Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Der riesige blaue Fleck und die Zahnabdrücke eines Hundes auf meinem Oberschenkel werden mich wohl noch lange an diesen Abend erinnern. Aber dazu später…

Mein Bekannter Calixto hat mich zu einem ganz besonderen Ereignis eingeladen: einem Aymara-Ritual für seine Ehefrau Encarnación, der eine schwere Unterleibsoperation bevorsteht. „Schwester, ich bin sehr aufgeregt“, gesteht sie mir, als wir uns abends an einer Straßenkreuzung in El Alto treffen. „Aber das Ritual wird mir helfen, dass ich alles gut überstehe und bald wieder gesund werde.“ Im Geländewagen fahren wir auf holprigen, unbeleuchteten Wegen bis zu einem Grundstück der Familie am Stadtrand. Dort, wo sie noch bis vor wenigen Monaten Kartoffeln angebaut haben, steht inzwischen der Rohbau einer kleinen Hütte. Später sollen die Kinder dort einziehen, heute dient sie als Rückzugsort für das Ehepaar.

Im Inneren stehen ein rostiger Gasherd, ein Bett und ein kleiner Tisch. Seit wenigen Tagen gibt es auch Strom. Wir machen es uns so gemütlich wie möglich: ein Schafsfell und ein paar Wolldecken sollen uns gegen die nächtliche Kälte schützen, zusätzlich hat Enearnación eine Kanne mit heißem Ananastee mitgebracht. Ehemann Calixto bereitet derweil die Gegenstände für das Ritual vor: mehrere Tüten Kokablätter, Mysterien – kleine Tonfiguren mit verschiedenen Bildern drauf, Kräuter und Streichhölzer, Zigaretten und Alkohol, Gold- und Silberblättchen und bunt eingefärbte Lamawolle, um nur die wichtigsten Zutaten zu nennen.

„Schon mein Großvater war ein großer Aymara-Priester“, hat Calixto bereits im Vorgespräch erzählt. Er selbst wuchs im Aymaraglauben auf. Gleichzeitig besuchte er auf Wunsch der Eltern eine Methodistenschule. Später begann Calixto die Ausbildung am katholischen Priesterseminar. Doch der Wunsch nach einer eigenen Familie war stärker. So heiratete er schließlich Encarnación und gemeinsam bekamen sie sechs Kinder. Heute arbeitet Calixto als Diakon in einer Gemeinde in El Alto. Gleichzeitig ist er in die Fußstapfen des Großvaters getreten. Er zeigt mir ein riesiges Blutmal auf seinem Brustkorb, das Erkennungszeichen, dass er selbst als Aymara-Priester auserwählt wurde. „Außerdem war ich der 100. Enkel meines Großvaters und der erste Junge. Da hat er sich riesig gefreut“, erzählt er. Anders als für viele Menschen in seinem Umfeld passen für Calixto der andine und der katholische Glaube bestens zusammen – auch an diesem Abend.

Mit einem Vaterunser beginnt Calixto das Ritual. Anschließend folgt ein Gebet auf Aymara, in dem er Pachamama (Mutter Erde) anbetet. Encarnación atmet währenddessen den Duft frischer Kräuter ein, die Calixto auf einem Zeitungspapier ausgebreitet hat. „Das reinigt sie von innen“, erklärt er, geht nach draußen und verbrennt die Kräuter mit hochprozentigem Alkohol. „Jetzt kann die gute Stunde beginnen.“ In genauer Reihenfolge werden nun die einzelnen Zutaten vorbereitet und nacheinander auf dem Pacha (Altar) ausgebreitet. Sie alle symbolisieren im Aymaraglauben etwas: „Die Mysterien stehen zum Beispiel für alles, was Encarnación ist – ihre Arbeit, ihre Familie, ihre Gesundheit“, erklärt Calixto.

Auch zwei in Alkohol getränkte Zigaretten werden auf den Altar gelegt – die eine mit einem Silberblättchen für die weibliche Kraft, die andere mit einem Goldblättchen für die männliche Kraft. Auch die Blüten von rosa und weißen Nelken, Lametta und Lamafleisch kommen zum Einsatz. Immer wieder reicht Calixto eine Zigarette herum. „Wir rauchen nur bei solchen Anlässen“, sagt er und lacht. Während der ganzen Zeremonie kauen wir auch Kokablätter. Die schönsten werden allerdings aussortiert und als kleine Stapel auf den Altar gelegt – als Symbole für alle, die an der Zeremonie teilhaben und gestärkt werden sollen: Kinder, Eltern, Freunde und Bekannte. Aber auch die Namen von Bischöfen oder der des bolivianischen Präsidenten fallen.

Inzwischen hat starker Regen eingesetzt. Deswegen verlegt Calixto den Abschluss des Rituals – das Verbrennen des Altars – in den Nachbarraum.  Dichter Rauch steigt uns in die Augen, als Lametta, Wolle, Zigaretten, Lamafleisch und all‘ die anderen Zutaten Feuer fangen. Doch Encarnación verharrt kniend vor dem Altar, bis die Flammen erlischen. „Schwester, jetzt fühle ich mich wie neugeboren. Ich fühle mich eins mit Gott, mit dem Himmel, mit Mutter Erde“, sagt sie, als sie mit tränenden Augen aus dem kleinen Raum tritt. „Jetzt bin ich auf die Operation vorbereitet und weiß, dass der Doktor alles richtig machen wird und ich wieder gesund werde. Danke, dass du diesen Moment mit mir geteilt hast.“ Schweigend fahren wir zurück nach El Alto. Das Thermometer zeigt inzwischen nur noch 6 Grad an. Zu Hause sitzen wir bei heißer Suppe und Ananastee zusammen. Inzwischen haben sich auch die Kinder dazu gesellt. Wir reden, lachen und Encarnación erzählt aus ihrer Kindheit.

Erst ein stechender Schmerz im Oberschenkel holt mich am späten Abend zurück in die Wirklichkeit. Der Hund der Familie hat mir von hinten in den Schenkel geschnappt, als ich aus dem Badezimmer komme. Während Sohn Pablo, ein angehender Arzt, die Wunde fachmännisch mit Jod und Alkohol versorgt, betrachtet mich Encarnación besorgt. „Er hat noch nie jemanden gebissen“, sagt sie entschuldigend. „Aber zum Glück haben wir in dem Ritual ja auch für deine Gesundheit gebetet.“

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