Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Am Eingang der Mine

Mit einem Marsch durch knöcheltiefes, schwefelhaltiges Wasser beginnt die Begehung der Mine San José in der Bergbaustadt Oruro. Bis in eine Tiefe von 340m reicht das Labyrinth aus unzähligen Gängen, in denen Silber, Zinn und andere Rohstoffe abgebaut werden. „Aber da unten stehen sie jetzt bis zum Hals im Wasser“, erklärt Raúl Rables Reynaga, „die versuchen gerade die Wassermassen abzupumpen“. Aus einem Rohr neben uns plätschert wie zum Beweis dunkelgelbes, stinkendes Wasser.

Durch dunkle Gänge laufen wir immer weiter in das Innere der Mine. Neben uns verlaufen Leitungen, die die Bergleute unter Tage mit Strom und Sauerstoff versorgen. „Schau, da unten arbeiten welche“, sagt Raúl und deutet auf einen schwarzen Schlauch, der durch ein dunkles Loch in die Tiefe des Stollens führt. Rund 840 Bergleute schuften täglich im Inneren der Mine, darunter auch acht Frauen. In den meisten Minen ist Frauenarbeit nicht erlaubt, da sie angeblich Unglück bringt. „Aber unsere Frauen sind die besten Arbeiter“, erzählt Raúl stolz. Scheinbar mühelos tragen sie die schweren Säcke durch die schmalen, feucht-warmen Gänge und stehen ihren männlichen Kollegen in nichts nach. „Außerdem, was bleibt den Frauen übrig, wenn ihr Mann bei einem Bergunglück oder an Krankheit stirbt“, ergänzt er, „dann müssen sie selbst in den Minen arbeiten, um ihre Familie zu ernähren.“ Sprengunfälle, einstürzende Stollen oder andere Unfälle sind leider nicht selten in den Bergwerken.

Zigaretten, Alkohol und Koka – Raúl opfert dem tío

Doch der tío de la mina, der Herr der Bergleute, wacht schützend über den Erdreichtümern und der Arbeit der Minenarbeiter. So besagt es der andine Volksglaube. „Jallall tío“, grüsst Raúl eine kleine Teufelsfratze am Eingang eines Tunnels. Diese thront umgeben von zahlreichen Bierdosen und Alkoholfläschchen auf einem Berg von Kokablättern. In zwei Schüsseln liegen getrocknete Lamaherzen als Opfergaben vor ihr. Vorsichtig gießt Raúl einen Tropfen Alkohol auf die Tonfigur und streut eine Handvoll Kokablätter darüber. Dann zündet er sich eine Zigarette an, nimmt einen Zug und steckt sie dem Teufel in den Mund. „Hier tío, für dich.“ Um ihre Arbeit unter seinen Schutz zu stellen haben auch die Bergleute in San José mehrere Opferaltäre für den tío errichtet. In der Nähe der Altäre rasten die Arbeiter nach getaner Arbeit, trinken und rauchen gemeinsam und kauen Kokablätter. Hier sind sie auf sicherem Terrain, der Ausgang der Mine ist nicht mehr weit.

„Zigaretten, Alkohol und Koka – das sind die drei wichtigsten Dinge, die wir Bergleute brauchen“, erzählt Raúl und lacht, „ein Teil ist für den tío, der Rest für uns.“ Die Koka gibt den Bergleuten Energie für die schwere, Kräfte zehrende Arbeit und lässt sie Hunger und Durst vergessen. „Außerdem filtert sie den Staub, der sonst direkt in unseren Lungen landen würde“, erklärt Raúl. „Aber gesund ist unsere Arbeit trotzdem nicht, Bergleute werden nicht alt.“ Viele sterben an den Folgen an einer Staublunge, der sogenannten Bergmanns-Bronchitis. Raúl hat ab 1979 selbst 15 Jahre lang in der Mine San José gearbeitet. Anders als in der Bergbaustadt Potosí bekommen die Bergleute in Oruro keinen Mindestlohn. Stoßen sie bei der Arbeit auf Rohstoffvorkommen, verkaufen sie diese an Zwischenhändler. „Das können auch schon mal 50.000 Bolivianos Gewinn im Monat sein, wobei das eher die Ausnahme ist“, erklärt Raúl. „Aber oft finden sie nichts und arbeiten monatelang umsonst.“

Raúl leitet heute die Führungen durch die Mine San José

„15 Jahre unter Tage, das muss reichen“, sagt der 56-Jährige, „schließlich will ich noch etwas vom Leben haben.“ Doch ganz trennen kann er sich noch nicht. Nach verschiedenen Anstellungen in La Paz und Santa Cruz ist er vor einigen Jahren nach Oruro zurückgekehrt. Heute ist er für die Sicherheit der Bergleute zuständig und leitet touristische Führungen – eine zusätzliche Einnahmequelle für das Bergwerk. Doch schon bald will Raul einen ganz anderen Traum verwirklichen: eine Straußenzucht in Apolo, einem kleinen Dorf in der Region Yungas. „Ich habe schon mit dem Bürgermeister gesprochen, der findet die Idee super“, erzählt er. „Und Straußen sind nicht nur wunderschöne Vögel, sondern man kann auch alles verwenden: die Federn, die Eier und das Fleisch. Aber bevor ich gehe will ich der Mine einen tío für meine Kumpel stiften, damit sie auch wirklich sicher sind.“

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