Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Chile ist ein Land extremer Gegensätze. Gerade erst hat die OECD dem Andenstaat wieder bescheinigt, Südamerikas Musterknabe in Sachen Wirtschaftswachstum zu sein. 2013 und 2014, so die Prognose der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, wird kein anderes Mitglied sein Bruttoinlandsprodukt so stark steigern wie Chile. Zugleich jedoch mahnen die Experten erneut an, dass der Wohlstand nirgendwo sonst im OECD-Zirkel so ungleich verteilt ist. Die soziale Schere geht in Chile nach wie vor erheblich auseinander.

Was das bedeutet, kann man schon in Santiago sehen, wo sich im Westen der Stadt einfache, ebenerdige Behausungen dicht aneinander drängen, während im Osten die schmucken Bürotürme von Las Condes in die Luft ragen und die Bürgersteige so blendend weiß sind, als würden sie täglich sandgestrahlt. Doch man sieht es noch deutlicher und konzentrierter in Concepción, findet Oscar Link. Er ist Professor an der Universität der 210.000-Einwohner-Stadt rund 500 Kilometer südlich von Santiago. „Ich glaube, die soziale Ungleichheit ist auch die Erklärung für die Schüler- und Studentenproteste“, sagt der Ingenieur und nimmt mich mit auf eine kleine Tour durch seine Stadt.

Vom Uni-Viertel aus muss man nicht weit fahren, um mitten in einer der ärmsten Siedlungen Concepcións zu landen. Zusammengezimmerte Hütten und ungepflasterte Straßen prägen das Bild. Schulkinder springen über tiefe Pfützen, eine abgewetzte chilenische Flagge weht im Wind. Hinter den schiefen Dächern jedoch kann man schon das neue Einkaufszentrum „Mall Plaza“ mit dem Multiplex-Kino erkennen, und in der anderen Richtung, ebenfalls nur einen Steinwurf entfernt, beginnt Lonco. Das Viertel gilt als bevorzugte Adresse der wohlhabenden Einwohner von Concepción. Je weiter man der Straße den grünen Hügel hinauf folgt, desto moderner werden die Häuser und desto teurer die Autos davor. Schilder preisen weitere hochkarätige Bauprojekte an, auf den ordentlich angelegten Spielplätzen sitzen die „nonnas“, die Kindermädchen der hier lebenden Familien, mit ihren Schützlingen.

„So groß sind die Unterschiede auf so kleinem Raum“, sagt Oscar Link auf dem Weg zurück zur Uni. Die Logik der sozialen Ungleichheit setzt sich im Bildungssystem fort. Das beginnt bei der Wahl der Schule, wobei Eltern alles tun, um ihrem Kind den Besuch einer öffentlichen Einrichtung zu ersparen, der ihre Zukunftschancen erheblich schmälern würde. Und die Segregation geht im Studium weiter. Um an eine der traditionellen, angesehenen staatlichen Universitäten oder eine der führenden Privathochschulen zu kommen, muss man entweder finanzstarke Eltern haben oder überdurchschnittliche Noten, die für ein Stipendium qualifizieren – das hinterher freilich zurückgezahlt werden muss.

Auch in Concepción beteiligen sich die Studenten angesichts der Missstände immer wieder an den landesweiten Protesten, die 2011 ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten. „Der Lehrbetrieb stand damals monatelang still“, erinnert sich Oscar Link. Er habe die Zeit immerhin für Büroarbeit nutzen können, weil die Ingenieursfakultät im Gegensatz zu anderen nicht von den Protestierenden besetzt war. Erst kurz bevor die Studenten das Semester ganz zu verlieren drohten, kehrten sie zurück in die Seminarräume. Ob Link als Professor Verständnis für ihre Anliegen hatte? „Im Grunde sind wir uns in Chile alle einig, dass sich im Bildungswesen etwas ändern muss.“ An den Protesten teilgenommen habe er, anders als mancher Kollege, aber nicht. Zu gering ist der Glaube des Wissenschaftlers daran, dass die Politik das bestehende System in naher Zukunft reformieren wird. „Funciona mal, pero funciona“, sagt er mit resigniertem Schulterzucken. „Es funktioniert schlecht, aber es funktioniert.“

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