Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Kranwald an Tangers Küste

Ein Junge lehnt an der Leitplanke in einem Kreisverkehr. Er hält zwei Plastikbeutel mit Pistazien in der rechten Hand und schwenkt sie lässig. Aber niemand hält, um ihm welche abzukaufen.

Anfang März ist es frisch am Cap Spartel, dem mythischen Ort vor den Toren des marokkanischen Tanger, wo Atlantik und Mittelmeer sich treffen. Die Touristen machen sich noch rar, nur ein paar aufgebrezelte Marokkaner(innen) unterhalten sich lautstark im Restaurant neben dem Leuchtturm und wollen wohl darauf aufmerksam machen, dass sie zum Jetset gehören. In der Tat folgen bald die Blicke der wenigen anderen Gäste den kurzen Röcken und dem funkelnagelneuen französischen Auto.


An der Straße Richtung Süden halten ein paar ältere Jungs Kamele am Halfter. Einer ist einer jungen Touristin behilflich, die beim Absteigen keine besonders gute Figur macht und der die Sache sichtlich nicht geheuer ist. Die anderen Kamele haben frei und mahlen freundlich vor sich hin.

Wir sind nicht hier, um die Aussicht auf den heute überraschend ruhigen Atlantik zu genießen, Perlenketten zu kaufen oder uns auf einem Kamel am Strand entlang schaukeln zu lassen. Wir sind hier, weil es südlich vom Cap Spartel auch im Wortsinne Bahnbrechendes zu beobachten gibt: Die 45 Kilometer Atlantikstrand bis in die nächste Stadt Asilah werden nach und nach touristisch erschlossen. Das gleiche geschieht im Tangers Osten, um das Cap Malabata herum. Doch die dort entstehenden Hotels und Hotelanlagen muten fast niedlich an im Vergleich mit der Westküste – hier wird ein ganzer Landstrich umgepflügt, König Mohammed VI. persönlich hat Tanger zum neuen touristischen Zentrum Marokkos ausgerufen – nicht zuletzt für ihn selbst, der gleich mehrere Paläste am Cap Spartel besitzt. Und sein Ruf scheint Gehör gefunden zu haben: An den Küsten sind die Pinien- und Eukalyptuswälder abgeholzt und durch einen Wald von Kränen ersetzt worden.

Die Filetgrundstücke haben sich allerdings Investoren aus den arabischen Bruderländern gesichert: Bahrain baut ein Golf Resort direkt auf die Spitze des Cap Malabata – das nach deutschen Maßstäben wahrscheinlich ein Naturschutzgebiet sein müsste. Am meisten regt aber meinen sonst sehr gleichmütigen marokkanischen Begleiter der von Europäern angelegte Friedhof für Katzen und Hunde im reichen Viertel „Kalifornien“ auf – gleich neben Golfplatz und Cricketclub. Direkt neben den königlichen Ferienhäusern baut Qatar, weiter am Strand entlang stampfen libanesische Bauherren einen großen Hotelkomplex aus dem Boden. Den marokkanischen Bauherren sind meist die Grundstücke in der zweiten Reihe vorbehalten, hinter der Uferstraße. So wie vermutlich in den vielen Hotelzimmern und Appartements weniger Marokkaner einziehen werden als vielmehr europäische Touristen und Investoren aus den Golfstaaten.

Ein Investor aus Qatar baut einen neuen Golfplatz mit entsprechenden „Résidences“ – und daneben biegt man ab zum Strand und zum größten Investitionsprojekt an der Küste vor Tanger: Tinja. Tinja ist eine Art neue Stadt, die von der Firma Emaar aus den Vereinigten Arabischen Emiraten gebaut wird (nicht zufällig die Firma, die auch die komplette Umgestaltung der Innenstadt von Dubai besorgt hat).

Wir betreten ein Gebäude, das die Ausmaße und die Atmosphäre eines Museums für moderne Kunst hat. Dabei ist es doch nur das Verkaufsbüro von Emaar. Tatsächlich sind die Modelle der Häuser in diesem Wohn- und Tourismuskomplex in Glasvitrinen ausgestellt. Eine junge Frau empfängt mich in perfektem Französisch, erkundigt sich nach meinem Namen, stellt sich selbst aber nicht vor. Auch sonst legt sie eine etwas unterkühlte Freundlichkeit an den Tag, die vielleicht ihre Skepsis mir gegenüber als potentieller Käuferin signalisiert, vielleicht aber auch gegenüber ihrem Arbeitsplatz: Wir diskutieren über die verschiedenen Größen und Arten von Villen, die Emaar in Tinja anbietet, insgesamt 250 Einheiten auf 300 Hektar, dazu Hotels, Restaurants, Reit- und Sportclub. Einige Villen sind ohne Swimming Pool geplant, und um sie ein wenig aus der professionellen Reserve zu locken, frage ich die Verkaufs-Agentin, ob man den Pool denn noch zusätzlich bestellen könne – ein absurdes Gespräch auf dem afrikanischen Kontinent. Natürlich, antwortet sie gelassen, allerdings sei ich spät dran: die in der ersten Phase zu verkaufenden Villen seien bereits fast alle weg. Die Preise beginnen bei umgerechnet einer halben Million Euro.

Diese Zahl habe ich im Kopf, als wir aus der sonderbar klimatisiert-aseptischen Atmosphäre wieder nach draußen treten. Eine Kuh weidet am Straßenrand. Zwei Männer tragen große Plastiksäcke auf den Schultern – wahrscheinlich suchen sie Arbeit auf einer der Baustellen. Aus dem ganzen Land reisen sie nach Tanger, um vom touristischen Bauboom ein Scheibchen abzukriegen. Wieder kommen wir an Kindern vorbei, die an Kreuzungen Pistazien verkaufen. Die Kontraste an der Küste von Tanger kann selbst das sanfte Märzlicht nicht weichzeichnen.

Dina Netz, Tanger, 5.3.2010

Archive