Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Wenig bis keine Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Fragen findet sich in der quantitativ in Ruanda meist gehörten Musik, der Kirchenmusik. Jedem, der auch nur einen Sonntagnachmittag in Ruanda verbringt, wird sie entgegen schallen. Aus großen Kirchen, kleinen Kirchen, Hinterhöfen, in denen Kirchen in Garagen Obdach gefunden haben.

Spielort 1: Sonntagnachmittag, wann auch sonst, folge ich dem Rat der ruandischen Freunde. Ich wolle Musik in der Kirche? Ich müsse zur Restauration Church, Kimisagara. Für die westlichen Augen: sehr einfacher Stadtteil. In Ruanda: Mittelschicht. Überall Menschen, die sich schick gemacht haben. Frauen, die auf hochhackigen Schuhen um die Pfützen der Regenzeit manövrieren. Gerade regnet es mal nicht, aber das kann sich schnell ändern. Sonntags haben mehr Menschen einen Regenschirm dabei, als sonst. Auch Schirme sind hier wertvoll, Statussymbole, weil sie ja nicht unbedingt notwendig sind.

Die Restauration Church wurde 1994 hier gegründet, nach dem Vorbild amerikanischer Freikirchen. Mit Glauben, Gemeinschaft und Musik will die Kirche die Wunden heilen, die der Genozid geschlagen, und die die kompromittierte katholische Kirche nicht heilen konnte. Alle Kirchen dieser Art finanzieren sich über Spenden der Gemeindemitglieder, die Restauration Church muss einige Wohlhabende haben. Hier beten die ökonomisch Erfolgreichen. Das Gebäude ist riesig, bietet auf den Plastikstühlen Platz für mindestens 500 Menschen. Von weitem höre ich die Gesänge, als ich hereinkomme, stocke ich erst einmal. Ich hatte es schon fast vergessen, aber an Orten wie diesen fällt es mir immer wieder ein: Ich bin hier der Fremde, das Amüsement, dass sich ein Muzungu hierher verirrt, bekomme auch ich mit. Was will der hier? Musik hören. Sofort wird mir jemand an die Seite gestellt, um mir Lieder, Gebete und Predigt zu übersetzen, wobei das Verhältnis 70 zu 15 zu 15 betragen dürfte.

Das hier ist Disko für die strebsame, aufstrebende Mittelschicht, die hier ihr Seelenheil bekommt. Ich glaube den Menschen ihr Glücksgefühl; was soll ich auch sonst tun? Nirgendwo sah ich jemals in Ruanda so viele Menschen lachen, grinsen und laut aus sich heraus gehen. Und nirgendwo erlebte ich eine solche pari-pari-Mischung von Frauen und Männern in der Öffentlichkeit. Freunde sagen mir, diese Gottesdienste seien auch eine Art Partnerbörse. Die 30-köpfige Band auf der Bühne, alle jung, neue Instrumente, eine Anlage, die ausnahmsweise mal nicht bei jedem dritten Ton verzerrt, erinnert mich mit dem emotional klingenden Gesang, den schwingenden Hüften und den immer wieder zum Himmel gestreckten Armen an klassische Hippies. Erstere würden das als Beleidigung auffassen, Letztere wohl auch.

