Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

„In Chile ist es einfacher, eine Schule aufzumachen als eine Kneipe.“ Wie oft habe ich diesen Satz hier schon gehört? Und was für Schulen gilt, scheint auch auf Universitäten zuzutreffen. Das Land ist gepflastert mit Unis, seien sie öffentlich, privat oder vom Staat bezuschusst. Anders als Schulen dürfen Universitäten laut Gesetz zwar nicht nach Gewinn streben, sie müssen alle Einnahmen reinvestieren. Doch die Eigentümer haben Wege gefunden, dieses Verbot zu umgehen. Sie eröffnen außeruniversitäre Institute, Krankenhäuser oder Fernsehsender, die durchaus Profit machen dürfen. Eine weitere verbreitete Strategie besteht in der Gründung von Immobilienfirmen. Diese Firmen, hinter denen letztlich die gleichen Personen stehen wie hinter der Universität, vermieten dieser zu überteuerten Preisen Gebäude und ziehen damit das Geld aus den Einrichtungen. Ein Fall, in dem dieses System zuletzt auf dramatische Weise zu Tage trat, ist der der „Universidad del Mar“. Inzwischen hat die Regierung die Schließung der Universität für Anfang 2015 verfügt. Tausende Studenten haben viel Zeit und Geld investiert und stehen nun vor dem Nichts.

„Ganz ehrlich? Ich weiß nicht, was ich machen werde“, sagt Susana Giacaman. Die 29-Jährige hat an der Universidad del Mar Ernährungswissenschaften studiert und stand kurz vor dem Abschluss, als die Hochschule havarierte. Seit einem Jahr findet de facto keine Lehre mehr statt, doch die Studienkredite der jungen Frau laufen weiter. Rund 30.000 Euro Schulden hat sie bei verschiedenen Banken. Derzeit arbeitet sie in einer Kneipe, vier Nächte die Woche, bis morgens um fünf. Daneben wälzt sie Gerichtsakten und schreibt Petitionen. Giacaman hat sich an die Spitze der Studenten gestellt, die sich von den Eigentümern der Universidad del Mar um nicht weniger als ihre Zukunft gebracht fühlen. Mehrere Verfahren haben sie angestrengt. „Das war Betrug und wir werden dafür nicht bezahlen.“

Giacaman ist eine bildschöne junge Frau mit wachen, stolzen Augen, lebhaft in der Diskussion und klar in der Analyse. Sie gibt sich kämpferisch. Doch wenn sie von ihren Erfahrungen erzählt, scheint auch eine Müdigkeit durch, die kaum verwundern kann. Giacamans Uni-Karriere zeigt beispielhaft viele der Probleme und Ungerechtigkeiten auf, die das chilenische Bildungssystem prägen. Nach der Schule hatte sie zunächst einen Platz an der Universidad de Santiago ergattert, einer der renommierten staatlichen Hochschulen. Ihr Psychologie-Studium nahm jedoch im zweiten Jahr ein jähes Ende, als ihr Onkel sich ein Haus kaufte und damit als Bürge ihres Studienkredits – Zinssatz: 7 Prozent – ausfiel. „Ich musste mir ein günstigeres Studium suchen.“ Ihre Wahl fiel auf Ernährungswissenschaften an der Universidad del Mar. Zwar kostete der Studiengang mit drei Millionen Peso pro Jahr (rund 4.500 Euro) etwa ebenso viel wie der bisherige, doch die Privat-Uni warb mit einem hauseigenen, zinsfreien Kredit.

Viele junge Leute aus ähnlichen Verhältnissen wie Susana, deren siebenköpfige Familie zwar zur chilenischen Mittelklasse zählt, die immensen Kosten für die Hochschulbildung ihrer Kinder aber nicht aus eigenen Mitteln stemmen kann, nahmen die Gelegenheit wahr. Die Universidad del Mar, einst als kleine Regionaluniversität gestartet, wuchs binnen weniger Jahre um ein Vielfaches. Immer mehr Standorte sprossen aus dem Boden, von Punta Arenas ganz im Süden des Landes bis nach Arica im hohen Norden. Zu ihren Hochzeiten zählte die Uni mehr als 20.000 Studenten. Irgendwann stellte sich heraus, dass die Studienkredite doch an Banken weiterverkauft worden waren – plötzlich fielen Zinsen an. „Als nächstes kamen Gerüchte auf, dass Dozenten nicht bezahlt wurden“, sagt Giacaman. War das Personal schon vorher eher mittelmäßig, nahm die Qualität weiter rapide ab. Die Frau, die zuletzt Giacamans Fakultät leitete, wurde jüngst von einem Gericht verurteilt: Sie hatte jahrelang mit falschen Zeugnissen als Ärztin praktiziert.

Giacaman erzählt all das im Café eines großen Kulturzentrums, das gleich vor der „Moneda“ liegt, dem Präsidentenpalast im Herzen Santiagos. Blickte Staatsoberhaupt Sebastian Piñera aus dem Fenster, sähe er freilich nur einen weiläufigen, leeren Platz. Das Kulturareal mit Ausstellungen, Kino und Gastronomie liegt unterirdisch. Von den Regierenden unbeachtet, außerhalb ihres Blicks – so fühlt sich Giacaman auch angesichts ihrer Probleme mit der Universidad del Mar. Das Bildungsministerium hielt sich lange zurück, obwohl sich das Debakel abzeichnete. Die Hochschulen genießen in Chile weitreichende Freiheiten, staatliche Kontrolle gibt es kaum. Erst auf öffentlichen Druck hin nahm die Regierung sich des Falls an. „Weder die Polizei noch das Ministerium haben etwas unternommen, das waren allein wir Studenten und ein paar investigative Journalisten“, sagt Giacaman. Letztlich musste Bildungsminister Harald Beyer wegen der Angelegenheit sogar seinen Hut nehmen, doch Giacaman hält das für „Show“. Die Regierung versuche lediglich den Eindruck zu vermitteln, als tue sie etwas. Auch die Zusage, den Studenten beim Wechsel an andere Unis zu helfen, sei bislang ein leeres Versprechen geblieben. „Die einzige Hilfe bestand darin, uns eine Liste mit Hochschulen zu geben.“ Dort müssten die jungen Leute freilich in der Regel von Neuem beginnen, ihre Studienleistungen der Universidad del Mar sind ohne großen Wert. Doch ein Neuanfang ist für viele Kommilitonen Giacamans schon aus finanziellen Gründen nicht möglich. „Die Schulden zwingen sie, sich eine Arbeit zu suchen.“ Nicht wenige von ihnen, vermutet die junge Frau, werden ihr Studium niemals fortsetzen.

Archive