Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Heute möchte ich über jemanden erzählen, der mich beeindruckt hat. Sein Name ist Lennart.

Lennart ist schmal und klein, sicher noch einmal einen ganzen Kopf kürzer als ich. Seine Zähne stehen weit vor. Er trägt eine Jeans, ein kurzärmliges Hemd, an den Füßen Sandalen und unter dem Arm einen weißen Tablet-Computer, als er mir entgegen tritt. Lennart holt mich bei meinem Apartment ab, weil ich bislang noch nicht allein Taxi in Monrovia gefahren bin. (In der Stadt quetschen sich an bestimmten Haltepunkten immer fünf Fahrgäste auf vier Sitzen in ein Taxi, um gemeinsam eine weitgehend festgelegte Route zu fahren. Gar nicht so schwer, aber ein Neuling aus Europa muss das ja trotzdem erst mal klar kriegen.)

Lennart Dodoo ist einer von zwölf Journalisten, die bei der Zeitung „Insight News & Features“ in der liberianischen Hauptstadt arbeiten. Druckauflage: etwa 1000 Stück. „News Editor“ steht an seiner Tür – auf einem kleinen aufgeschnittenen Papierzettel. Das Büro ist ein kleines Rechteck, etwa 1,5 Meter mal 1,5 Meter. Ein Schreibtisch, zwei Stühle und ein Kabel, um einen Laptop anzuschließen. Es ist düster, nur ganz oben gibt es eine Art schmales Fenster zum Gang.

Der 26-Jährige – halb Ghanaer, halb Liberianer – arbeitet hier fast jeden Tag, oft mehr als zehn Stunden, für einen Monatslohn, der sich in etwa auf das beläuft, was ich am Tag verdiene. Es sei schwierig für die Zeitung, Anzeigen zu bekommen – schon, weil es kaum Unternehmer gebe, die welche schalten könnten. Und wer es könnte, mache es dennoch oft nicht, weil die Konkurrenz fehle. Die eigene – handfeste – Medienkrise in Deutschland kommt mir auf einmal irgendwie kleiner vor.

Er sagt, er wisse nicht, ob er es sich für immer leisten wolle oder könne, als Journalist zu arbeiten. Aber der Job sei wichtig gerade für eine junge Demokratie – auch und gerade, um Verbesserungsvorschläge zu machen. „Zu viel von dem internationalen Geld im Land geht in Projekte, von denen zu wenige profitieren“, sagt er. „Wir müssen so viel wie möglich in die Schulbildung stecken.“

Und was denkt er über die vielen Berichte über Korruption im Land, zum Beispiel in Polizei und Justiz? „Die Journalisten schreiben und schreiben – aber es hat sich viel zu wenig geändert in den vergangenen Jahren.“ Präsidentin Ellen Johnson Sierlief wolle in die richtige Richtung. „Aber es wird wohl eine neue Generation mit einer ganz neuen Einstellung brauchen, damit sich wirklich etwas ändert.“ Zu viele hätten sich an die Korruption gewöhnt, sie sei Teil der Kultur geworden. Frustriert es ihn nicht, dass es nicht schneller vorangeht? Lennart zuckt mit den Schultern. Er beklagt sich nicht. Er macht einfach seine Arbeit.

Würde Hollywood einen Film über den liberianischen Journalisten drehen, dann würde die Produktionsfirma den Streifen vielleicht pathetisch „Lennart – Kämpfer im Dunkeln“ nennen. Was allein schon wegen des ohnehin düsteren Büros zutreffend wäre. Andererseits könnte hier niemand einen Film drehen – eben genau, weil allein während unseres einstündigen Gesprächs im Büro zweimal der Strom ausfällt. Lennart spricht dann ganz selbstverständlich weiter, als sei nichts geschehen. So, wie er es übrigens auch für selbstverständlich gehalten hat, auf der Fahrt in sein Büro als Gastgeber das Taxi zu bezahlen.

Ich kann mich nur wehren, indem ich ihn nachher zum Essen einlade.

„Wohin willst du gehen?“ fragt er.

„Keine Ahnung – irgendwas, wo es liberianisches Essen gibt“, antworte ich.

„Bist du bereit, alles auszuprobieren?“

„Alles, was mir hinterher keine Magenprobleme verursacht.“

Lennart nickt. Und ich kann mich auf sein Urteil verlassen.

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