Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Wieder einmal liegt Tränengas in der Luft von Santiago. Passanten ziehen ihre Schals vors Gesicht und eilen weiter. Die Proteste gegen das Bildungssystem gehören in Chiles Hauptstadt fast schon zum Alltag – genau wie das wenig zimperliche Vorgehen der Polizei gegen die jungen Demonstranten. Die sind vorbereitet und absolvieren den Tag mit gewohnheitsmäßiger Gelassenheit. Zwei Mädchen mit rot verquollenen Augen stehen etwas abseits und gönnen sich eine Pause. Sie kauen auf Zitronen, was den Reiz lindern soll.

Diesmal sind es die Schüler, die zu dem Protestmarsch aufgerufen haben. Sie waren es auch, die die ganze Bewegung, die heute vor allem als Studentenbewegung firmiert, überhaupt ins Rollen brachten. Als „Aufstand der Pinguine“ wurden ihre Streiks und Kundgebungen im Jahr 2006 bekannt – wegen des Bildes, das die Demonstranten in ihren Schuluniformen abgaben. Ein Großteil der chilenischen Schulen lag damals monatelang brach. Seither ist es nie wieder richtig ruhig geworden in den Lehranstalten, für viele Jugendliche ist Protest der Normalzustand. In Gesprächen bin ich stets aufs Neue überrascht, wie politisch schon die ganz jungen Chilenen sind.

„Das war aber nicht immer so, sondern ist eine Entwicklung der letzten Jahre“, sagt der Soziologe Alberto Mayol von der Universidad de Chile. Für die Zeit davor bescheinigt er dem Land eine regelrechte „Depolitisierung“. Die Leute hätten sich hauptsächlich für ihre eigenen Probleme interessiert, im Fernsehen habe es nur eine einzige politische Sendung gegeben. Für Mayol handelt es sich denn auch nicht bloß um einen Studentenaufstand, sondern um eine umfassende soziale Bewegung, und zwar eine „mit großem Erfolg“. Dabei hat sich konkret wenig geändert, oder? „Der Wandel könnte kaum beeindruckender sein“, widerspricht Mayol. Wenn die Regierung den Studenten auch nur kleine Zugeständnisse gemacht habe, dann doch solche, die ihrer neoliberalen Philosophie völlig widersprechen. Vor allem aber: „Die Bewegung hat die öffentliche Bühne erobert.“ Mayol ist sicher: „2014 und 2015 werden wir große Veränderungen sehen.“

„Diese Wahrnehmung habe ich nicht“, sagt Elizabeth Simonsen. Die Analyse der Bildungsjournalistin von „La Tercera“, einer der großen Tageszeitungen Chiles, fällt nüchterner aus, obwohl sie Mayols Kritik am Bildungswesen teilt. So wie der Soziologe hat sie ein Buch über die Proteste und ihren Hintergrund geschrieben. Es heißt „La Mala Educación“, wobei das zweite c durch das Symbol des chilenischen Peso ersetzt ist. Bildung in Chile, das ist auch nach Simonsens Dafürhalten vor allem eines: ein einträgliches Geschäft. Dass der Staat private Anbieter von Schul- und Hochschulbildung in so erheblichem Umfang unterstützt, ohne Gewähr für die Qualität zu übernehmen, sei einmalig auf der Welt – ebenso wie die Preisspirale, die dieses Modell in Gang gesetzt hat. „Fast nirgendwo ist Studieren so teuer wie in Chile.“ Baldige, umfassende Veränderungen hält Simonsen für unwahrscheinlich. Auch den Optimismus von Alberto Mayol, wonach die Studenten und ihre Belange zumindest ernster genommen würden, teilt sie nicht. Immerhin: Bei „La Tercera“ hat sich die Debatte bereits niedergeschlagen: Seit 2006, dem Jahr des Pinguinaufstands, gibt es dort ein eigenes Ressort für Bildung.

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