Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Willkommen zu meinem dritten Blogeintrag. Der Text handelt von Flüchtlingen und Grenzkonflikten.

Kurz bevor ich in das Boot steige frage ich den Bootsmann, ob ich nicht irgendeinen Stempel brauche. Der aber klopft mir nur auf die Schulter und sagt „hier nicht“. 20 SRD, also ziemlich genau 4,50 Euro kostet die Überfahrt in seinem schmalen Holzboot. Mindestens 25 weitere Boote verkehren zwischen den beiden Ufern. Sechs Minuten dauert es, dann bin ich in Saint-Laurent du Maroni und damit in Frankreich. Letztendlich also auch in der Europäischen Union. Mit mir haben noch vier andere Personen den Fluss überquert. Zwei Frauen haben große Koffer bei sich. Plötzlich sind alle Passagiere verschwunden. Auf diese Weise gelangen jährlich tausende Menschen über den Fluss. Während des Bürgerkrieges im Osten Surinames kamen gut 5.000 Flüchtlinge nach Saint-Laurent. Von den rund 200.000 Einwohner in Französisch-Guyana sollen etwa 70.000 aus Suriname stammen. Eine stolze Zahl. Kinder die hier zur Welt kommen, erhalten automatisch die französische Staatsbürgerschaft und damit auch Anspruch auf alle Sozialleistungen. Am Strand gibt es keine Polizei, keine Kontrolle, nur ein paar Einheimische, die sich ein paar Taler verdienen wollen und an meinem Rucksack zerren. Taxi hier, Taxi da, man versucht ein paar kleine Geschäfte mit mir zu machen. Als ich mich umdrehe, ist das Boot schon wieder weg. Ich laufe an der Küste entlang in Richtung Zentrum, vorbei am offiziellen Grenzposten. Jeder muss hier lang und jeder weiß, was hier täglich passiert. Ich betrete das Gelände, mache Fotos von Schildern auf denen „France“ steht, laufe vorbei zum Pier, sehe mich überall um und gehe dann langsam zurück auf die Straße. In den Geschäften verkauft man hier Rotwein und Weißbrot. In der Stadt fahren nur französische Autos: Peugeot, Citroen und Renault. Den Leuten geht es besser als auf der anderen Seite des Flusses.

2013-09-22 10.40.02

Suriname grenzt im Norden an den Atlantischen Ozean, im Osten an Französisch-Guyana, im Süden an Brasilien und im Westen an Guyana (früher: Britisch-Guyana). Da es keine Brücken gibt, wird der Transport mit kleinen Booten abgewickelt. Nur Autofahrer sind noch auf die staatliche Fähren angewiesen, die zu klar definierten Zeiten zwischen jeweiligen Ländern verkehren. Nur hier gibt es tatsächlich Passkontrollen. Die gleiche Szenerie auch an der Grenze zu Guyana. Ohne das wir darüber gesprochen haben, bringt mich der Taxifahrer wie selbstverständlich zum „Backtrack“ – der illegalen Route über den Corantijn. Die Fahrt kostet hier 40 SRD und dauert etwas weniger als eine halbe Stunde. Im schmalen Boot sitzen etwa 20 Personen, die sich alle unter einer Plastikplane verstecken. Das Wasser spritzt so sehr, dass man trotz Regenschutz klatschnass wird. Im Sekundentakt prallt das Boot gegen die Wellen. Immer wieder schlägt es hart auf und irgendwie hat es Schräglage. Rettungswesten gibt es nur für die beiden Säuglinge an Bord. Keiner sagt etwas. Am sumpfigen Ufer erwarten mich auch hier nur Taxifahrer und Händler. Das Wasser steht hoch und der Anlegesteg befindet sich halb unter Wasser. Erst jetzt bin ich tatsächlich in Guyana. Der Fluss gehört bis zum Ufer vollständig zu Suriname.

Die beiden Länder hatten sich lange Zeit um dieses Gebiet gestritten, nachdem hier bereits vor Jahrzehnten enorme Ölvorkommen entdeckt wurden. Vor einigen Jahren schickte die surinamische Regierung zwei Kanonenboote um den Forderungen Nachdruck zu verleihen. Schließlich trafen sich beide Parteien vor einem internationalen Schlichtungskomitee. In Paramaribo glaubte man den besseren Deal gemacht zu haben. Der größte Teil der Ölfelder ging dann aber schließlich an Guyana. Trotzdem ist Öl inzwischen zum Motor der surinamischen Wirtschaft geworden. In den vergangenen Jahren profitierte das Land vom stark steigenden Ölpreis. Die Einnahmen aus dem Ölgeschäft übersteigen inzwischen die Gewinne aus den klassischen Bereichen Gold, Bauxit und Holz. Die staatliche Ölgesellschaft hat in jeder Schule des Landes eine große Weltkarte an die Wände malen lassen. Im Maßstab ist Suriname immer ein ganzes Stück größer, als es in Wirklichkeit der Fall ist. Die offizielle Fläche beträgt rund 160.000 km² – etwa viermal so groß wie die Niederlande. Vor allem aber sind auf diesen Karten auch die Regionen zu sehen, die zwar niemals zu Suriname gehörten, aber stets von der Regierung beansprucht wurden. Auch ein Teil von Französisch-Guyana ist darauf abgebildet. Seitdem der Konflikt im Jahr 2007 beigelegt wurde, wird entlang des gesamten Küstenabschnittes Öl gefördert. Der Boden ist hier so weich, dass alle Häuser auf Pfählen stehen. Potentiellen Urlaubern sei daher gesagt: Baden kann man an den Stränden in Suriname allerhöchstens im Matsch.

Archive