Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Knapp 24 Minuten verbringt Luisa Fernanda Echeverri jeden Tag in einer Gondel. Solange dauert die Fahrt von der Station „La Aurora“ im Nordwesten Medellíns, bis zur Station „San Javier“ im Westen und zurück. Was Europäer bloß aus Skigebieten kennen, ist für die 44jährige Luisa ein notwendiges Transportmittel, um zur Arbeit zu kommen.

Während ihrer Reise in der Gondel überfliegt sie verschiedene Stadtviertel. Die meisten bestehen aus notdürftig zusammengehämmerten Hütten aus Holz, Plastik und Blech, die chaotisch an den steilen Berghängen wuchern. Für diese Viertel gab es keinen städtischen Bebauungsplan. Es sind „invasiones“, illegal errichtete Hütten derer, die vor dem Bürgerkrieg zwischen kolumbianischer Armee, FARC-Guerilla und Paramilitärs vom Land in die Großstadt geflohen sind. Nach UN-Angaben gibt es in Kolumbien 4 Millionen Binnenflüchtlinge – Weltrekord.

Die Effekte des nun seit mehr als 50 Jahre andauernden Bürgerkrieges kann man jetzt aus der Luft beobachten: Von morgens 5.30 Uhr bis abends um 23 Uhr surren die Gondeln des „Metrocable“ über die Slums hinweg, in denen es fast jeden Tag zu Schießereien zwischen verfeindeten Banden kommt. Im vergangenen Jahr wurden ein Reisender in einer Gondel von einer Kugel, einer sog. „bala perdida“, getroffen und schwer verletzt.

„Mir ist so etwas Gottseidank noch nicht passiert, aber ich bin auch auf das Metrocable angewiesen“, erzählt Luisa Fernanda Echeverri, während die Gondel langsam in die vorletzte Station „Juan XXIII“ einfährt. Bis zu zehn Menschen sollen in einer Kabine Platz finden, ich persönlich habe ein besseres Gefühl, wenn nicht mehr als sechs Passagiere drin sind.

Das „Metrocable“ in Medellín ist aber mehr als ein reines, innovatives Transportsystem. Es hat auch soziale Auswirkungen. Früher gab es nur Busse, die sich langsam die steilen Straßen hochquälten. Oft gibt es pro Viertel nur zwei Zugänge und die wurden oftmals von den lokal herrschenden Banden kontrolliert und hermetisch abgeriegelt. Mit dem „Metrocable“ kam Bewegung und Mobilität in die vom Zentum weit entfernten Stadtviertel. Menschen können nun leichter an einen anderen Ort der Stadt gelangen, um zu arbeiten, was sich wiederum auf die sozialen Bedingungen der Viertel auswirkt.

Zwei solcher Gondelstrecken gibt es bereits in Medellín. An den Endstationen haben die Passagiere die direkte Möglichkeit zur Weiterfahrt mit der Metro, die das Tal von Medellín, das „Valle de Aburrá“ von Norden nach Süden durchfährt. 1800 kolumbianische Pesos, rund 80 Cent kostet die einfache Fahrt mit Metrocable und Metro – egal wohin. „Das Metrocable ist eine tolle Sache“, schwärmt Luisa Fernanda Echeverri, „früher standen wir immer und überall im Stau, jetzt ist das Reisen entspannt“.

Das Stadtviertel Juan XIII im Westen Medellíns

Barrio Juan XIII

An der Station „San Javier“ steigt sie in die Metro, um ins zehn Minuten entfernte Zentrum zu fahren. Dort arbeitet sie als Näherin. Am Abend wird sie wieder die Gondel besteigen, diesmal in umgekehrter Richtung – so, wie 40.000 andere Passagiere in Medellín an diesem Tag.

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