Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Kasun, 28, Musiker, Fahrer

 

Kasun ist hübsch. Ungewöhnlich hübsch – er hat keine groben Gesichtszüge, hat kleine, kurze, gegelte schwarze Locken, dekoriert mit einer verspiegelten Fliegerbrille. Er ist schlank, trägt stets ein figurbetontes schwarzes langes Hemd und eine lässige beige Leinenhose. Und die Schuhe – sie stechen ins Auge: Hellbraun mit Goldschnalle, lange Spitze. Sein Auftritt hat was von Michael Jackson. Sein Beruf auch: Kasun ist Musiker. Genauer: Gitarrist! „Wir spielen lokalen Pop, das geht in Richtung Soul. Nichts für die breite Masse“, grinst er. „Aber wenn es sein muss, dann spielen wir mit unserer Band auch Mainstream-Musik in den Touristenhotels. Die wollen das hören und zahlen gut!“

 

Kein Geld für Konzerte, keine Förderung vom Staat

Hochland

Gut – das sei aber relativ, gibt der Sunnyboy dann zu. Er wird kurz nachdenklich, sein Strahlen verblasst: „Egal was wir machen, es reicht nicht um davon zu leben. Die Hotelkonzerte sind zu wenig, bei öffentlichen Konzerten können wir nicht viel verlangen, denn die Srilankaner haben kein Geld. What to do?“ Kasuns Lösung ist weiß, 10 Jahre alt und klappert ein bisschen: Ein japanischer Minibus. “Ja, ich hab’s aufgegeben von der Musik zu leben. Ich verdiene einfach zu wenig. Jetzt bin ich Fahrer!“ Und deshalb sieht man ihn meist durch die Berge kurven. Er schippert Touristen von Königsstadt zu Königsstadt, von Tempel zu Tempel, von Teeplantage zu Teeplantage.

Denn Kasun lebt im Hochland, südöstlich der großen Stadt Kandy. Dort, wo die meisten historischen Sehenswürdigkeiten sind und dort, wo man ohne Probleme im langen schwarzen Hemd nicht schwitzt. „Seit der Krieg rum ist, strömen die Touristen nur so in die Berge. Europäer, Japaner, Chinesen und Einheimische. Vor 2009 waren das lange nicht so viele!“ Und von diesen Touristen lebt er jetzt.

 

Seit Kriegsende: Run auf die Königsstädte in den Bergen

 

Temep Moenche Kandy

„Das war hier alles Kriegsgebiet“, erzählt er und zeigt auf die mit Palmen und Tee bewachsenen steilen Hänge ringsrum. „Ein paar Orte weiter lebten Tamil Tigers, und hier, auf der anderen Seite lebten die Sub-Gruppen – Supporter der Tamil Tigers. Klar, wir hatten Angst, aber was sollten wir tun?“ Dann lacht er wieder sein Zahnpastalächeln und meint: „Aber jetzt sind wir glücklich, dass der Krieg rum ist. Das ist das einzige was ich unserem Präsidenten anrechne. Das einzige!“ Beim Stichwort Präsident verschwindet sein Lächeln wieder.

 

„Präsident? Eine gute Tat, aber nur eine…!“

Stattdessen schimpft er, erst verhalten, dann spricht er Klartext: „Der Präsident und seine über 60 Minister und x Staatssekretäre sind alle korrupt! Sie wirtschaften sich in die eigene Tasche. Und wir bekommen nichts. Ich liebe meine Musik, in anderen Ländern gibt es dafür einen Kulturtopf, Förderungen. Hier? Nichts! Den kleinen Leuten geht es nach wie vor nicht gut!” Es sei denn, meint er dann noch, sie leben an der Touristenküste. Im Westen oder Süden. Dort pumpe die Regierung Geld hinein, mit dem Southern Expresshighway, mit tollen Strassen, mit neuen H

otels. „Schau mal diese Schlaglochpiste an!“ Klar, nach Kandy und in die anderen Königsstädte kämen Touristen, aber das ist noch kein Vergleich zu den Touristenströmen an die Strände.

 

Prestigeprojekt in der Heimat des Präsidenten

Airport AutobahnAirport Hambantota

Kasun hat heute eine Tour aus dem Hochland nach Mirissa, einer Bilderbuchbucht im Süden. Die ersten 50 Kilometer hinauf auf über 2000 Höhenmeter ruckelt er mit seinem vollgestopften Minivan über eine grob geteerte Piste. Der Motor keucht und sprotzt im zweiten Gang. Doch je weiter er in Richtung Küste fährt, desto breiter werden die Straßen. „Hier, die Baustelle – das ist das Megaprojekt. Der neue internationale Flughafen hat gerade aufgemacht. Und hier bauen sie die Autobahn!“ Warum der Airport ausgerechnet hier, bei Hambantota, liegt? Kasun stöhnt, rollt genervt Augen: „Logo, das ist die Heimatstadt des Präsidenten! Das bringt denen jede Menge Arbeitsplätze, deshalb wählen sie ihn ja auch alle!“

 

„Wir waren schon immer gegen den `big boss´“

Im Hochland sei das anders. „Wir mögen den ‚big boss‘ nicht! Wir waren schon immer gegen ihn! Klar, deshalb bekommen wir auch keine Autobahn und keinen Flughafen!“ Aber ihm sei das egal, er sei stolz aus dem Hochland zu sein. Und wenn er weiter als Fahrer arbeiten muss! An die Touri-Küste will er auf keinen Fall ziehen! Dann zögert er kurz, rückt sich die verspiegelte Fliegerbrille auf die Nase, grinst breit und meint: „Ok, ein gutbezahltes Konzert in einem großen Touristenhotel im Süden oder Westen würde ich spielen – aber hinziehen? Never!“

“Jugend im Krieg? Wir kannten das Land gar nicht anders!” – Portraits. 1. Shiranka: “Ich wollte zur Armee!“  : http://bit.ly/shiranka

Jugend im Krieg 1: Shiranka, Teil 2: „Südkorea statt Armee“ : http://bit.ly/shiranka2

Jugend im Krieg 2: Dulan „Endlich Reisen – und zwar im ganzen Land!“       : http://bit.ly/dulan

Jugend im Krieg 3: Ugitha „Ehemaliges Kriegsgebiet? Great business!“ : http://bit.ly/ugitha

Jugend im Krieg 4: Caim und sein Dorf: vom Tamilencamp zum Party-Surfspot : http://bit.ly/caimsurf

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