Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Sandra bestellt sich einen „Macchiato Arequipe“, einen Karamell-Macchiato. Wie jeden Tag verbringt sie ihre Mittagspause in der Calle 127 im Norden Bogotás bei Juan Valdez. An kleinen Bistro-Tischen trifft sich hier die obere Mittelschicht zum plaudern und um gesehen zu werden. IPhone und Gucci-Brille gehören hier zur Standardausrüstung, im Hintergrund plätschert elektronische Lounge-Musik. Die Produktpallette ist ähnlich wie bei Starbucks, aber darüber hinaus gibt es auch noch Ponchos, Taschen, T-Shirts, Pullis und kleine Stoffesel zu kaufen. Juan Valdez ist mittlerweile eine bekannte Marke mit 200 Filialen. 156 in Kolumbien, der Rest in den USA, Spanien, Chile, Panama, Ecuador und in der Karibik.

„Der Kaffee schmeckt super und es ist ein total angenehmes Ambiente hier“, erklärt mir die 24jährige Sandra, während sie ein letztes Mal an ihrem Pappbecher nippt, der sie 4500 Pesos, knapp zwei Euro gekostet hat. Sie kann es sich leisten, sie hat einen guten Job in einer Bank. Ihr Vater ist Augenarzt und hat es ihr ermöglicht an einer der besten Universitäten des Landes zu studieren. Für die Mehrheit der Kolumbianer bleibt so ein Kaffeegenuss aber unerschwinglich. Knapp 40% der Kolumbianer leben in Armut, d.h. von weniger als 1,50 Euro pro Tag. Und 60% der erwerbstätigen Bevölkerung arbeitet für den Mindestlohn, d.h. für 250 Euro pro Monat. Für diese Kolumbianer gibt es mittags höchstens einen Instant-„Tinto“ – eine Art kolumbianischer Espresso. Serviert aus Thermoskannen an jeder Straßenecke. Kostenpunkt: 500 Pesos, kanpp 20 Cent. Genuss schmeckt sicherlich anders, aber es hilft um wachzubleiben. Auch bei Juan Valdez gibt es den traditionellen „Tinto“, doch der ist nicht besonders gefragt, erzählt mir der Mann an der Kasse.

Juan Valdez ist aber wesentlich mehr, als nur eine kolumbianische Starbucks-Version. Die Marke repräsentiert vielmehr den Wirtschaftsaufschwung in dem vom Bürgerkrieg gezeichneten Andenstaat. Gleichzeitig verleiht er den Kolumbianern Selbstbewusstsein: Jahrzehntelang wurde nur der Rohstoff Kaffee verkauft. Die Verfeinerung, das Marketing usw. fand in anderen Ländern statt. Das hat sich mit Juan Valdez geändert: Die Kolumbianer produzieren, vertreiben und konsumieren nun ihren eigenen Kaffee. Bleibt zu hoffen, dass sich bald jeder Bürger hier mal einen Macchiato Arequipe leisten kann.

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