Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Alejandro und Carolina sind sichtlich nervös. In Wirklichkeit heißen beide anders, aber sie wollen ihre wahren Namen nicht nennen, irgendwie schämen sie sich. Sie sind auf dem Weg zum Motel „Descanso del Amor“ („Liebespause“), um sich ein bisschen zu vergnügen und zu entspannen. Das Motel, das zu den besseren gehört, liegt am Stadtrand Medellíns, an der Autobahn, die weiter zur Hauptstadt Bogotá führt. Alejandro greift Carolinas Hand, sie werfen sich verliebte Blicke zu und freuen sich auf die zwei Stunden in trauter Zweisamkeit. Der Deal ist, dass ich die beiden ins Motel fahre, dafür erzählen sie mir ein bisschen, warum sie sich dort mehr entspannen können als zu Hause.

Eines der bekanntesten Motels in Medellín

Motel "Liebespause" an der Autobahn Medellín - Bogotá

Beide wohnen noch bei ihren Eltern. „Das Haus ist total hellhörig und die Türen stehen immer auf… irgendwie kommt man da nicht zur Ruhe und meine Eltern wollen das auch nicht“, sagt Alejandro und senkt den Blick. Bei Carolina ist es genauso. Ihre Eltern akzeptieren zwar Alejandro als Freund, aber dass er bei ihr übernachtet, ist undenkbar. Alejandro ist 21, Carolina 19 Jahre alt, seit drei Jahren sind sie ein Paar. „Meine Eltern gehen jeden Freitag ins Motel. Jeder weiß es, aber sprechen tut keiner darüber“, sagt Carolina. Die Motel-Kultur ist in Kolumbien weit verbreitet. Wollen Pärchen sich ungestört lieben, buchen sie ein Zimmer in einem der zahlreich vorhandenen Motels – wahlweise von einer Stunde bis zu einem ganzen Tag. Je nach Preisklasse gibt es Kondome, Jacuzzi, Pool gratis dazu.

Sex zu Hause zu praktizieren ist nicht ganz leicht. Die Bauweise der Häuser ist hellhörig, die kolumbianischen Familien sind groß und das Leben findet größtenteils auf der Straße statt – bei offenen Türen. D.h. jeder Nachbar könnte was mitbekommen. Dabei sind die Kolumbianer ein sehr leidenschaftliches Volk, was sich vor allem bei ihren Tänzen wie Salsa, Merengue, Cumbia oder Reggeaton zeigt. Aber Sex scheint Privat- wenn nicht sogar Geheimsache zu sein, obwohl er im Alltag omnipräsent ist. Nicht umsonst gehört Kolumbien zu den Top10 der Länder, mit den meisten Brustvergrößerungen pro Jahr. Vielleicht hat es etwas mit dem Katholizismus zu tun. Die katholische Kirche ist immer noch eine sehr mächtige moralische Instanz, die Sexualmoral dementsprechend rigide. Sex gilt oftmals unrein und wird deshalb ins Motel outgesourct. Das Problem: Weil keiner darüber spricht, ist die Aufklärung auch dementsprechend. Kolumbien hat massive Schwierigkeiten mit Schwangerschaften von Minderjährigen.

Das Rolltor öffnet sich unendlich langsam. Alejandro und Carolina steigen aus. Wenigstens hier können sie jetzt ungestört Zweisamkeit verbringen. „Wenn wir mal ein eigenes Haus haben, dann werden wirs natürlich auch in unserem eigenen Bett machen“, lacht Alejandro und kassiert dafür einen Klaps von Carolina. „Aber sobald Kinder da sind, gehen wir wieder ins Hotel“. „Warum?“, frage ich. „Die Kinder sollen doch nicht hören, wie wild ihre Eltern sind, dann kommen sie auf schlechte Gedanken“, sagt Carolina und schüttelt verständnislos den Kopf. Die beiden verabschieden sich und schlendern Hand in Hand in Richtung Zimmer 14.

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