Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Sue prustet los, sie kriegt sich nicht mehr ein vor lachen! Dem Bob-Marley-Double namens Runny neben ihr geht es genauso. Er hat schon Lachtränen in den Augen, klopft sich auf die Schenkel. Und das liegt weder an dem Gin-Tonic noch an dem Tütchen, das die beiden zwitschern oder daran, dass die beiden Restaurantbesitzer eh immer gut drauf sind. Nein, es lag an dem Witz. Er war gut, extrem gut, ein Brüller. Er lautet: „Sue, how do you choose your kitchen staff? What about the guy’s applications?” Ok, die Frage war naiv. Ich wollte provozieren, aber polictically correct! Aber dass ich damit so einen Brüller landen würde…?

 

„Application? No need!“

Die Ausnahme: vorbereitete Zutaten

Die Ausnahme: vorbereitete Zutaten

 

Die Britin Sue fährt sich durch ihr sonnengebleichtes Haar, kriegt sich so langsam wieder ein und meint lapidar: „Not at all! There is no application! They just show up!” Warum? Sue grinst, zeigt auf Runny, dem Bob-Marley-Double mit hochgesteckter Sonnenbrille und tiefsitzenden Surfshorts. Nonstop flitzt er zwischen den chilligen Sofas und den Holztischen am Strand hin und her – serviert Drinks, plaudert, flirtet mit den Gästen. „He’s my husband! And he’s local, he grew up in this little village.” Was sie damit meint? “Ok, this means that every other day some guy shows up saying: `Hi, I am your husband’s sister’s eighth son! `Or: `I am your husband’s uncle’s son’s cousin!` Or: `I am your husband’s sister’s fiancee’s brother’s nephew`!” “You know what I mean: FAMILY!!! Big thing here, holy. And big trouble, because you simply can’t turn them down!”

 

Die Crux mit der family

Family, family, family... jede Menge ungeschriebener Gesetze

Family, family, family… jede Menge ungeschriebener Gesetze

 

Den letzten Satz hat Runny mitgekriegt, er bremst ab, jongliert seine drinks und nickt heftig. „It is such a nightmare in this country. But this is the culture, the tradition. You have to employ family-members, if you like them or not, if they are qualified or not!” “It’s a disaster”, meint Sue. Aber sie muss lernen es zu akzeptieren. “I should have adapted to that, I have been in the country for eight years now. But it is just so hard. And frustrating.” Ihr größtes Problem: Sie ist “chef”, Köchin, beherrscht nicht nur die englische Küche, sondern die mediterrane, die vegetarische – und auch was Kuchen und Eis angeht, ist sie Profi. Nur: Sie darf in Sri Lanka nicht einfach in der Küche herumwirbeln. Egal ob es nun ihr Restaurant ist oder nicht.

 

Köchin Sue hat (staatliches!) Küchenverbot

 

Scharfe Gesetze: Wann darf ein Ausländer an den Herd?

Scharfe Gesetze: Wann darf ein Ausländer an den Herd?

Der Grund: „I have to first prove that no local is able to do that job. Which I easily could – but which is simply not accepted by the local authorities!” Denn keiner der vier Jungs, die sich in der Küche nebenan gerade etwas unbeholfen am Kürbis abmühen und versuchen den Brötchenteig auszuwellen, hat je zuvor in einer Küche gestanden. Genauso wenig, wie die Kellner die Basics beherrschen, grinst Sue. Also zum Beispiel: Wenn Gäste kommen bringt man ihnen die Karte – sofort und nicht nach 20 Minuten. Oder: Europäer mögen es, wenn alle am Tisch das Essen gleichzeitig bekommen, und nicht einer schon fertig ist wenn der letzte sein Essen bekommt. Oder: Die üblichen 1-1,5 Stunden Wartezeit auf das Essen ist nicht ok – nach westlichen Maßstäben. „But you know“, seufzt Köchin Sue, „you just can’t change their time-schedule. I often get the impression when the get an order they first have a cup of tea, a chat, think about how they could possibly do the “aubergine-gratin” (which by the way they have been doing for two months now!). I try to be patient, but sometimes it’s just freaking me out!”

 

Kitchenhand, Kellner, Koch: “Just a job to earn money”

 

Runny, Sues Mann, steckt sich die Sonnenbrille zurück – in den Gläsern spiegeln sich die Surfer am Strand und die Katamarane der Fischer. „My employees simply don’t take on any responsibility. For nothing! That’s the problem”, schnaubt er. “For the vast majority of them this is a job to earn money. Like driving a tuktuk, or selling biscuits. Nothing to do with passion, or amibition, or the desire to learn something. And so you are lucky if they do what they are told.”

 

4 Sorten Obst im Srilankan Muesli...das kann schon mal 1h dauern...

4 Sorten Obst im Srilankan Muesli…das kann schon mal 1h dauern…

Sue nickt, aber selbst das sei ein Pokerspiel. Heute hätte ein Gast gekochte Zucchini und Tomaten bestellt. Was kam: Bohnen und Karotten. Oder Mangolassi ohne Zucker: Was kommt: mit Zucker. „And everyday I have to show them over and over again what I have taught them for weeks now. How to get a perfect toast, how to make proper cappuccino. Or not to put veggies and meat in the same fridge. The next day I have to explain the same things from scratch again.” Und ausrasten bringe auch nichts, meinen die beiden Restaurantbesitzer. Denn: “The staff is family!”

 

Kündigung, Vertrag? „Are you kidding???“

 

3 Gerichte auf einmal - eine Herausforderung!

3 Gerichte auf einmal – eine Herausforderung!

Runny setzt sich, wird auf einmal ernster. Er ist ja selbst hier aufgewachsen, konnte nur bis er zehn war zur Schule gehen, dann musste er fischen, Geld verdienen. Doch er hat sich hochgearbeitet, hatte Ehrgeiz. Beim Dänen ein paar Häuser weiter hat er in einem Guesthouse angefangen zu kellnern. „I wanted to know how the Europeans do it, and he taught me a lot.” Runny steht auf, zeigt auf die Holzterrasse, die drei Bungalows dahinter, die Hängematten am Strand. „Today I am a rich man. This is my restaurant“, meint er, stolz, aber nicht arrogant. „But I am struggling with my staff. With the pressure to employ family-members. With the stupid unwritten law that you can’t kick them out, without getting in trouble with the whole family-clan.”

 

Sue versucht es entspannt zu sehen. „You know, the best thing that can happen is that those guys who are just no use decide that this job here was `too hard`! And they simply don’t turn up anymore. Was denn dann passiert? Kündigung, Auflösung des Arbeitsvertrags? Die zwei prusten schon wieder los, bingo, der zweiter Knüller des Tages: “Contract? Dismissal? Are you kidding???”

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