Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Fortbewegungsmittel, Wohnung und Praxis zugleich

Die Begegnung mit Don Jose basiert auf einem lustigen Missverständnis. An der Hauptstraße in Shinahota bin ich auf seine außergewöhnliche Praxis aufmerksam geworden: einen uralten Truck mit Anhänger, auf dem Dach einen großen Lautsprecher und rundum zahlreiche bunte Werbeschilder, welche die Heilkünste von Jose Coca anpreisen. Ob er auch mit Koka heile, frage ich vorsichtig. „Coca ist mein Nachname“, erklärt er und lacht. „Aber klar, ich behandle meine Patienten auch mit Koka. Kokawickel helfen zum Beispiel gegen Artrose oder bei Magenschmerzen und wer Koka kaut, bekommt garantiert kein Karies“, fährt er fort. Nur Koka aus dem Yungas, dem Anbaugebiet nahe La Paz müsse es sein. Während die Sträucher dort recht klein sind und ebenso kleine Blätter tragen, sind die Blätter hier im Chapare viel größer und im Geschmack vergleichsweise bitter. „Die werden eh fast nur für Drogen verwendet“, sagt Don Jose und zwinkert mir verschwörerisch zu.

Jose Coca mit seinem selbstgebauten türkischen Bad

Mit seinem breiten Cowboyhut und seinem Oberlippenbart erinnert er eher an einen mexikanischen Campesino als an einen bolivianischen Naturheiler. Zwar stammt Don Jose aus der Region Chapare, dennoch hat er viele Jahre im Ausland verbracht. Über Mexiko und Guatemala ist er mit seiner mobilen Praxis bis nach Virginia in die USA gereist. Zum Beweis zeigt er mir einige Fotos. Inzwischen ist er wieder in der Heimat gelandet. Alle zwei Monate wechselt er seinen Standort. „In Mexiko hat es mir am besten gefallen, aber dort verdient man nicht wirklich viel. Hier haben die Leute viel Geld“, erklärt er, „wegen des Drogenhandels.“

Seine Behandlungen sind nicht ganz günstig. Bis zu 600 Bolivianos, umgerechnet rund 67 Euro, verlangt er für seine Behandlungen. Pflanzensäfte gegen Tumore, Diabetes oder Blasenschwäche kosten 50 Bolivianos, die Kräutertinktur gegen Fußpilz gibt es schon für 30 Bolivianos. „Aber bei den tropischen Temperaturen halten die nicht lange, deswegen benutze ich am liebsten frische Kräuter“, erzählt er. Stolz präsentiert mir Don Jose das Herzstück seiner mobilen Praxis: ein selbst geschreinertes türkisches Bad im Inneren des Anhängers. „Hier kommt Kamille rein, dann erhitze ich das Ganze mit der Gasflamme und über den Schlauch gelangen die Dämpfe dann zum Patienten“, erklärt er die Konstruktion.

Viele Menschen vertrauen auf die Heilkünste von Don Jose

Das umgebaute Fahrzeug ist Arbeitsplatz und Wohnung zugleich. Die Behandlungsliege dient nachts als Bett, dahinter steht ein Liegestuhl für die kleine Siesta zwischendurch. „Und da ist mein Baby“, sagt er und zeigt auf eine Aloe Vera-Pflanze im orangefarbenen Plastikeimer. Sie begleitet ihn schon seit Jahren auf seinen Reisen und hat auch schon für viele Behandlungserfolge gesorgt. Seit 42 Jahren übt Don Jose seinen Beruf aus. In wenigen Monaten wird er 60 Jahre alt. Zwei seiner Söhne studieren inzwischen Medizin im nahe gelegenen Cochabamba. „Es gibt Themen, über die wir besser nicht sprechen. Sie lassen mich machen und ich sie“, sagt er und lacht. Er findet es zwar schade, dass sie nicht in seine Fußstapfen treten, „aber ich bin trotzdem sehr stolz auf sie.“

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