Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Yatra vrddhastu pujyante ramante tatra Devatah

Das ist Sanskrit, die altindische Sprache der Gelehrten, der philosophischen Texte des Subkontinents. Die Veden, die Bhagvad Gita, das Mahabharata – diese und zig andere Schriften wurden vor Jahrtausenden in Sanskrit verfasst und werden heute noch studiert. Zum Beispiel das Subhashastam, ein Moralkodex für das tägliche Leben, aus dem dieses Zitat stammt: Yatra vrddhastu pujyante ramante tatra Devatah. Bedeutung: Wo die Alten respektiert werden, dort leben die Götter! 

Keshava, Brahmane und Sanskrit-Experte, über die vedische Sicht auf das Leben

In den kommenden Wochen werde ich erforschen, wie es um diesen Respekt in Indien in Zeiten von Gesellschaftswandel und Globalisierung bestellt ist. Zu meinem Thema – Alter in Indien – gibt es etliche Fakten, Zahlen, Hypothesen. Doch bevor ich mich all dem widme möchte ich wissen, was die alten indischen Texte dazu zu sagen haben. Denn bekanntlich sind Religion, Kultur und alltägliches Leben in Indien eng miteinander verwoben. Was in den Veden steht, ist auch heute noch von Interesse, spielt vielerorts noch eine Rolle im alltäglichen Leben in Indien.

Deshalb ist mein erster Termin auf dieser Reise ein Treffen mit Keshava, einem waschechten indischen, sehr jungen aber auch sehr gelehrten Brahmanen. Keshava hat Sanskrit studiert und Psychologie. Er lebte mehrere Jahre in einem Ashram und befasste sich mit der indischen Philosophie, den Veden, den Praktiken des Yoga. Einen Nachmittag lang werde ich zu seiner Schülerin, wie es damals im indischen Gurukul Bildungssystem üblich gewesen ist. Wir sitzen im Schneidersitz auf dem Fußboden, trinken Chai, essen Samosa und Keshava erzählt mir von den vier Lebensphasen – Ashramas – die von den Veden beschrieben werden.

 Keshava, was sagen die alten indischen Texte, die Veden, zum Thema Alter in Indien?

Erst einmal muss man verstehen, dass die Veden die gesamte menschliche Existenz im Lichte von spirituellem Wachstum betrachten. Wir leben, um uns selbst, um Gott zu erkennen.  Bis wir 25 sind können wir ein Studentenleben – Brahmacarya – leben. Wir gehen zur Schule, wir studieren und unsere Eltern unterstützen uns. Wir sind Nehmer und nicht verpflichtet zu geben. Das ändert sich in der Lebensphase von 26-55. Sie wird Haushaltsphase genannt. Wir gründen eine Familie, einen eigenen Haushalt, wir unterstützen unsere Kinder und auch unsere Eltern, die optimaler Weise im gleichen Haushalt leben.

Was das westliche Konzept der Altenheime überflüssig macht….

Ja. Deshalb gab es in Indien auch lange keine Altenheime. In Indien ist es unsere Aufgabe, dass wir uns um unsere Eltern kümmern. Das sagen die Veden und andere Schriften wie das Dharmashastra, ein Moralkodex für das gesamte menschliche Leben.  In der zweiten Phase deines Lebens lebst du wieder mit deinen Eltern und kümmerst dich um sie!

Und die letzten beiden Phasen?

Die Veden sagen, dass man sich von 55-65 Jahren in der Vana Prastha Ashrama Lebensphase befindet. Die Kinder sind aus dem Haus, die Arbeit beendet, es gibt nicht mehr viel zu tun. In dieser Phase soll man in sich kehren, sich zurück ziehen, zur Ruhe finden, Yoga machen, meditieren, in den Tempel gehen und den Göttern huldigen.

Alte Frau im Tempel in Neu Delhi

Also deshalb sieht man so viele alte Menschen in den Tempeln?

Ja, das stimmt. Das ist  ähnlich wie mit den alten Kirchenbesuchern im Westen.  Die Kinder sind aus dem Haus, das Arbeitsleben ist beendet: Da bleibt viel Zeit für Tempelbesuche. Aber in Indien hat es auch etwas damit zu tun, dass man sich im Alter mehr dem spirituellen Wachstum widmen sollte.

Bis man dann letztlich stirbt. 

Auf den Tod bereitet man sich ab 65, in der Sanyasa Ashrama Phase vor.  Man  zieht sich komplett zurück, widmet sich nur noch der Selbsterkenntnis, beginnt nichts Neues mehr und wird zum Sanyasin. Jemand, der sich nur noch dem spirituellen Weg widmet.

Das sind die Regeln, aber es gibt ja 1000 Ausnahmen.

Natürlich. Viele Menschen in Indien werden gar nicht erst so alt, dass sie in die Ashrama Phase kommen. Andere erreichen sie, müssen aber dennoch hart arbeiten, damit ihre Familie überleben kann. Und wieder andere sind doch auf ein Altersheim angewiesen, weil ihre Kinder im Ausland leben. Der Wandel der Gesellschaft und die Globalisierung führen dazu, dass es immer mehr alte Menschen in Indien gibt, die alleine leben und in finanziellen Schwierigkeiten. Und nicht überall werden die Alten mehr so respektiert, wie sie eigentlich sollten. Sie haben Lebenserfahrung und viel spirituelle Weisheit: Vrddha Vyavahaaraat. Das bedeutet: Wer die Alten konsultiert, bekommt Weisheit.

So viel zu den Grundlagen. In den kommenden Wochen werde ich erforschen, wie die Realität aussieht. Ich werde Altenheime besuchen, alte Menschen in der Stadt und auf dem Land treffen und mit Organisationen sprechen, die sich mit dem Thema Alter in Indien befassen. Ich bin gespannt!

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