Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Von Balikpapan nach Samarinda

Vom schrillen Klingeln meines Handys werde ich um 6 Uhr früh unsanft aus dem Schlaf gerissen. Mit gutgelaunter Stimme meldet sich Fidi, mit dem ich heute für einen Ausflug verabredet bin. Er säße bereits in der Lobby und warte auf mich. Das ist komisch, eigentlich waren wir erst für 9 Uhr verabredet – und das heißt in Kalimantan eigentlich prinzipiell eher 11 Uhr. Schlaftrunken wühle ich mich aus meinen Laken und werfe noch einen wehmütigen Blick auf mein Luxusbett – schließlich habe ich die vergangenen fünf Nächte auf einer modrigen Matratze von anno dazumal im Regenwald verbracht, aber das kann Fidi ja nicht wissen – und schlurfe gen Lobby.
Freudestrahlend empfängt mich mein indonesischer Freund. Wir sind uns vor gut einer Woche im Norden Kaliamantan Timurs begegnet, wo Fidi geschäftlich zu tun hatte. Als Privatberater der Regierung in Wirtschaftsfragen ist es seine Aufgabe einen Plan zu erstellen, um die abgeschiedene Region für den Tourismus zugänglicher zu machen. Wie das funktionieren soll, ist uns beiden allerdings noch ein Rätsel. Fidis eigentlicher Job aber ist eine Professur für Wirtschaftswissenschaften an der Universität von Samarinda. Und in seine Heimatstadt will er mich auch heute entführen. Fidi hüpft wie ein wilder Flummi um mich herum, schiebt mich aufgeregt in sein Auto und schon geht die Fahrt los. Von Balikpapan nach Samarinda sind es nur gut zwei Stunden und schon nach wenigen Minuten sind wir auf einer erstaunlich guten Straße quer durch den Regenwald. Mit „erstaunlich gut“ meine ich, dass wir hin und wieder eine Spitzengeschwindigkeit von sagenhaften 60 km/h erreichen und die Schlaglöcher, die sonst groß genug sind, einen Kleinlaster darin zu versenken, hier höchstens Autos vom Kaliber eines Golfs schlucken könnten. Dennoch müssen wir einige Umwege in Kauf nehmen: die Straße ist in den Senken von den monsunartigen Wolkenbrüchen häufig überflutet, und das unsägliche durcheinander von Mopeds, Lastern, Bussen und Autos trägt nicht zu einer entspannten Fahrt bei. Nach gefühlten 200 Fast-Unfällen entschließe ich mich, mein Schicksal ganz in Fidis erprobte Chaosfahrkünste zu legen und lehne mich zurück. Plötzlich deutet er auf ein Bananenblatt vor uns auf dem Weg. „Da ist wohl wehr liegen geblieben!“. Ich rätsele noch über die tiefere Bedeutung seiner Worte, als wir hinter der nächsten Biegung an einem Auto vorbeirumpeln, das offensichtlich eine Reifenpanne hat. In Ermangelung eines Warndreiecks dienen Bananenblätter auf der Straße hierzulande also dazu, die nachfolgenden Verkehrsteilnehmer rechtzeitig auf das Malheur hinzuweisen. Ich bin begeistert von dieser ökofreundlichen Maßnahme, frage mich aber auch was man tut, wenn nun einmal keine Bananenstaude am Wegesrand wächst.
Schon kurz vor Samarinda macht Fidi einen unerwarteten Schlenker nach Links. „Ich will dir den Sultantempel von Tenggarong zeigen. Das älteste Königreich Indonesiens.“ Schon düsen wir weiter. Die Landschaft hat sich verändert und dort, wo eigentlich Bäume und Büsche wie Unkraut sprießen sollten, klaffen hässliche Löcher und erinnern an einen Schweizer Käse. Die Ostküste Kalimantans lebt größtenteils vom Erdöl, das in rauen Mengen nach Übersee exportiert wird. Doch speziell die Region um Samarinda ist berühmt für ihr großes Kohlevorkommen. Überall wird gebuddelt und gefördert, wer keine Lizenz hat, der gräbt eben illegal. Den Raubbau sieht man der Region leider auch an. Unzählige Förderbänder verbinden den Tagebau direkt mit der Hauptverkehrsader, dem Fluss Mahakam. Die Kohlebrocken werden so auf einen rostigen Schleppkahn verladen, der geduldig auf dem breitesten Fluss Borneos ausharrt. Von dort wird der monströse Kahn in die Mündung geschleppt, wo schon die großen Schiffe auf ihre Fracht warten. Weiter geht’s nach Korea, in die USA oder nach Japan – Kalimantan lebt eben vom Export seiner wertvollen Ressourcen.
Hier an der Ostküste steckt die Palmölproduktion noch in den Kinderschuhen. Gerade einmal seit 8 Jahren werden die ersten Plantagen in der Region bestellt. Das heißt, dass in diesem Jahr das erste Mal geerntet werden konnte. Noch stellt die Palmölindustrie in Kalimantan Timur keine wichtige Einnahmequelle dar. Wirtschaftsexperte Fidi ist sich allerdings sicher, dass das nicht lange so bleibt. Schließlich neigen sich die Kohlevorkommen schon dem Ende und auch das Erdöl wird nicht ewig fließen. Dann wird auch an der Ostküste der Palmölboom richtig losgehen.
Weiter geht unsere Fahrt am Flussufer entlang unter den Kohleförderbändern hindurch. Plötzlich klafft eine hässliche Wunde am Ufer: eine Brücke, die die beiden Flussseiten miteinander verbindet, liegt in Trümmern. „Die ist vor einigen Wochen eingestürzt – einfach so! Es sind fast 300 Menschen ums Leben gekommen, dabei war die Brücke gerade einmal fünf Jahre alt. Man sagt, es war eine Fehlkalkulation und der Architekt sei schuld“, weiß mein indonesischer Fremdenführer zu berichten. Im Geiste mache ich drei Kreuze, nicht mehr über die Todesbrücke fahren zu müssen – und frage mich insgeheim, ob Tagebau und Bergbau nicht auch ihren Teil zu der Katastrophe beigetragen haben. Nach weiteren anderthalb Stunden erreichen wir das eigentlich nur 26 km entfernten Tenggarong. Der Palast ist ein etwas modriges Gebäude, das nicht mehr als 50 Jahre auf dem Buckel hat und auch die Ausstellung im palasteigenen Museum reißt mich nicht vom Hocker. Zwischen Ming-Vasen, einer stattlichen Sammlung traditionell indonesischen Kopfschmuckes – selbstverständlich aus Tonkarton nachmodelliert, einer Münzausstellung, sowie einer naturkundlichen Abteilung mit schlecht präparierten Schrumpelfischen finde ich aber doch noch einen kleinen Schatz: Steintafeln aus dem 5. Jahrhundert, deren eingemeißelte Inschriften die Allmacht und Güte des alten Kutai-Königreiches preisen, welches hier für insgesamt 19 Generationen ansässig war. Fidi ist traurig, keinen englischsprachigen Führer für mich auftreiben zu können, ich bin für meinen Teil froh, das modrige Tempelmuseum samt nicht minder modrig riechender Sultangrabstätte alsbald wieder verlassen zu können.

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