sollen die kleinen Allesfresser von den Pflanzen fernhalten und ihm eine gute Ernte bescheren.

Wilfer Mayta lebt in Chijchipani, einem kleinen Dörfchen im Nordyungas. 1997 hat er seine  Kokasträucher angepflanzt – mit drei Daumen Abstand zwischen den einzelnen Setzlingen, im Terrassenbau am Steilhang. Nach drei Jahren brachten die Pflanzen die ersten Erträge ein. Inzwischen verkauft Wilfer rund 150 Pfund Koka im Monat, gesetzlich erlaubt sind 200 Pfund. Ein Ausweis der örtlichen Koka-Kooperative weist ihn offiziell als Kokabauern aus. „Wir verkaufen unsere Koka auf dem Markt, was dann damit passiert, keine Ahnung.“ Wilfer zuckt mit den Schultern. „Aber so können wir nachweisen, dass die Blätter nicht in den Drogenhandel gelangen.“ 18 Bolivianos, rund zwei Euro, bekommt er derzeit auf dem Markt im nahegelegenen Carinavi für das Pfund Kokablätter, auf dem Großmarkt ist es etwas mehr. „Die Mitglieder der Kooperative fahren abwechselnd nach La Paz“, erklärt Wilfer. Auf dem dortigen Großmarkt AGIPCOCA verkaufen sie ihre Ware. Ist alles verkauft, machen sie sich auf den rund siebenstündigen Rückweg. In der Regenzeit dauert es oft länger, manchmal sind die Straßen aber auch gar nicht passierbar.

Blatt für Blatt erntet Wilfers Ehefrau Agrepina die Koka

Der Kokaanbau ist eine anstrengende und schweißtreibende Arbeit. Schon um sechs Uhr morgens beginnen Wilfer, seine Frau Agrepina und Tochter Ruth mit dem Pflücken. Gegen Mittag, wenn die Sonne am höchsten steht, beenden sie ihre Arbeit. Ein schattiges Plätzchen sucht man auf Wilfers Kokafeld vergeblich, die extreme Hanglage strengt zusätzlich an. Nur die Volksmusik aus dem kleinen Transistorradio bietet ein wenig Ablenkung von der monotonen Arbeit. Reihe für Reihe ernten die drei schweigend die Kokablätter ab, vorsichtig, damit die frischen Sprosse nicht verletzt werden. In einem großen Plastiksack werden die Blätter gesammelt, bevor sie einige Stunden zum Trocknen ausgelegt werden.

„Die Koka ist viel mehr Arbeit als der Kaffee oder die Zitrusfrüchte – und der Verdienst ist auch nicht so hoch“, erzählt Wilfer. Um den Lebensunterhalt zu bestreiten hat die Familie deswegen auch noch eine 2.500ha großes Kaffeeplantage. „Für ein Pfund Kaffee bekomme ich rund 4,5 US-Dollar“, so Wilfer. Über die Kooperative Pro Agro verkauft er seine jährliche Kaffeeernte. Was daraus wird ist sonnenklar: „Leckerer Kaffee für den Export, auch für Deutschland“, sagt Wilfer und lacht.

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