Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

“WELCOME! TO! THE! CLASSROOM!!!“. Die Begrüßung sitzt! Danach: Stille. Kleine schwarze Knopfaugen, aufgerissen, erwartungsvolle Blicke. 600 Kinder kleben an den Gittern der Klassenzimmer. Gespannt,ob die „Weiße“ nun zu ihnen ins Klassenzimmer kommt – genauer: In die Halle mit Gittern und Wellblechdach. Sie kommt in den Englischunterricht der 13jährigen. Der Englischlehrer gibt auf tamilisch Anweisungen, die 30 Kinder ignorieren sie geflissentlich. Sie tuscheln, stecken die Köpfe zusammen und wollen alle nur eines: ein Foto. Der Lehrer meint sie sollen stramm stehen. Die „Weiße“ meint, sie sollen sich um die Tür scharen. Verwirrung, Kichern, sie entscheiden sich für die Tür.

 

Die erste „Weiße“ auf dem Schulhof

Erst sind sie schüchtern, dann fangen die Jungs an zu posen. Großes Gedrängel als sie das Digitalfoto anschauen können. Sie lächeln, stolz wie Oskar. Und dann ist das Eis gebrochen. „Where are you from“, fragt Priyani, die mit dem Fleck auf dem weißen Uniformkleidchen. Sie hat sich ganz nach ganz vorne gedrängelt. Germany? Es sagt ihr nichts, ist aber egal, sie hat sich als erste getraut die „Weiße“ anzusprechen. Wie heisst du, was machst du hier…auf einmal werden sie neugierig, die Schüler der public school im ehemaligen Kriegsgebiet bei Batticaloa.

 

Eine Digitalkamera – die Attraktion! Das Klo – die eigentliche Attraktion…

Noch nie hatten sie Leute aus dem Westen auf ihrem Schulhof, ich sei die erste, erklärt der junge Englischlehrer. Die Aufregung müsse ich verstehen. Sein etwas älterer Kollege nimmt mich zur Seite, ich müsse unbedingt die anderen Klassen auch fotografieren, sie wären so neidisch. 20 Fotos später: Der Unterricht fällt aus, zu viel Aufregung. Der Direktor drängelt, der NGO-Mitarbeiter wird ungeduldig: „Du musst nun endlich das „Projekt“ sehen!“ Sie zerren mich aus dem Schülergewirr hinter das Schulgebäude. Stolz öffnet der Direktor die Tür: das Klo. Die Schultoilette, das ist die eigentliche Attraktion hier, deshalb sind wir fast zwei Stunden über überschwemmte Schlaglochpisten gebrettert.  Aber es ist nicht irgendein Klo, nein, eine hygienische Schultoilette mit Waschbecken und Seife. Und mit einem Riesenbild über den Waschbecken, einer Art Gebrauchsanweisung für’s Klo! „Das gab es hier noch nie! Toilettenhygiene ist eines der Hauptprobleme in diesen armen Gebieten“, erklärt der NGO-Kollege. Der Direktor nickt: „Bisher sind die Schüler einfach nach Hause gegangen, wenn sie mal mussten. Und danach nicht wieder erschienen!“ Oder die hätten eben die alte Schultoiltette benutzt, ein stinkendes Loch im Boden ohne Spülung.

 

Health-Club für Toiletten-Hygiene

Das sei aber noch nicht alles, meint der NGO-Mitarbeiter. Der „health-club“ habe den Durchbruch gebracht. Der Direktor stimmt ihm heftigst zu. „Ältere Schüler bringen den jüngeren bei, dass man sich nach dem Toilettenbesuch die Hände wäscht.“ Und die Eltern wurden auch zu Hygiene-Schulungen eingeladen. „Es funktioniert super, sie ziehen das nun auch zu Hause durch!“ Eine kleine Revolution im ehemaligen Kriegsgebiet. Viele der 600 Kinder mussten während des Krieges in Flüchtlingscamps leben. Als sie zurückkkamen – nach 2009, nach Ende des Krieges – war vieles zerstört. „Es ist ein Riesenerfolg, dass die Kinder hier alle wieder zur Schule gehen. Und zwar jeden Tag, in sauberer Uniform“, erklärt der Direktor.

 

Einmal eine weiße Hand schütteln

Priyani, die aus der Klasse der 13-Jährigen, steht noch immer vor der Tür, umringt von ihren tuschelnden Freundinnen. Kaum taucht die „Weiße“ auf stürzen sie raus, strecken mir ihre Hände entgegen. Priyani schüttelt meine als erstes, lächelt, dreht sich triumphierend zu ihren Mädels um. Auf einmal stecken 20 Kinder ihre Hände nach vorne, jeder will mal eine „weiße“ Hand schütteln. Der junge Englischlehrer inklusive! Und damit noch halbwegs die Form gewahrt wird, pfeifft er seine Schüler zusammen, sie sollen den Gast wenigstens anständig verabschieden: „BYE BYE MADAME“ krähen sie und stehen grinsend stramm.

Archive