Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Ginge es nur nach dem Wetter, würde wohl niemand freiwillig auf die Falklandinseln wollen. Sonne, Regen, Sturm, Hagel und Schnee im Laufe eines einzigen Tages sind keine Seltenheit. Der Touristen-Slogan „Tor zur Antarktis“ stimmt insofern, als dass die Temperaturen selbst im Hochsommer nie über 20 Grad klettern. Das ist selbst den meisten Baumarten zu ungemütlich, weshalb der überwiegende Teil der Landschaft aus Sträuchern, Gras und Felsen besteht.

Aber es geht eben nicht nach dem Wetter. Ausgeblichen und zerfetzt sind die britischen Fahnen, die vor fast jedem Haus und auf den Falklands wehen. Doch genauso wenig, wie ihren geliebten Union Jack dem Wind weicht, lassen sich die Inselbewohner von politischem Druck beeindrucken. Seit Jahrhunderten gibt es Streit um die Falklands, die 400 Kilometer vor der argentinischen Küste liegen, politisch aber zu Großbritannien gehören. „Zu einem Georgier sagt man doch auch nicht plötzlich, dass er sich als Russe fühlen soll“, Sian Davies, die in der Hauptstadt Stanley einen Souvenirshop betreibt. Zu ihrer Heimat hat sie – so wie die meisten Insulaner – eine klare Haltung: „Wir sind und bleiben britisch, und das werden wir der Welt beweisen.“

Dass dies tatsächlich so ist, zeigte sich Mitte März 2013. In einer Volksabstimmung votierten 99,8 Prozent aller Falkland-Bewohner für den Status quo. „British to the core“, britisch bis ins Mark, bezeichnen sich viele der 2700 Einwohner selbst – auf Fahnen, Aufklebern oder Schildern am Gartenzaun. Die Sache scheint klar: Auch 31 Jahre, nachdem argentinische Truppen die Inseln besetzten und kurz darauf von den Briten wieder vertrieben wurden, fühlen sich die Insulaner dem Mutterland verpflichtet. Je lauter Argentiniens Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner von Kolonialismus spricht, desto bedingungsloser klingen die Treueschwüre an Queen und Vaterland.

All das sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Falklandinseln inzwischen weit eigenständiger sind, als es Politiker auf beiden Seiten des Atlantiks wahrhaben möchten. Gab es bis vor 20 Jahren noch kaum eine asphaltierte Straße außerhalb Stanleys, wird inzwischen an allen Enden und Ecken gebaut. Geld genug ist vorhanden, weil die Falklands die Einnahmen aus dem Fisch- und Wollexport komplett selbst verwalten. Steuern müssen nach Großbritannien schon lange nicht mehr abgeführt werden. Und die neue Verfassung, die seit 2009 in Kraft ist, gewährt dem Übersee-Territorium eine Autonomie, von der Schottland und Nordirland nur träumen können.

„Das Einzige, was von London aus gesteuert wird, ist die Außenpolitik“, sagt Mike Summers, der seit 15 Jahren als parteiloser Abgeordneter im Amt ist. Das Queen-Porträt in seinem Büro hat im Vergleich zu früher deutlich an Stellenwert verloren. „Wir sind dem britischen Parlament keine Rechenschaft schuldig“, sagt Summers. Innenpolitisch könne man schalten und walten, wie man wolle. Und das funktioniert offenbar ganz gut: Zwischen 486.000 Schafen und einer Million Vögeln hat sich eine gemütliche Konsensdemokratie etabliert, in der Parteien keine Bedeutung haben. Es herrscht Vollbeschäftigung, Gewaltverbrechen kennt man nur aus dem Fernsehen. „Natürlich geht auch an uns die weltweite Wirtschaftskrise nicht spurlos vorbei“, sagt Summers. „Aber wir haben es immer geschafft, einen ausgeglichenen Haushalt aufzustellen.“ Gespart wird auch bei der Verwaltung: Das hölzerne Parlamentsgebäude sieht so schlicht und minimalistisch aus, dass man es mit einem normalen Wohnhaus verwechseln könnte. Summers lacht: „So läuft Politik hier ab, wir schaffen es ganz gut, die Dinge selbst zu regeln.“

Fast klingt es so, als wäre ein Nein bei der Volksabstimmung nun doch kein Ding der Unmöglichkeit. So aber möchte der Politiker seine Aussagen nicht verstanden wissen: „Mit nicht mal 3000 Einwohnern wäre eine komplette Unabhängigkeit in der Praxis schwierig. Wie würden wir uns denn verteidigen, sobald die britischen Truppen abziehen?“ Trotzdem: In punkto Eigenständigkeit gebe es in Zukunft durchaus noch Spielraum. „Wenn wir ein eigenes Handelsabkommen schließen wollen, können wir das zurzeit nicht ohne den Segen aus London tun. Auch bei Uno-Abstimmungen hätten wir gerne mehr Freiheiten.“

Das neue Selbstbewusstsein kommt nicht von ungefähr. Seit Ende der 1990er-Jahre erstmals Öl vor der Küste der Falklandinseln gefunden wurde, treiben die Behörden die Erschließung des neuen Wirtschaftszweigs mit Hochdruck voran. Rund 328 Millionen Barrel werden allein in einem einzigen Feld vermutet, das 120 Meilen von der Küste entfernt liegt. „Wenn die Exploration abgeschlossen ist, können wir ab 2016 erstmals Öl fördern“, sagt Stephen Luxton, Direktor des Rohstoffministeriums der Falklands. Das könnte zu einem bisher unbekannten Geldsegen führen: Eine Million US-Dollar möchte das Ministerium pro Jahr durch die Lizenzvergabe einnehmen. Und auch der Fiskus kassiert mit: Sowohl das Öl als auch die beteiligten Konzerne werden besteuert.

Der Traum von sprudelnden Öl-Quellen erfasst sogar die Tourismus-Industrie. „Die Arbeiter werden unsere lokale Wirtschaft beflügeln“, schwärmt Luxton und verweist auf die positive Stimmung in der Bevölkerung, die komplett hinter der Förderung stehe. Die wenigen Hotels, die es in Stanley gibt, könnten zum ersten Mal seit ihrer Eröffnung ausgebuchte Zimmer vermelden. Derweil malt sich der Tourismus-Manager der Falklands, Tony Mason, schon einen neuen, topmodernen Hafen aus, an dem jedes noch so große Kreuzfahrtschiff anlegen kann. „In zehn Jahren wird es hier ganz anders aussehen“, sagt Mason und blickt voller Zuversicht in die Zukunft. Das Wort Großbritannien kommt in der Vision kein einziges Mal vor.

Archive