Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Was sind zwei Menschen staendig umrundet von 300 Leuten?

Eine nepalesische Hochzeitsgesellschaft.

Heute bin ich Zeuge einer hinduistischen Hochzeit geworden und mal wieder werde ich voller neuer Eindruecke, Emotionen und Erfahrungen ins Bett gehen.

Angefangen hat alles Vormittags. Die Braut gehoert zur Familie, die das schamanistische Institut betreibt, in dem ich wohne. Gegen 11:00 Uhr kam der Braeutigam, mit einer Blaskapelle und seiner ganzen Familie samt Freunden und Bekannten vorbei. Die Gruppe ist von seinem Haus zu Fuss gestartet und bis zum Haus der Braut gelaufen.

Hochzeitsritual: Fuesse des Brautpaares werden gewaschen

Hochzeitsritual: Fuesse des Brautpaares werden gewaschen

Es folgten sehr viele Rituale, bei denen ich immer mehr ins Staunen geriet, weil ich so etwas noch nie gesehen habe. Am meisten habe ich mich ueber ein Ritual gewundert, bei dem Braut und Braeutigam ihre nackten Fuesse auf einem Holzstab ablegten, der quer ueber einer sehr grossen Schuessel lag. Jeder, oder so gut wie jeder Gast, kniete sich nieder, liess Wasser ueber die zwei Paar Fuesse laufen und wusch die Fuesse. Danach wurde mit einer Hand das Wasser unter den Fuessen aufgefangen und in den eigenen Mund geschleudert. Warum wird Wasser, das ueber fremde Fuesse gelaufen ist in den eigenen Mund gefuehrt? Ich machte so grosse Augen und war von dieser Zeremonie so gefesselt, dass ich aus Versehen auf ein Fell trat, das sich hinter mir befand und Teil eines grossen Altars war. Sofort wurde ich darauf hingewiesen, dass ich bitte dort nicht zu stehen habe, was mir sehr unangenehm war. Auf jeden Fall handelt sich bei dem Ritual wohl darum, dass man sich mit dem Wasser, was ueber die Fuesse der Braut und des Braeutigams gelaufen ist, selber segnet. Die Fuesse der beiden stehen naemlich fuer etwas Reines und Heiliges, so wie die beiden sind und auch den #heiligen# Bund der Ehe eingehen: ganz frisch und rein.

 

Das glueckliche Brautpaar

Das glueckliche Brautpaar

Nach ca. drei Stunden wurde dann zum ersten Mal getanzt. Danach gab es wieder unzaehlige Rituale, bei denen das Brautpaar regelrecht von den Gaesten bedraengt sowie immer von mehreren Filmkameras sowie Fotoaparaten begleitet wurde.

Gegen 18:00 Uhr, also schlappe sieben Stunden spaeter (!), wurde dann das Brautpaar zum Haus des Braeutigams bzw. zum Haus seiner Familie gefahren, wo die beiden ab heute gemeinsam leben werden.

Fuer die hiesige Familie ein riesen Schritt, denn ab sofort lebt ein Familienmitglied weniger im Haus. Familien in Nepal sind sehr eng und alle wohnen immer zusammen, unter einem Dach. Doch es ist nun mal so Brauch, dass die Braut zum Braeutigam zieht. Somit gibt es seit heute eine Tochter, eine Schwester und eine Enkelin weniger in der Familie. Nachdem das Auto weg war habe ich in viele weinende Gesichter geblickt. Und auf einmal war die Hochzeit zu Ende und die grosse Freude wich einem Schmerz – dem des Abschied nehmens.

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