Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Das nenne ich mal Rechercheglück: Wochenlang habe ich mir die Finger wundgeschrieben, um schon von zu Hause aus Kontakt zu Ansprechpartnern in Sachen chilenische Studentenbewegung zu bekommen, doch der Rücklauf war mager. Notgedrungen warf ich meinen deutschen Planungsdrang zu Gunsten südamerikanischer Gelassenheit über Bord und flog mit dem Gedanken los, dass der Rest sich vor Ort schon irgendwie finden würde. Und dann entpuppen sich doch tatsächlich die ersten Chilenen, mit denen ich nach der Landung in Santiago spreche – zwei Damen, die mich freundlicherweise auf ihrem Metro-Ticket vom Flughafen mit in die Stadt nehmen – als Dozentinnen der Universität von Concepción. Auf der Fahrt erzählen sie mir, wie sie die großen Studentenproteste 2011 und 2012 erlebt haben, was sich im Bildungssystem seither konkret geändert hat (wenig) und dass in Concepción derzeit zwar nicht die Studenten, aber die Schüler auf der Straße sind. Das trifft sich gut, denn da will ich dieser Tage auch noch hin.

Nach dieser günstigen Fügung zum Auftakt überlege ich kurz, mich einfach in die nächste Kneipe zu setzen und darauf zu warten, dass ein Studentenführer um die Ecke kommt, mache mich dann aber doch auf den Weg, um die Büros der Studentenvereinigungen der Unis in Santiago abzuklappern. Die „Federaciones de Estudiantes“, die die Proteste organisieren, sind hochprofessionell aufgestellt und bringen sich regelmäßig in die politische Debatte ein. Mit dem deutschen Asta sind sie kaum zu vergleichen.

An der Universidad Católica de Chile habe ich Glück und treffe auf die Pressefrau der Studentenvereinigung FEUC. Spätestens seit dem bisherigen Höhepunkt der Auseinandersetzungen vor zwei Jahren, als hunderttausende Studenten und ihre Unterstuetzer demonstrierten, haben fast alle Studentenvereinigungen festangestellte Kommunikationsleute, die hier „periodistas“ heißen – Journalisten. So viel zur Trennung von Journalismus und PR. Nun, Veronica Muñoz kann man jedenfalls kaum vorwerfen, nicht hinter der Sache zu stehen, für die sie Öffentlichkeitsarbeit macht. Eigentlich gehen wir nur in ihr Büro, um einen Termin für ein Interview mit dem Vorsitzenden auszumachen, aber dann erzählt sie mir „zur groben Einordnung“ nochmal die ganze unselige Geschichte des chilenischen Bildungswesens: wie sich unter Pinochet die ultraliberalen Chicago Boys austoben durften und das System umfänglich privatisierten, wie Schule und Universität seither zu einem Geschäft geworden sind, bei dem viele Familien nur unter erheblichen finanziellen Anstrengungen mitmischen können, und warum sich ihrer Ansicht nach an der Zukunft des Bildungssystems die Zukunft des ganzen Landes entscheiden wird.

Fast drei Stunden lang berichtet sie, während die anderen Mitarbeiter schon Feierabend machen und die Putzfrau um uns herum leere Kaffeetassen und Pappschachteln wegräumt und vorsichtig riesige Papierstapel hin- und herschiebt. Bei allen Unterschieden: Hier sieht es absolut so aus wie beim Asta.

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