Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Guillermo macht keinen Hehl daraus, was er von Sebastián Piñera hält. „Mentiroso!“, schimpft der alte Mann – Lügner. Auf dem Fernseher in Guillermos Kiosk in Valparaíso läuft die Übertragung der Rede zur Lage der Nation, die der chilenische Präsident gerade ein paar Straßenzüge weiter im Kongress hält. Fast drei Stunden lang spricht Piñera an diesem Morgen, es ist die letzte große Rede seiner zu Ende gehenden Amtszeit. Die Bilanz des Staatsoberhauptes fällt erwartungsgemäß positiv aus, große Fortschritte habe das Land gemacht. „Chile ist heute ein besseres Land, um dort zu leben, zu lernen, zu arbeiten.“ Guillermo mag all das nicht hören, er schaltet den Fernseher schon nach einer Viertelstunde aus. Weder in der Bildung noch in der Gesundheit oder in anderen wichtigen Bereichen habe sich etwas verbessert, sagt er und erzählt von seiner kranken Frau, die kaum mehr die Stufen zu ihrer Wohnung hinaufkomme. Doch vom chilenischen Gesundheitssystem, das ebenso wie das Bildungswesen größtenteils privatisiert ist, sei für Familien wie die seine nicht viel zu erwarten. „Piñera interessiert sich doch nur für sich selbst und seine reichen Unternehmerfreunde“, klagt der Ladenbesitzer über den Präsidenten, der Miteigentümer der Fluglinie „Lan“ und einer der wohlhabendsten Männer des Landes ist. Seine Hoffnungen setzt Guillermo auf Michelle Bachelet, die bei den Präsidentschaftswahlen Ende des Jahres für die Sozialistische Partei antritt. Schon einmal, von 2006 bis 2010, führte sie die Regierung. Guillermo strahlt, wenn er über sie spricht. „Was Michelle sagt, kommt von Herzen.“

Die Studenten, die sich ganz in der Nähe zu einem Protestmarsch in Richtung Kongress versammeln, sehen das nicht unbedingt genauso. Sie teilen Guillermos Kritik am amtierenden Präsidenten und seiner Mitte-Rechts-Regierung, aber auch zu den anderen Parteien haben viele von ihnen kein Vertrauen. Auf dem Plaza de la Victoria, wo die Demonstranten zusammenkommen, wird mit Handzetteln für eine populäre Kampagne zur Nicht-Wahl geworben. Neben den jungen Leuten strömen immer mehr Lehrer und Gewerkschafter herbei, gemeinsam haben sie zu dem Marsch aufgerufen. Riesige Banner werden ausgerollt, eine Gruppe von Schülern mit weiß geschminkten Gesichtern und Tornistern auf dem Rücken führt eine Art Protest-Performance auf. Doch ein Spiel wird der Demonstrationszug nicht bleiben. Später fliegen Steine und Molotov-Cocktails, die Polizei setzt Wasserwerfer und Tränengas ein. Guillermo hat seinen Laden rechtzeitig verrammelt.

 

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