Immer strahlt sie, Natacha, Leiterin der Musikgruppe, 29 Jahre alt, nur als ich ein paar Fotos machen will, da ändert sich der Ausdruck. Alle filmen hier, nur der Muzungu soll nicht. Wer weiß, was er damit macht? Auch Natacha wurde, wie so viele hier, in der katholischen Kirche sozialisiert, nach dem Völkermord wechselte sie zur Freikirche. „Hier haben wir Freiheit, und in der Bibel steht, wir müssen Gott mit allen Instrumenten ehren, die wir haben. Wir nehmen das ernst.“ Außerdem sei das Ganze gut für das Selbstbewusstsein und die Gemeinschaft. „Bei den Katholiken war ich, ohne das Geringste zu spüren.“ Hier aber, werden einzelne Zeilen aus der Bibel, via Beamer für alle lesbar projiziert und so oft rezitiert, bis sich tranceähnliche Zustände einstellen. Hier spüren alle etwas. Gerne hätte Natacha mehr Geld, sie bräuchten noch mehr Instrumente. Wenn ich kein Geld geben würde, müsse ich ihnen dafür, dass sie sich mit mir zum Gespräch trafen, aber zumindest Unterricht geben. Ich bin ja music teacher. „So, how often will you teach us?“ Der Kontrast zwischen der anfänglichen Offenheit und dem Abblocken aller Fragen nach auch nur im Entferntesten nicht-biblischen Dingen, dann der Forderung nach Unterricht, sonst hätte ich ja nicht kommen brauchen, verwirrt mich. Ich habe gelogen. Und sie haben nur mit mir gesprochen, weil sie sich einen Vorteil erhofften. Als ich die Kirche nach drei Stunden unter Vorwänden verlasse, brummt mir der Kopf.

 

Spielort 2: Gebaut wurde sie 1913 aus rotem Backstein, genauso steht sie heute noch da. Die Kirche St. Famille in Kigali, eines der ältesten Gebäude des Landes, eines der schönsten. Im April 1994 wurde sie Fluchtort vor dem Terror. Tagsüber waren die Türen offen, Nachts wurden sie verriegelt. Morgens kamen die Milizen, sie sprachen zuerst mit dem Abt. Er half ihnen Tutsi von Hutu zu trennen, alle hatten sich hierher geflüchtet, die Kirche war voll. Einen Tag lang ging das Schlachten, der Reihe nach. Männer zuerst, dann Frauen und Kinder. Abends konnte der Abt wieder nach Hause gehen. Auch er hatte seine Arbeit gemacht, den Mördern geholfen.

Nichts erinnert heute in St.Famille an das grauenhafte Massaker, eines von vielen, wie sie landesweit in Kirchen begangen wurden; landesweit Priester, die sich den Mördern, wenn schon nicht entgegen stellten, ihnen sogar noch halfen.

Heute ist St. Famille wieder voll, bis auf den letzten Platz, und die Allerletzten lauschen dem Gottesdienst von Außen. Aber der Eindruck täuscht, denn insgesamt verliert die katholische Kirche massiv Mitglieder an die Freikirchen. Und jene, die bleiben, sind die Ärmeren. Man sieht es an der Kleidung der Menschen. Das hier sind mehrheitlich jene, die bei der wirtschaftlichen Entwicklung Ruandas nicht mitkommen. Hinter vorgehaltener Hand und andeutungsweise sagen manche, es seien fast nur noch Hutu, die hierher gingen. Dass auch von dieser Institution, wie von den Freikirchen, keine Liberalisierung der öffentlichen Diskussion ausgehen wird, scheint mir klar. Sonntags wird die Seele entlastet, entweder indem man selber singt, oder der Liturgie lauscht. Mehr nicht.

Aus der Masse von Kirchenmusikern haben es einige wenige zu landesweit bekannten Stars geschafft. Mani Martin und vor allem Kizito Mihigo (beide youtube) singen christlich inspirierte Lieder, die vor allem ein Thema immer wieder neu variieren: Die Versöhnung im post-1994-Ruanda. Gerade Mihigo trifft damit offenbar so sehr den Nerv dessen, was der Staat sich unter Umgang mit dem Genozid vorstellt, dass er für den Präsidenten persönlich auftreten darf. Die Botschaft ist klar: Die einen müssen sich entschuldigen, die anderen verzeihen. Diese Musik passt damit perfekt zur ruandischen Kultur der Entschuldigung. Kritik an gesellschaftspolitischen Zuständen? Keinerlei. Gerade die Art und Weise, wie Mihigo von der Staatspresse, dem offiziellen Verkündigungsorgan ‚The New Times‘, immer wieder gelobt wird, ließ bei mir den Eindruck entstehen, es sei der Soundtrack zur Autokratie, eine Aufforderung zum Nichtstun und Aushalten, und keine auch nur annähernd freie Kunst, die Anstöße zur Veränderung gibt.

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