Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Die ersten Reaktionen von Expats in Ruanda, den dauerhaft dort lebenden Ausländern, sind alle gleich: „Kultur? Hier? Gibt es doch gar nicht!“

Warum also will ich in Ruanda zu Kultur und Musik recherchieren?; dem Land, dessen Name mit dem Völkermord der regierenden Hutu-Mehrheit an der Tutsi Minderheit 1994 zum Synonym für alle Schrecklichkeiten des ’schwarzen Kontinents‘ geworden ist. Hier Kulturschaffende befragen? Gibt es die überhaupt? So hörte ich vor meiner Reise dorthin immer wieder besorgte Nachfragen, ob nicht Ruanda das Land sei, wo sich immer wieder die Menschen ‚abschlachten‘. Nein, in Ruanda schlachtet sich heute niemand ab. Das Land ist kein afrikanischer ‚failed state‘, kein gescheiterter Staat. Ganz im Gegenteil gehört es seit dem Völkermord zu den politisch stabilsten Staaten des ganzen Kontinents. Ein amerikanischer Entwicklungshelfer, der jahrelang in der Zentralafrikanischen Republik gearbeitet hat, nun als Vater, sein Kind dort nicht aufwachsen sehen wollte, sagte mal lakonisch: „Rwanda is Africa for beginners.“

Ein stabiles, ein ruhiges Land. Doch um welchen Preis? Kritiker sprechen von Friedhofsruhe die dort herrsche. Eine Autokratie ist Ruanda sicherlich. Die RPF (Rwandan Patriotic Front), ehemalige Rebellenarmee der Tutsi-Flüchtlinge aus den Nachbarländern, die 1994 den Völkermord der Hutu-Regierung beendete indem sie das Land eroberte, regiert den Staat autoritär. Angeführt wird sie von Paul Kagame, der seit dem Jahr 2000 Präsident Ruandas ist; 2010 wurde er mit so sagenhaften wie unrealistischen 93,1% in Direktwahl vom Volk im Amt bestätigt. Kaum ein Geschäft, kein einziges offizielles Gebäude, welches nicht vom Konterfei des Präsidenten geziert wird.

Öffentliche Kritik an der Person des Präsidenten ist tabu, eine nennenswerte politische Opposition existiert nicht. Pressefreiheit gibt es faktisch nicht, die Überwachung durch staatliche Stellen ist im Alltag spürbar. Dazu kommt eine ideologische Begleitmelodie, die permanent und auf vielen Kanälen einen Kollektivismus nach Innen und eine Abschottung gegen äußere Kritik unter den starken Schultern von Vater Staat, respektive Kagame propagiert.

Allerdings ist die ruandische Bevölkerung in ihrer großen Mehrheit sehr jung, über 40% sind unter 14 Jahre alt, über 50 Jährige sind in Ruanda eine Seltenheit. Diese post-Genozid Generation wächst also in stabilen, autoritären Verhältnissen auf, die aber zugleich einen für Ruanda beeindruckenden Wirtschaftsaufschwung mit sich brachten. Westliche Konsummuster und Konsumbedürfnisse haben auch dort Einzug gehalten, es gibt Stars und Sternchen in Medien und Musik, der Präsident bekommt also Konkurrenz von anderen Idolen. Bildung wird langsam breiteren Bevölkerungsschichten zugänglich, der Ausbau von und der Zugang zum Internet, damit auch ein Blick in andere Gesellschaften, wird sogar staatlich gefördert und hat gesellschaftlicher Wandel nicht oft genug bei der Jugend angefangen?

Und diese Jugend macht ‚ihr Ding‘. Gerade in der jungen Musik, vorweg, es ist der Hip-Hop/Rap, sind durchaus Abweichungen und eine gewisse, wenn auch oft leise und indirekte Kritik an den gesellschaftspolitischen Verhältnissen möglich. Der Präsident und seine Partei haben Ruanda unter Kontrolle, aber beim Blick auf die kulturellen, vor allem eben populärkulturellen Phänomene vor Ort, hoffe ich Brüche im Bild des Ruandas in Friedhofsruhe zu finden. Ich will wissen: Was kann gesagt, was geträumt, was gewünscht werden? Welche Sehnsüchte, welche Hoffnungen und welche Ängste drücken sich in der Populärkultur des Landes aus? Wie weit gehen Künstler auch mit politischer Kritik? Und empfinden diese den Autoritarismus des Staates überhaupt als einengend?

Kultur ist nicht Politik, aber existiert auch nicht ohne diese. Sie lebt durch und mit ihr; drückt Abweichungen aus, kritisiert, fordert, formuliert neue Bedürfnisse und andere Ideen, als jene, die der Staat vorgibt. Ob und wie sich diese eben auch gesellschaftspolitisch bemerkbar machen könnten, womöglich zu einer Liberalisierung der autoritären Strukturen führen mögen, kann ich nicht sagen. Aber die Brüche sind sicht- und hörbar…

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