Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Guten Morgen und sonnige Grüße aus Paramaribo, der Hauptstadt der kleinen Republik Suriname!

Die allermeisten von Ihnen kennen sicherlich Michael Moore!? 1989 veröffentlichte dieser einen mehrfach ausgezeichneten Dokumentarfilm über zahlreiche Fabrikschließungen in seiner Heimatstadt Flint, Michigan. Moore nannte den Film „Roger & Me“, womit er auf den damaligen Vorstandsvorsitzenden von General Motors (Roger Smith) anspielte. Immer wieder sieht man, wie sich Moore erfolglos um ein Interview mit Roger Smith bemüht. Die zahlreichen gescheiterten Versuche bilden ein zentrales Motiv im Verlauf des Films. Nun befinde ich mich weder in den USA, noch habe ich irgendetwas mit GM zu tun und doch drängt sich hier ein Vergleich auf: Seit sechs Wochen bin ich auf der Suche nach Desi Bouterse, dem Präsidenten von Suriname. In Anlehnung an Michael Moore kann ich sagen: Ich habe gemailt, geschrieben, telefoniert und persönlich vorgesprochen. Zweimal habe ich es bis in sein Vorzimmer geschafft und seine Pressesprecherin hatte mir schließlich auch einen konkreten Termin in Aussicht gestellt. Es folgten weitere Anrufe und weitere Emails. Gestern erreichte mich dann die Nachricht, dass der Präsident nun leider doch andere Termine wahrnehmen müsse und auch niemand sonst aus dem Kabinett für ein Interview zur Verfügung stehe.

2013-08-29 11.49.16

Gleich zu Beginn meiner Recherchen hatte ich mir überlegt, dass es wohl das Beste sei, einfach ins Parlament zu gehen und den Präsidenten in Aktion zu beobachten. Irgendeine Sitzung, vielleicht zu irgendwelchen landwirtschaftlichen Themen, bei denen sich die Abgeordneten gegenseitig anbrüllen und am Ende zusammen ein Bier trinken. Doch nichts davon bekam ich zu sehen. Auch hier schaffte ich es zweimal bis in den Presseraum neben dem Sitzungssaal. Am Eingang hatte man mir ein kleines gelbes Kärtchen aus Pappe gegeben und den Hinweis, dass die Sitzung um 11 Uhr beginnen werde. Sieben Stunden wartete ich zusammen mit den lokalen Journalisten. Erst sahen wir Tennis und danach Fußball im Fernsehen. Als es langsam dunkel wurde, ging ein Mitarbeiter in den Vorgarten des Parlaments, holte die surinamische Fahne ein, faltete sie sorgfältig und brachte sie ins Gebäude, wo man uns auf Nachfrage mitteilte, dass die Sitzung vertragt sei. Dann fügte er hinzu: „Jetzt ist aber erstmal Sommerpause. Das Parlament trifft sich wieder Anfang Oktober.“

Es wollte einfach nicht klappen mit Desi und mir. Letztendlich erfuhr ich, dass ich am falschen Ort gesucht hatte: Der Präsident ist bereits seit längerer Zeit des Parlaments verwiesen. Ja, Sie haben richtig gelesen, der Präsident darf das Parlament durch richterlichen Beschluss vorerst nicht betreten. Begründung: Er war monatelang abwesend, was gegen die Geschäftsordnung der „Nationalen Assemblee“ verstößt. Desi Bouterse ist wohl in jeder Hinsicht ein besonderer Mann und ich werde ihm sicherlich noch viele Zeilen widmen. Von großen Teilen des Volks wird der frühere Feldwebel geliebt und zwar obwohl er vor fast genau 30 Jahren die demokratisch gewählte Regierung stürzte, einen Bürgerkrieg vom Zaun brach und jegliche Beziehungen zu den Niederlanden (die frühere Kolonialmacht) beendete. Im vergangenen Jahr schrieben die Zeitungen: „Der Präsident begnadigt sich selbst.“ Desi Bouterse war Hauptangeklagter in einem Mordprozess, in dem die Tötung von 15 Oppositionellen geklärt werden sollte. Im Fort Zeelandia sind noch heute die faustdicken Einschusslöcher an den Mauern zu sehen. Ein bedrückender Anblick. Aus den Schulbüchern hat Bouterse die entsprechenden Kapitel entfernen lassen und auf der Straße will niemand etwas von diesen „alten Geschichten“ wissen.

 

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